Sascha Bors: Gestern Nacht im Taxi

Offizieller Klappentext/Verlagstext

Die Köchin muss zur Frühschicht, der Kellner heim. Die Touristen wollen zum Club, der Kiffer zum Dealer. Sie sucht Streit, er sucht eine Prostituierte. Der Australier will zum Hotel, der Däne kotzt gleich vor Ort. Gestern_Nacht_im_Taxi_klein Und sie alle sitzen im Taxi. In lakonischem Plauderton erzählt Sascha Bors von seinen Begegnungen mit gestrandeten Gestalten, schrägen Vögeln und auch immer wieder mit normalen Menschen.


Buchkritik

Auf dieses Buch gestoßen bin ich dadurch, dass ich – auf mir unbekannte Weise – in den Verteiler einer Kommunikationsagentur geraten bin, die offenbar für Amazon arbeitet. Dadurch habe ich in jüngster Vergangenheit schon des Öfteren Rezensionsexemplare seitens dieser Agentur angeboten bekommen, die ich aber bisher immer geflissentlich ignoriert habe, zumal es sich dabei in der Regel um E-Books handelte und ich aber Gedrucktes bevorzuge.
Als ich nun erneut angeschrieben und mir der Gewinner des „Entdeckt! Amazon Autoren-Preis“ 2015 mit seinem Buch vorgestellt wurde, schrieb ich zurück, dass man mir gerne ein Rezensionsexemplar im Taschenbuch-Format zuschicken könne. Zum einen interessierte mich, was für ein Buch den besagten Amazon-Preis gewinnt, zum anderen wirkte dieses Buch tatsächlich gar nicht vollkommen uninteressant. Taxi-Geschichten von einem echten Berliner Taxifahrer.

Und, wie war´s?

Nach den ersten etwa 60 bis 70 Seiten dachte ich noch daran, diesen Artikel zu übertiteln mit „Das öde Leben eines Berliner Taxifahrers“. Und nun ja, ich muss nach wie vor ehrlich sagen, dass ich keine einzige Episode um die beförderten Personen im Berliner Nachtleben über die Maßen spannend fand. Ob das nun irgendwelche ausländischen Touristen sind, mit denen es Verständigungsschwierigkeiten gibt, oder eine Prostituierte, die sich nach getaner Arbeit nach Hause fahren lässt, oder betrunkene Jugendliche, von denen einer (verbal) mit seinem schönen Penis angibt – ja, es ist teilweise ein bisschen skurril, aber eben auch niemals so richtig. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass ich bereits wesentlich merkwürdigere zwischenmenschliche Erlebnisse und Begegnungen hatte – ohne Berliner Taxifahrer in der Nachtschicht zu sein.

Es ist nichts passiert – fahren Sie bitte weiter!

In Ansätzen ist in vielen dieser Episoden sicherlich die Exposition für interessante Geschichten enthalten, doch weil sich Sascha Bors damit begnügt, das tatsächlich Passierte wiederzugeben und nichts darüber hinaus hinzuzudichten, verlaufen manche der Begegnungen nach anfänglichem Spannungsaufbau im Sande, andere dümpeln von Anfang an ohne jede Spannung vor sich hin, um ebenso sang- und klanglos auszulaufen. Es fehlen oftmals die Pointen. Augenscheinlich ist nicht besonders viel passiert. Ich dachte mir manchmal am Ende einer Episode: Na und? Und die Antwort war jedes Mal: Na dann fährt das Taxi eben weiter zu den nächsten halbinteressanten Fahrgästen. Und so weiter.
Dabei ist es nicht so, dass der Autor schlecht schreibt. Es ist zwar nicht literarisch besonders hervorstechend, aber das würde man bei einem solchen Buch auch nicht unbedingt erwarten und wäre seinem Gegenstand womöglich gar nicht angemessen. Es ist ordentlich und streckenweise unterhaltsam geschrieben. An manchen Stellen allerdings wirkt der Stil darum bemüht, jenen „lakonischen Plauderton“ zu erzeugen, von dem im offiziellen Werbetext die Rede ist. Dadurch wird diese Wirkung dann natürlich verfehlt. Aber das ist nun ein absolut subjektives Empfinden meinerseits; andere Leserinnen und Leser könnten das durchaus anders sehen.

Was interessant ist

Ein eindeutiger Pluspunkt dieses Buches, der auch den Kauf und die Lektüre rechtfertigen kann, ist der authentisch wirkende Einblick in das Taxi-Gewerbe im Allgemeinen. Man erfährt etwas über Ortskundeprüfungen, die Funktionsweise des für uns alle mystisch und undurchschaubar anmutenden Taxameters, die ökonomischen Zusammenhänge der Preisgestaltung sowie die Perspektive eines Berliner Taxifahrers namens Sascha Bors im Speziellen. Und dieser scheint ein netter Mensch zu sein mit vernünftigen Ansichten. Außerdem: Ein Taxifahrer, der schreibt und Bücher veröffentlicht – allein das ist super und wäre fast schon Grund genug, das Ding zu kaufen und zu lesen.

Gut oder schlecht?

Gerne hätte ich bei dieser Rezension entweder einen kompletten Verriss oder aber eine totale Überraschungslobhudelei geschrieben. Denn erstens birgt ein von Amazon prämiertes Buch natürlich ein gehöriges Potential in sich, um sich mit einer Rezension entweder gegen den Versandriesen zu positionieren (wodurch man sich der Zustimmung vieler sicher sein darf) oder aber die eigene differenzierte Betrachtungsweise zur Schau zu stellen, indem man etwas, was nun einmal gut ist, auch dementsprechend beurteilt – selbst wenn es mit Amazon in Verbindung steht. Und zweitens wäre eine Lobhudelei auch deshalb schön gewesen, weil ich die Idee von einem schreibenden Taxifahrer, der als Taxifahrer auch tatsächlich in Berlin anzutreffen ist, schlichtweg sympathisch finde.

Leider kann ich aber weder das eine noch das andere bieten. Kein Verriss und keine Lobhudelei. „Gestern Nacht im Taxi“ ist ein nettes Buch von einem vermutlich netten Taxifahrer in Berlin. Es ist zuweilen belanglos, zuweilen ganz interessant und insgesamt recht unterhaltsam. Es liest sich schnell weg, ohne dass viel davon hängen bleibt. Es ist ganz ordentlich geschrieben, aber nicht auffallend gut. Woran es meiner Meinung nach insbesondere mangelt, ist weniger der Stil, als vielmehr, dass sich die einzelnen Episoden nicht zu einem übergeordneten Ganzen verbinden.

Fazit

Vielleicht wäre es gut gewesen, hätte der Autor seine persönlichen Erlebnisse als Grundlage eines Romans genommen, in den dann die interessantesten Episoden seiner Taxi-Geschichten unter einem bündelnden Spannungs- und Handlungsbogen eingeflochten worden wären, mit tieferer Figurenzeichnung und einer größeren Portion erweiternder dichterischer Phantasie. Wirklich interessant wird es in dem Erzählten des Buches (neben den Einblicken ins Taxi-Gewerbe) immer dort, wo man das Gefühl hat, andeutungsweise etwas über das Private des Taxifahrers zu erfahren. Dort und im Dahinter der Fassaden der bestenfalls gestreiften Fahrgast-Charaktere liegt die literarische Substanz, die dem Buch in der vorliegenden Form fehlt, so dass es leider nicht über ein oberflächliches Geplauder hinausgeht.


Das Buch

Sascha Bors: Gestern Nacht im Taxi. Köln 2015 (Emons Verlag).


Der Autor

Mehr zu und von Sascha Bors findet man auf seinem Blog.

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