10.000 Stunden Einsamkeit oder: Wie man Schriftsteller(in) wird

Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen habe, und ich weiß auch nicht mehr, wer es sagte, aber es gibt die Anekdote von der unbekannten Hobby-Autorin, die einmal einen berühmten Autor fragte: „Wie werde ich Schriftstellerin?“ Und er antwortete: „Indem Sie schreiben.“

Hierin drückt sich eine grundsätzlich verschiedene Einstellung dahingehend aus, was es bedeutet, Schriftsteller(in) zu sein. Die Hobby-Autorin aus dem obigen Beispiel zielte mit ihrer Frage natürlich darauf ab, wie man es schaffen könne, als Autor(in) Bücher zu veröffentlichen und erfolgreich zu sein.  Und das ist, was die meisten wohl damit meinen, wenn sie sagen, dass sie Schriftsteller(in) werden wollen. Gemeint ist also, im besten Fall vom eigenen Schreiben leben zu können. Und wenn dieser Zustand erreicht ist, ist man dann Schriftsteller(in). Oder es muss zumindest ein veröffentlichtes Buch geben, um sich Schriftsteller(in) nennen zu können. Übrigens trifft diese Einschätzung in der Regel auch auf die Beurteilung durch die Mitmenschen zu. In den Augen der meisten ist man erst dann Schriftsteller(in), wenn man mit dem Schreiben erste Erfolge vorweisen kann. Das hieße also, dass man durch offizielle Anerkennung oder durch die Veröffentlichung eines Buches dann zu etwas werden würde, was man vorher noch nicht war… Das ist eine merkwürdige Sichtweise. Man würde sich also von jetzt auf gleich in eine(n) Schriftsteller(in) transformieren, sobald die Öffentlichkeit Kenntnis vom eigenen Schreiben nimmt. Und vorher, was ist man da? Jemand, der Schriftsteller(in) werden will?

Schriftsteller(in) werden

Ich würde es mit der Antwort des berühmten Autors (wenn ich doch nur auf seinen Namen käme) aus der obigen Anekdote halten und sagen, dass man Schriftsteller(in) dadurch wird, dass man eine bestimmte Fertigkeit im Schreiben erlangt. Umso mehr, da es in Zeiten des Selfpublishing ein Leichtes ist, ein Buch zu veröffentlichen. Nicht jed(r), der/die ein Buch veröffentlicht hat, ist in meinen Augen wirklich Schriftsteller(in).  Man wird Schriftsteller(in), indem man schreibt und immer besser schreibt, nicht durch Veröffentlichungen oder kommerziellen Erfolg. Dass sich letzteres irgendwann an das Schreiben als Tätigkeit und Lebensform anschließt, ist nur folgerichtig und allen zu wünschen, die wirklich schreiben. Es ist aber nur eine Begleiterscheinung des Schriftstellerseins, nicht die konstituierende Bedingung.

Schriftsteller(in) sein

Ein Autor oder eine Autorin ist jemand, der oder die regelmäßig und konsequent schreibt, jemand, der sich in den Prozess einbringt. Wenn du dich diesem Prozess hingibst, wenn du die Arbeit machst, wenn du regelmäßig und konsequent schreibst, dann bist du bereits ein praktizierender Autor bzw. eine praktizierende Autorin. Schreiben ist Arbeit, noch dazu eine sehr einsame Arbeit, die einem anfangs von niemandem bezahlt wird. Wirkliche Schriftsteller(innen) wollen schreiben, weil sie müssen. Sie entscheiden sich nicht dazu, Schriftsteller(in) zu werden, sondern sie werden Schriftsteller(in), weil sie es im Grunde schon sind und ohne Schreiben nicht sein können oder wollen.

„Ich schreibe, um meine Welt wenigstens für eine Weile unter Kontrolle zu halten.“
– T. C. Boyle

„Ich schreibe, um mich an Dinge zu erinnern, die nie geschehen sind.“
– Harry Mulisch

„Ich schreibe, weil ich eigentlich nur in meinen Texten existiere.“
– Joyce Carol Oates

Wie man wird, was man ist

Was es braucht, um Schriftsteller(in) zu werden, ist eine Verschiebung der Wahrnehmung, gefolgt von konsequenten Maßnahmen. Es geht um Emergenz, um eine Form von Materialisierung. Etwas in deinem Bewusstsein oder Unbewussten möchte heraus  – vom Nichtphysischen zum Physischen – aus der Dunkelheit des Unbewussten über das Geheimnis der Inkubation hin zur Manifestation der Worte. Du bemerkst, dass sich etwas in dir regt, dass etwas verarbeitet und ausgedrückt werden möchte. Es ist etwas in dir, vielleicht ein Problem, das du mit der Welt hast oder mit dir selbst, vielleicht etwas, von dem du selbst noch gar nichts weißt. Vielleicht weißt du aber auch davon. Jedenfalls: Etwas bringt dich dazu, einen Stift in die Hand zu nehmen oder dich an die Tastatur zu setzen und erste Sätze und Gedanken aufzuschreiben. Und wenn du Schriftsteller(in) bist, ist das die Initialzündung. Du wirst nicht mehr aufhören zu schreiben, bis du auch wirklich Schriftsteller(in) geworden bist. Ab jetzt schreibst du fast jeden Tag, und es stellt sich immer wieder ein Gefühl des Fortschritts und sogar der Transformation ein. Das dauert Jahre. Oder Jahrzehnte. Aber du wirst Schriftsteller(in) werden. Weil du es bereits gewesen bist.

Schreib etwas fertig. Und dann das Nächste.

Schreiben ist Arbeit und Übung. Um von verstreuten Ideen und halbgelungenen ersten Entwürfen zu professioneller Disziplin und handwerklicher Fertigkeit zu gelangen, muss man sich lange mit dem Schreiben beschäftigen und das eigene Leben daran anpassen. Kaum jemand wird von Anfang an veröffentlichungsreife Texte schreiben. Es empfiehlt sich, sich zunächst an den kleinen Formen zu versuchen, Gedichte und Kurzprosa, bis man dann vielleicht irgendwann soweit ist, sich an das Verfassen eines Romans zu wagen. Das Schreiben wirklich zu erlernen, ist ein langer und immer wieder einsamer Weg. – Es heißt, man muss an einem Musikinstrument 10.000 Stunden geübt haben, um es wirklich zu beherrschen. Und das trifft sicher auch auf das Schreiben zu. Es sind 10.000 Stunden Einsamkeit. – Aber wer sagt, dass das etwas Schlechtes sein muss?

Happy on your own

Es ist ein unwahrscheinlicher Luxus, diese Zeit mit sich selbst und den eigenen Gedanken zu verbringen. Eigene Welten und Figuren zu erschaffen, die es vorher noch nicht gab. Recherche zu betreiben und reale Fakten ins Reich der Imagination zu übertragen. Fiktion und Realität verschmelzen zu lassen. Sich mit sich selbst, den eigenen Erinnerungen, Erfahrungen und Eindrücken von der Welt auseinanderzusetzen und daraus etwas Neues entstehen zu lassen. Durch die Augen des Schriftstellers wird alles interessant. Die Menschen sind faszinierend. Das eigene Bewusstsein ist faszinierend. Und das Unbewusste hält die größten Überraschungen bereit. Man macht im Schreibprozess ungeahnte Entdeckungen, es kommen Zusammenhänge und Bilder ans Licht, die einen in Staunen versetzen. Schreiben ist wie Alchemie. Schreiben ist eine Verzauberung der Welt.

Und das bedeutet es, Schriftsteller(in) zu sein: Immer auch in dieser anderen Welt zu leben. Und wahrscheinlich schon immer in dieser anderen Welt gelebt zu haben.

9 Gedanken zu „10.000 Stunden Einsamkeit oder: Wie man Schriftsteller(in) wird

  1. Hallöchen ^^
    Mensch, ich musste gerade ordentlich schmunzeln… Ich kenne diese Anekdote und noch vor ein paar Tagen habe ich auch überlegt, sie in einen Beitrag einzubauen, aber ich stand vor dem gleichen Problem wie du, ich habe keine Ahnung mehr, wer es war XD bin. Mir aber auch sehr sicher, dass es nicht King war…
    Doch nun mal Zu deinem Beitrag… Ich habe wirklich genossen das zu lesen. Ich habe gerade eine kleine bzw große schreibkrise…. Nicht nur eine Blockade sondern eben diese ganzen altbekannten Zweifel, ob man überhaupt ein Autor werden kann … Und da denke ich eben auch jedes mal an diesen Ausspruch! Ich glaube, Autor zu sein hat sehr viel damit zu tun, wie man auf die. Welt blickt. Sieht man die Welt in Geschichten hat man einen nie enden wollenden drängen diese Geschichten aufzuschreiben, so ist man ein Autor. Ob man es wirklich zum Durchbruch schaffen wird, bleibt eine andere Frage. Doch Autor zu sein kann einem. Niemand nehmen, denn es würde bedeuten, einem die ganze Persönlichkeit zu nehmen.
    Liebe Grüße von der Luna <3

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    1. Hallo Luna,

      vielen Dank für Deinen schönen Kommentar. Ja, ich sehe das ganz genauso: Die Art und Weise, wie man auf die Welt blickt, entscheidet darüber, ob man SchriftstellerIn ist bzw. den Drang hat, das Wahrgenommene literarisch zu verarbeiten. Ob man damit dann kommerziellen Erfolg hat oder nicht, ist lediglich eine Detailfrage…

      Liebe Grüße
      Anton

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  2. Nicht unbedingt, ich habe vier Dissertationen geschrieben aber keine fertig, aus verschiedenen Gründen, die hier aufzuführen zu lang wären, aber wenn z.B. der Prof. stirbt … Aber ich Stimme Anton zu, eine Dissertation ist nur eine Zusammenstellung von Fakten und Ergebnissen, die in einem engen Ramen gepresst werden. Als Schriftsteller kannst und musst, vor allem aber, darfst du deiner Phantasie freien Lauf lassen und brauchst nur die Welten, die im leeren Blatt Papier schon existieren, zum Vorschein bringen. Einen Prozess den ich als sehr befreiend und befriedigend empfinde.

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  3. Hallo Anton,
    ein paar wirklich gute Gedanken, die du hier zu Papier bringst!
    Mir ist in diesem Kontext letztens erst etwas aufgefallen: Es gibt auch Menschen, die Bücher schreiben und veröffentlichen und damit durchaus Erfolg haben, die wir aber dennoch nicht als Schriftsteller betrachten. Zum Beispiel Professoren an der Uni. Es ist Teil ihres wissenschaftlichen Arbeitens, zu publizieren, und hat nichts mit einer schriftstellerischen Tätigkeit im Eigentlichen zu tun.
    Liebe Grüße, Alexandra

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    1. Hallo Alexandra,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Als Schriftsteller(in) werden in der Regel ja auch nur AutorInnen belletristischer Literatur bezeichnet. Es ist etwas wesentlich Verschiedenes, ob man wissenschaftliche oder belletristische Texte schreibt. Ein Roman, wie ich ihn mir vorstelle, ist zum Beispiel viel schwieriger zu schreiben als eine Dissertation… Aber das nur am Rande, als total subjektives Statement. Doch immerhin spreche ich hier aus Erfahrung…
      Herzlichen Gruß
      Anton

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  4. Tipp zu der anfangs benannten „Anekdote“, die gar keine ist, sondern ein echter Ratschlag: Das stammt von Stephen King und zwar aus seinem ganz und gar wundervollen, weil sehr zugänglichen und dennoch hochprofessionellen Sachbuch „ON WRITING – A Memoir of the Craft“. Unbedingt lesenswert für werdende Schriftsteller(innen). Genauso wie „The Elements of Style“ von William Strunk & E.B. White. Das sind die beiden „Bibeln“, da braucht es kein weiteres Herumstochern im Nebel mehr, nur die richtigen Ideen.

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    1. Vielen Dank für die ergänzenden Tipps! „Das Leben und das Schreiben“ von King habe ich auch hier, und darin erwähnt er im zweiten Vorwort ebenfalls das von Dir genannte „The Elements of Style“ als ein empfehlenswertes Buch, in dem kein Blödsinn steht. Aber bei Stephen King hatte ich die Anekdote (ich bleibe dabei) nicht gelesen. Und der berühmte Autor, von dem ich spreche und der in dieser Anekdote der Hobby-Autorin den durchaus echten Ratschlag gegeben hat, war auch nicht Stephen King, sondern jemand anderer. Wenn mir die entsprechende Textstelle zufällig wieder über den Weg laufen sollte, reiche ich die Information nach, um welchen Schriftsteller es sich handelte…

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