Eine Geschichte mit Geistern – nicht von Dickens, aber trotzdem gut

In Anlehnung an die phantastischen Weihnachtserzählungen vom großartigen Charles Dickens (ja, es gibt mehr als nur „A Christmas Carol“), in denen nicht selten Geister eine tragende Rolle spielen, möchte ich zur Weihnachtszeit ein Buch empfehlen, das sich ebenfalls ganz dem Phantastischen, Abseitigen und Geisterhaften zuwendet. Wenn es auch ansonsten in Stil, Form und Inhalt wenig Gemeinsamkeiten zu den Werken des wohl bedeutendsten Schriftstellers des Viktorianismus aufweist, hat mir die Geschichte dennoch sehr gefallen und sei als Lektüre zur kalten Jahreszeit wärmstens empfohlen.

Hanna-Linn Hava: Schneewittchens Geister. Roman

Schneecover700web-393x600Schneewittchen heißt eigentlich Ernestine Nordmoor und mag Totenköpfe. Sie raucht, ist depressiv und eine Hypochonderin. Weil sie außerdem noch Geister sieht, ist sie in der Psychiatrie ein Dauergast. Als sie eines Tages auf einen verdächtigen Prinzen trifft, ist nichts mehr wie zuvor. Ernestine muss um ihr Leben fürchten, denn plötzlich ist nicht nur die böse Hexe, sondern auch gleich der Leibhaftige hinter ihr her…

Hanna-Linn Hava spinnt frech das Grimmsche Garn zu einem furiosen Fantasy-Spektakel weiter, in dem sich Dornröschen, Rotkäppchen und Schneewittchen die Klinke in die Hand geben und sich mit Geistern, Lindwürmern und allerlei wenig zimperlichen Gestalten herumschlagen müssen.

(Offizieller Klappentext)

Buchkritik

Dieses Buch war für mich eine wirkliche Überraschung. Erstens hätte ich es selbst wohl kaum entdeckt. Die Autorin wandte sich an mich, und weil der Kontakt sehr sympathisch war und die junge Frau durchaus vernünftig und reflektiert schien (sie war etwas enttäuscht und genervt von Rezensionen durch „Jungmädchenbuchblogger mit Vorliebe für Fantasy“), ließ ich mir von ihr ein Rezensionsexemplar zusenden.

Don´t judge a book by its cover

Als das Buch bei mir eintraf, legte ich es – zweitens – umgehend zur Seite, weil mich das Buchcover unangenehm anrührte. Beinahe hätte ich das Ding aufgrund seines Äußeren gar nicht mehr in die Hand genommen und gelesen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele sich gerade von diesem Cover angesprochen fühlen und deshalb zur Lektüre greifen. Bei mir verhält es sich mit der Wirkung gerade umgekehrt. Ja, das Coverbild von Holger Much ist handwerklich ordentlich gemacht; aber es entspricht überhaupt nicht meinen ästhetischen Vorstellungen. Und wenn die Protagonistin des Romans tatsächlich der dargestellten Figur auf dem Cover entspräche, wäre dieses Buch nichts für mich gewesen. Doch wie sich herausstellen sollte, ähnelt die Titelheldin Ernestine Nordmoor nur entfernt diesem gräßlichen Geschöpf mit stechendem Blick.

Die Überraschung

Etwas widerwillig machte ich mich also an die Lektüre. Aber sehr schnell wandelten sich meine Bedenken in ein immer größer werdendes Interesse am Text. Und ich verstand, warum diese Geschichte auf „Jungmädchenbuchblogs mit Vorliebe für Fantasy“ nicht die Resonanz bekommen hat, die sich die Autorin zu Recht erhofft hatte. Denn dieses Buch ist gute Literatur. Und eigenwillig. Es ist von einer Qualität, die diesen besagten Rezensentinnen, die schnell von längeren Sätzen und ambivalenten Charakteren überfordert sind, veborgen bleiben musste. Die Charaktere sind liebevoll entworfen, die Geschichte ist rasant, unterhaltsam und spannend. Obendrein ist das Buch auch noch klug. Zum Beispiel:

„Ich glaube, es gibt keinen Wahnsinn“, seufzte sie zwischen zwei tiefen Zügen an ihrer Zigarette, „ich glaube, es gibt nur viel zu viel Realität.“

Ich sehe das genauso. Beziehungsweise bin ich der Ansicht, dass Wahnsinn dann einsetzt, wenn die Wahrnehmung der Realität nicht mehr ausreichend gefiltert und dadurch nicht mehr genügend eingeschränkt wird.

Märchenanleihen?

Man darf hier, trotz der bekannten Namen, die auch im Klappentext fallen, keine Märchen-Adaption oder -Persiflage erwarten. Das, was Hanna-Linn Hava hier vorlegt, ist absolut eigenständig. Ernestine erinnert nur insoweit an Schneewittchen, als dass sie schwarze Haare hat, blass ist und ebenfalls mit sieben merkwürdigen Wesen das Haus teilt, doch sind es keine Zwerge, sondern eben besagte Geister. Genaugenommen teilt sie ihr altes heruntergekommenes Haus auch nicht mit sieben, sondern mit acht anderen Geschöpfen. Nicht zu vergessen ist nämlich ihr gewaltiger Hund Cerberus, den sie zusammen mit dem Haus geerbt hat und der im Laufe der Geschichte erstaunliche Fähigkeiten offenbart und eine beträchtliche Verwandlung durchmacht.

Dornröschen ist hier Annabelle, und Annabelle ist ein Engel, aber nicht einer von den sanften, lieblichen, sondern trotz ihrer mädchenhaften Gestalt ein eiskalter und todbringender Engel, der im Auftrag des Höchsten alles schlachtet, was zur dunklen Seite gehört.

Rotkäppchen ist hier Charlotta, ein pummeliges, aber nicht untalentiertes Mädchen mit roten Locken, das sich in eine Ausbildung zur Killerin begibt und zwar bei der zweiten zentralen Figur des Romans, demjenigen, der Annabelle sozusagen diametral gegenübersteht: K., der Andere.

Teufel, Hexen, Killer und Dämonen

Der Andere ist der Killer. Nicht irgendein Killer, sondern eben der Killer schlechthin. Aufgrund eines Pakts mit dem Teufel ist er seit Jahrhunderten auf der Erde unterwegs und bringt im Auftrag des Leibhaftigen Menschen um. Eiskalt, präzise und effizient. Er ist, mindestens ebenso sehr wie Ernestine, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und entwickelt sich mehr und mehr, trotz seiner Funktion, regelrecht zum Sympathieträger. Er ist der Einzelgänger par excellence. Unter den Menschen wandelt er unerkannt und unter wechselnden Namen. Die helle und gute Seite hasst ihn. Und auch auf der dunklen Seite, der er geschäftsmäßig bzw. vertraglich zugehört, hat er keine Freunde, sondern bestenfalls Bewunderer – oder es schlägt ihm ehrfürchtige Abneigung entgegen, weil niemand den offenen Konflikt mit ihm wagt. Er selbst begegnet alldem mit Sarkasmus und Lakonie. Insbesondere verordnete Treffen mit anderen Vertretern des Leibhaftigen, in Gestalt von dessen Sekretärin, einer in reinem Weiß gekleideten, wunderschönen Hexe, sowie dem im Klappentext erwähnten Prinzen, der sich als Damon, Befehlshaber aller Dämonen, entpuppt, sind ihm nichts anderes als eine lästige Pflicht. Und so wundert es nicht, dass der Andere in seiner Unberechenbarkeit schließlich maßgeblich verantwortlich ist für den Ausgang der Geschichte.

Fazit

Dieses Buch, in dem neben den schon aufgezählten Gestalten noch Unmengen weiterer phantastischer Wesen (wie z. B. ein Vampir-Dichter, hungrige Ghule, ein Lindwurm, Horror-Mörder-Babys bis hin zum Teufel persönlich) auftauchen, ist ein großer Lesespaß. Die Protagonistin Ernestine Nordmoor in ihrer schrulligen und liebenswerten Eigenartigkeit und vor allem auch die Figur des Anderen lassen die Leserin bzw. den Leser Seite um Seite umblättern, bis das überraschende Ende erreicht ist. Und doch nicht erreicht ist, weil darauf noch fünf Epiloge folgen. Einzig ein anderes Cover hätte ich dem Buch verpasst. Morbide dürfte es zwar sein, aber dennoch charmant und versponnen, eine Ästhetik in Tim-Burton-Manier. Wenn man versteht, was ich damit meine. Eine Ästhetik, bei der trotz aller Morbidität und Düsternis noch immer eine gewisse Schönheit, Wärme und Liebenswürdigkeit durchscheinen. Ein solches Cover wäre aus meiner Sicht diesem fabelhaften Debüt einer vielversprechenden Autorin mit besonderem Stil angemessener gewesen. Denn dieser Roman, in dem es – wenn auch auf humorige Weise – sehr viel um den Tod geht, lässt in gewisser Weise durchaus etwas Schönes und Warmes durchblicken.

Noch mehr Schönes und Warmes findet sich übrigens auf der sehr hübschen Website von Hanna-Linn Hava.


Hanna-Linn Hava: Schneewittchens Geister. Roman. Periplaneta: Berlin 2014; 330 Seiten, 14,90 Euro.


Diese und weitere Rezensionen kann man auch lesen auf www.bookwatch.de

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