Wie man Sexszenen schreibt

Abgesehen davon, dass Sex natürlich immer interessant ist, können Sexszenen im Roman auch wichtige dramaturgische Funktionen einnehmen. Kaum etwas eignet sich so sehr als Motivation für menschliches Handeln – abgesehen von Angst, Liebe, Hass und Machtstreben sowie alles, was im weitesten Sinne unter diesen menschlichen Regungen zu subsumieren ist. Und all diese Regungen wiederum können auf die eine oder andere Weise mit Sex verknüpft sein.

Funktionen von Sexszenen

Sex im Roman kann der emotionale Höhepunkt einer zentralen Geschichte sein, er kann ein eingesetztes strategisches Mittel sein, um Figuren zu manipulieren, er kann zum Machtkampf ausarten, er kann gegensätzliche Charaktere miteinander in Verbindung bringen, er kann Monster in die Welt setzen, er kann symbolische Bedeutung haben, er kann aber auch zur Belustigung und Aufheiterung dienen. Das hängt alles davon ab, wie man ihn nutzt und beschreibt.

Das Risiko von Sexszenen

Sex ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Das ist im Leben so, und das ist beim Schreiben so. Ich glaube, es ist unmöglich, eine Sexszene so zu schreiben, dass sie den meisten gefällt. Wahrscheinlich wird sie immer nur einem Teil der Leserschaft gefallen. Das liegt daran, dass gerade in Sachen Sex ein(e) jede(r) sehr individuelle Vorlieben hat. Was dem einen abgeschmackt vorkommt, findet der andere erotisch, was die eine geil findet, ist der anderen viel zu plakativ, einer dritten wiederum nicht plakativ genug. Für die Autorin und den Autor birgt das Schreiben einer Sexszene immer eine gewisse Gefahr. Erstens, weil man es eben nicht allen wird recht machen können und man deshalb im schlimmsten Fall sogar einige LeserInnen verlieren könnte. Zweitens, weil eine misslungene Sexszene mit einem sehr viel größeren Stigma einhergeht, als beispielsweise eine schlecht geschriebene Einkaufsszene. Wer als Autor eine Sexszene vergeigt, auf den fällt kein gutes Licht. Au weia.

3 Aspekte gelungener Sexszenen

Aber auch wenn es zugegebenermaßen für manchen schwierig sein mag, Sex gut zu schreiben, gibt es doch ein paar Regeln, die es vereinfachen können, schlimme Fehler zu vermeiden.

1 Wechselseitiges Agieren

Angenommen, es handelt sich um die Darstellung von Sex zwischen zwei heterosexuellen Figuren, so kommt es nicht selten vor, dass diese Handlung reduziert wird darauf, ob die männliche Figur erfolgreich darin ist, mit der weiblichen Figur Sex zu haben, ob die weibliche Figur die männliche Figur ´ran lässt´ oder nicht. Natürlich ist das – aus männlicher Sicht – eine interessante Frage, um die sich auch im wirklichen Leben eine Menge dreht. Aber dabei wird oft vergessen, dass die weibliche Figur auch immer Gründe hat, warum sie ihn ´ran lässt´ oder eben nicht. Will heißen, die weibliche Figur möchte ihrerseits vielleicht ebenso gerne Sex haben wie die männliche. Oder aber eben nicht.

Wenn die weibliche Figur lediglich als ´Torwächterin des Beischlafs´ behandelt wird, werden ihre eigenen Bedürfnisse, Gedanken und Motivationen völlig ignoriert. Das ist nicht nur genderpolitisch bedenklich und wird einen möglicherweise einige Leserinnen kosten; man nimmt sich damit auch eine Möglichkeit zu einer tiefer dimensionierten Darstellung der Szene. Was Sex in der Literatur vor allem interessant macht, ist, dass es eine Handlung zwischen zwei sozialen Akteuren ist, bei der – wie subtil es auch sein mag – immer auch das Machtverhältnis zwischen den Akteuren eine Rolle spielt. Wenn man eine Sexszene schreibt, vor allem, wenn es sich dabei um eine besonders intensive handelt, kann es nicht schaden, folgendes Zitat im Hinterkopf zu haben:

„Alles in der Welt dreht sich um Sex, außer Sex. Sex dreht sich um Macht.“ (Oscar Wilde)

Ähnlich wie beim Tanzen oder im Gespräch, wird es auch beim Sex jemanden geben, der oder die – zumindest zeitweise – die Führung übernimmt. Es geht hier auch um den aktiven und den passiven Part, welche im Verlauf der Szene durchaus wechseln können.

Und wenn man im richtigen Leben beim Sex niemals genau wissen kann, was im anderen bzw. in der anderen vorgeht, so sollte man sich als Autorin oder Autor nicht dieser Möglichkeit berauben, darüber Klarheit zu erlangen.

Natürlich, die Frau als Objekt der Begierde ist ein klassisches Motiv der Literatur und bietet eine Menge dramaturgisches Potential. Und auch die Objektivierung einer männlichen Figur zum erotischen Sehnsuchtsobjekt kann wunderbar funktionieren. Deswegen ist es selbstverständlich kein in Stein gemeißeltes Gesetz, dass man sexuelle Anziehung nicht aus nur einer Perspektive beschreiben darf. Doch kommt es dabei sicher auch immer auf die Art von Roman an, die man schreibt. Wenn es sich um eine Geschichte handelt, deren Sujet sich im Wesentlichen um die erotische Sehnsucht der Hauptfigur dreht (z. B. Humbert Humbert in Lolita oder Gustav von Aschenbach in Der Tod in Venedig), ist die Objektivierung einer anderen Figur sicher ein legitimes Mittel. Wenn man aber einen Roman schreibt, in dem Sex und Erotik nicht die Hauptsache der Geschichte sind, sondern lediglich eine Bereicherung der eigentlichen Geschichte, sollte man es vielleicht doch besser mit der Darstellung wechselseitiger Motivationen und Bedürfnisse versuchen.

Die Sexszene wird wesentlich an Tiefe gewinnen, wenn es sich dabei um ein Wechselspiel zwischen den Figuren handelt, bei dem beide Beteiligten sowohl agieren als auch reagieren. Das, was in den Köpfen der Figuren unmittelbar vor, während und nach dem Sex vor sich geht, gibt einer Sexszene eine psychische und emotionale Dimension, die weit über die reine Beschreibung des physischen Aktes hinausgeht. Wir haben hier zwei Charaktere, die beide beim bzw. mit dem Sex bestimmte Ziele verfolgen. Vielleicht nur das Ziel, einen Orgasmus zu bekommen, vielleicht das Ziel, der anderen Figur einen Orgasmus zu bescheren, vielleicht eine Schwangerschaft, vielleicht, sich durch die Verführung und den Sex an einer dritten, nicht anwesenden Figur zu rächen, vielleicht, die andere Figur hinterher zu erpressen, vielleicht, die andere Figur während des Sex zu ermorden, etc. Der Möglichkeiten sind mannigfaltig.

2 Die Balance physischer und psychischer Darstellung

Die Beschreibung der rein physischen Vorgänge beim Sex ist nicht besonders erotisch, und hierin liegt sicher der Unterschied zwischen Erotik und Porno. Porno kann zwar auf eine simple, um nicht zu sagen primitive Art stimulieren, aber alle tieferen und psychischen Aspekte bleiben dabei außen vor. Wer einen Porno konsumieren möchte, wird sich einen besorgen; aber Leserinnen und Leser von Romanen erwarten von Sexszenen nicht so sehr eine direkte Ansprache ihrer Lenden, sondern eher eine Ansprache des Gefühls und der Psyche.

Aber wie soll man Sexszenen schreiben, ohne die physischen Realitäten zu beschreiben? Soll man gar nicht. Man darf durchaus schreiben, was körperlich vor sich geht – nur sollte darauf nicht der Fokus liegen. Die körperlichen Bewegungen beim Sex sind reine Mechanik, und Mechanik alleine ist relativ langweilig.

Erotik bzw. erotische Spannung entsteht durch das, was (noch) nicht gesagt, gezeigt, gemacht wird, durch das, was die Figuren sowie die Leserinnen und Leser vermittels ihrer Vorstellung vorwegnehmen oder ergänzen können. Es ist ähnlich wie der Groove in der Musik, der gerade durch das Fehlen von Tönen erzeugt wird, welche vom Hörer imaginativ ergänzt werden. Man kann ein paar Hinweise darauf geben, was physisch gerade passiert, während man die Beschreibung der Szene ansonsten aber im Wesentlichen auf das wechselseitige Agieren und die inneren psychischen und emotionalen Prozesse der Figuren fokussiert. Dadurch gibt man den Leserinnen und Lesern zugleich die Möglichkeit, den Sex zwischen den Figuren gemäß eigener Vorstellungen stattfinden zu lassen, wodurch man als AutorIn der eingangs erwähnten Prämisse Rechnung trägt, dass Sex eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Was auch immer sich die Leserin oder Leser vorstellt, wie die Figuren Sex miteinander haben: ja, so ist es.

Als AutorIn muss man genügend physische Beschreibung geben, um die Szene zu definieren, aber nicht so viel, dass man dadurch der Imagination der LeserInnen in die Quere kommt. Wenn man physische sexuelle Vorgänge explizit und konkret beschreibt, so muss das durch eine bestimmte Funktion gerechtfertigt sein, durch damit verbundene Gefühle oder Gedanken, gut oder schlecht. Wie immer, gibt es hier selbstverständlich auch Ausnahmen; wenn z. B. gerade die abnorme Praktik gezeigt werden soll, entweder aus humoristischen Gründen oder um auch hierdurch die Eigenartigkeit einer Figur zu unterstreichen oder aus irgendwelchen guten anderen Gründen. Aber einen guten Grund dafür sollte es geben.

3 Das Vokabular

Was bisher noch nicht angesprochen wurde und aber mit Sicherheit eine der Hauptschwierigkeiten ist, wenn man eine Sexszene schreiben will oder muss, ist das angemessene Vokabular. Dazu lässt sich pauschal nichts sagen. Es hängt immer von der jeweiligen Szene ab (wer hat mit wem wie und wo Sex?) sowie von dem Roman als Ganzem (was ist das Genre, was ist die beabsichtigte Stimmung, etc.).

Darüber hinaus ist es natürlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Manche bevorzugen möglicherweise die schnörkellose Benennung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, andere mögen vielleicht umgangssprachliche Ausdrücke, und wieder andere lieben eventuell metaphorische Umschreibungen. Ich selbst kann allen drei Möglichkeiten etwas abgewinnen, es kommt auch hier immer auf den Text und die Szene an. Wenn zwei Figuren miteinander im Bett gelandet sind, die sich zuvor auf einem offiziellen Empfang kennengelernt haben und dort bereits die ganze Zeit über unterschwellig scharf aufeinander waren, so wird der Sex zwischen den beiden nachher umso intensiver ausfallen, einerseits weil die beiden Glücklichen die angestaute Spannung abbauen müssen, andererseits weil dies einen dramaturgischen Kontrast erzeugt. Diese zwei (wie wohl auch die meisten anderen) werden dann während des Aktes vermutlich nicht hochmetaphorisch miteinander kommunizieren, sondern eher in ´dirty talk´ verfallen. Sie werden eher miteinander ficken, vögeln oder bumsen, anstatt einander Wonnen höchsten Glückes zu bereiten und sich das Hohelied der Liebe zu singen.

Insbesondere am Vokabular der Sexszenen werden sich die Geister der Leserinnen und Leser scheiden. Da kann man aber nichts machen. Manche finden eben solche derben Ausdrücke wie oben obszön, manche finden metaphorische Umschreibungen albern, manche finden sachliche Darstellungen zu steril. Der beste Rat, den man hier geben kann, ist, die Sexszene mit dem Vokabular zu schreiben, das man selbst am angemessensten findet und mit dem man sich selbst am wohlsten fühlt.

Und natürlich, wie vorhin bereits angedeutet, darf man die Figuren dabei nicht außer Acht lassen. Welche Wörter würden sie benutzen? Das hängt zum einen von ihrer generellen Anlage ab, d. h. von ihrem sozialen Hintergrund und ihrer Persönlichkeit, zum anderen auch von ihrer jeweiligen Motivation: Welches Ziel verfolgt die Figur? Möchte sie vielleicht romantisch sein oder verführerisch oder verrucht? Vielleicht ist sie aber auch unsicher und unerfahren beim Sex und weiß selbst nicht genau, wie sie was sagen soll? In jedem Fall gilt: realistisches Vokabular funktioniert, und Ausdrücke, die die Leserin und der Leser selbst möglicherweise nicht gebrauchen würden, können für die dargestellte Sexszene aber absolut passend sein.

Und letztlich kann auch gerade darin ein Reiz für manche Leserin oder manchen Leser liegen, nämlich wenn Sex anhand unerwarteten Vokabulars und ungewöhnlicher Praktiken dargestellt wird. Das wird sicher auf die Leserschaft von erotischen Romanen zutreffen. Aber auch die Leserinnen und Leser anderer Romane werden wahrscheinlich nicht immer undankbar sein, in puncto Sex noch Neues zu erfahren.

Fazit

Sexszenen zu schreiben ist also wie die Beschreibung anderer sozialer Interaktionen auch: In erster Linie geht es um die Charaktere und deren Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und Motivationen. Man sollte also nicht versuchen, in erster Linie den Sex als mechanischen Vorgang zu beschreiben, sondern zeigen, wie bestimmte Figuren miteinander Sex haben, was in diesen Figuren währenddessen vor sich geht und was sie von dieser sexuellen Begegnung wollen.

Ein Gedanke zu „Wie man Sexszenen schreibt

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