Falsch oder wahr? – 9 weit verbreitete Hypothesen von Autorinnen und Autoren über Amazon

Nun ist Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, mit einem geschätzten Vermögen von 112 Milliarden Dollar, offiziell der mit Abstand reichste Mensch der Welt. (Es gibt zwar Gerüchte, dass inoffiziell der reichste Mensch der Welt Wladimir Putin heißt, mit einem geschätzten Vermögen von ca. 200 Milliarden Dollar, aber das sind natürlich nur Gerüchte.) Grund genug, sich diesem Wahnsinnsunternehmen von Herrn Bezos näher anzunehmen.

Trotz aller Möglichkeiten, die dem Selfpublishing durch Amazon und sein KDP (sowie CreateSpace) eröffnet wurden, ist der Online-Riese eine anhaltende Quelle der Frustration für viele Indie-AutorInnen. Die Vorgehensweise von Amazon, seine Bewertungskriterien, seine undurchschaubaren Algorithmen, seine geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und teilweise sehr vage formulierten Richtlinien, die zudem mitunter sehr inkonsequent oder gar willkürlich angewendet werden – all das lässt einige Unklarheiten entstehen.

Insbesondere ist es für Autorinnen und Autoren oft ein Rätselraten, welche Parameter zum Beispiel Einfluss nehmen auf die Verkäufe und das Ranking der eigenen Bücher. Hierüber kursieren daher eine Menge Hypothesen. Auch wenn Amazon hinsichtlich Informationen über sein eigenes Vorgehen eher zurückhaltend ist, lassen sich doch zumindest manche dieser Hypothesen empirisch entweder verifizieren oder widerlegen. Manche verbleiben freilich auch in einem unbewiesenen Schwebezustand…

Hypothese 1

Man benötigt 20 Bewertungen, damit das eigene Buch evtl. auch in den „Kauften auch“-Listen auftaucht.

Status: falsch

Wenn man bei Amazon ein bisschen stöbert und zufällige Stichproben vornimmt bei den „Kauften auch“-Listen, wird man immer wieder auf Bücher stoßen, die weniger und manchmal sogar keine Bewertung haben.

Bücher mit einer hohen Anzahl von Bewertungen haben zwar eine größere Chance, in der besagten Liste aufzutauchen, aber die Rezensionen sind nicht der einzige Faktor. Hinzu kommen die zeitliche Aufeinanderfolge von Käufen, die Genre-Zugehörigkeit oder -Verwandtschaft von Büchern sowie andere Faktoren, die nur den Software-Entwicklern bekannt sind, die Amazon im Keller angekettet hält.

Hypothese 2

Je mehr Rezensionen ein Buch hat, desto höher wird es in den Suchergebnissen angezeigt.

Status: falsch bzw. eingeschränkt wahr

Auch hier gilt, dass die Anzahl der Rezensionen nur eine kleine Komponente der Faktoren darstellt, die von dem entsprechenden Algorithmus berücksichtigt werden. Wichtiger für eine höhere Platzierung in den Suchergebnissen sind zum Beispiel Titel und Untertitel, Name der Reihe (sofern zutreffend), Autorenname und Keyword-Relevanz. Auch die Anzahl der Verkäufe dürfte nicht unwichtig sein. Und natürlich andere Faktoren, die nur den Software-Entwicklern bekannt sind, die Amazon im Keller angekettet hält.

Hypothese 3

Bewertungen beeinflussen den Verkaufsrang.

Status: falsch

Der Verkaufsrang wird durch Käufe und Downloads bestimmt, gewichtet nach Aktualität. Bewertungen haben keinerlei Auswirkungen auf den Amazon-Verkaufsrang.

Hypothese 4

Amazon durchsucht soziale Medien nach Verbindungen zwischen AutorInnen und RezensentInnen.

Status: unbewiesen

Amazons beinahe willkürlich erscheinende Praxis des Löschens von Bewertungen, bei denen es glaubt, es liege eine soziale Beziehung zwischen AutorIn und RezensentIn vor, ist eine ständige Quelle von Frustration und Ärger. So begrüßenswert einerseits der Versuch prinzipiell ist, Fake-Rezensionen nicht zuzulassen, so nachvollziehbar ist auf der anderen Seite der Ärger, wenn entsprechende Löschungen nicht gerechtfertigt sind.

Auch bei dieser Betrugsprävention sind die Kriterien, nach denen Amazon eine vermutete Beziehung zwischen RezensentIn und AutorIn bestimmt, ein gut gehütetes Geheimnis. Es ist durchaus naheliegend anzunehmen,  dass Social-Media-Plattformen, die auf Beziehungsnetzwerken basieren, die Quelle der Amazon-Informationen sein könnten.

Dies ist jedoch aus zwei Gründen unwahrscheinlich. In erster Linie vermeidet Amazon Abhängigkeiten von anderen Unternehmen und Plattformen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass Amazon seine Betrugsprävention von dem guten Willen eines Dritten wie Facebook abhängig machen würde.

Außerdem verfügt Amazon selbst über ausreichend Daten, um entsprechende Beziehungen herzustellen bzw. zu rekonstruieren.

  • Wechselseitige Rezensionen
  • RezensentIn wird im Amazon-Adressbuch der Autorin bzw. des Autors angezeigt
  • AutorIn und RezensentIn haben Pakete/Geschenke an denselben Dritten geschickt
  • Eine gemeinsame Kaufhistorie
  • Die Rezension wurde innerhalb von 24 Stunden nach der Veröffentlichung des Buches veröffentlicht
  • Die Rezension stammt von der gleichen IP-Adresse wie der Upload des Buches zur Veröffentlichung

Diese paar Punkte kratzen sicher nur an der Oberfläche. Die Daten, die Amazon sammelt, sind der Schlüssel zum Erfolg dieses Unternehmens, und daher besitzt der Online-Riese auch eine Menge davon. Es besteht keine Notwendigkeit, das eigene Haus zu verlassen, um Informationen über mögliche soziale Beziehungen zwischen den Kunden bzw. Nutzern zu erhalten.

Eine Ausnahme bzgl. externer Informationen ist hier sicher Goodreads, weil es sich hierbei um ein Tochterunternehmen von Amazon handelt, das mit ihm die Daten teilt. (Umso erstaunlicher mutet es an, dass eine solche Informationsweitergabe zwischen Amazon und seinem Tochterunternehmen CreateSpace nach eigener Aussage angeblich nicht stattfindet… > siehe Hypothese 9)

Hypothese 5

Bücher, die Amazon zu explizit findet (oder aus anderen Gründen als störend einstuft), können den KundInnen stillschweigend verborgen bleiben.

Status: wahr

Unsere Einschätzung des Begriffs „beleidigend“ unterscheidet sich wahrscheinlich nicht allzu sehr von Ihrer. (siehe Amazon KDP Inhaltsrichtlinien)

What? –  Zunächst klingt das ja nett und nach vorausgesetztem Konsens. Aber jetzt mal unter uns Pastorentöchtern: Ich glaube nicht daran. – Amazon und ich werden vermutlich nicht die gleichen Vorstellungen darüber teilen, was anstößig bzw. beleidigend ist und was nicht. Warum sollte das so sein, wenn wir ganz offensichtlich auch nicht in anderen Bereichen die gleichen Vorstellungen von Moral und Ethik teilen?

Naja, sei es, wie es wolle. Jedenfalls erlaubt eine so dermaßen vage beschriebene Richtlinie wie die obige es Amazon, angeblich dieser Richtlinie nicht gemäße Bücher nach Herzenslust verschwinden zu lassen im Hades der Laster, Lüste und des Anstößigen. Dieses Schicksal trifft naturgemäß vor allem Erotik-Bücher, aber auch andere Bücher können eventuell davon ereilt werden. Alles, was aus Sicht von Amazon als nicht geeignet für die breite Öffentlichkeit eingestuft wird, läuft Gefahr, bei Rechercheanfragen als mögliches Suchergebnis unterdrückt zu werden. Die geringere Sichtbarkeit kann für die Verkaufszahlen verheerend sein.

Auf der Produktseite des Buches selbst gibt es übrigens keinerlei Hinweis darauf, dass es in Hinblick auf die Suchergebnisliste quasi aussortiert worden ist, weshalb die Autorin oder der Autor sich möglicherweise über die schlechten Verkäufe wundern mag. Technisch versierte Menschen können sich diese Informationen jedoch über die Amazon-Advertising-API anzeigen lassen (wobei das Feld „IsAdultProduct“ gekennzeichnete Titel anzeigt). Andere können zum selben Zweck ein handliches Programm von Aaron Shepard namens „Sales Rank Express“ nutzen (dort „safe“ oder „not safe“).

Der Hauptgrund, warum Bücher bei Amazon im Orcus verschwinden, sind das Cover und der Klappentext bzw. die Inhaltsbeschreibung. Wenn es auf dem Cover zu viel nackte Haut zu sehen gibt oder erotisch konnotierte Körperteile, kann es um das Buch geschehen sein. Und wenn in der Inhaltsangabe bestimmte Reizwörter auftauchen, wird das Buch vielleicht auch ausgefiltert. Hier sollte man dann eventuell eine neue Cover-Version hochladen bzw. den Text entsprechend überarbeiten und eine Neubewertung beantragen, damit das Buch nicht mehr mit dem imaginativen „Adults only“-Stempel versehen wird.

Leider ist Amazons Screening offenbar zufällig und inkonsistent, so dass relativ harmloser Inhalt gekennzeichnet werden kann, während Cover, die eindeutig gegen die Regeln von Amazon verstoßen, unangetastet durchgehen.

Hypothese 6

Die geforderte dreimonatige Exklusivität bei einer Teilnahme am KDP-Select-Programm gilt auch für gedruckte Bücher.

Status: falsch

Die Exklusivitätsanforderung von KDP Select gilt nur für eBooks, nicht für gedruckte Bücher. Bei einer Teilnahme bei KDP Select kann man auch weiterhin Taschenbücher über beliebige andere Anbieter vertreiben lassen.

Hypothese 7

Die 70% Lizenzgebühr kann man nur wählen, wenn man an KDP Select teilnimmt.

Status: falsch

Jedes Buch innerhalb der Preisgrenzen, die von KDP festgelegt wurden, kann sich für die Option „70% Royalty“ qualifizieren, auch wenn es nicht bei KDP Select angemeldet ist. Es ist eine überraschend häufige Fehlannahme, dass dies nicht so sei. 70% Lizenzgebühren sind für jedes Buch zwischen 2,99 $ und 9,99 $ (bzw. €) erhältlich. Daher lohnt es sich evtl. für manch eine(n) Autor(in), die Preisgestaltung bzw. das gewählte Preismodell der eigenen Bücher noch einmal zu überprüfen – möglicherweise verdienen einige momentan nur die Hälfte der potenziellen Lizenzgebühren.

Hypothese 8

Amazon Affiliate-Links sind in eMails, eBooks, PDFs oder gedruckten Materialien nicht erlaubt.

Status: wahr

Das Amazon Associates-Programm verbietet es, Affiliate-Links „in irgendeiner Art und Weise offline“ zu verwenden, die Amazon als „gedrucktes Material, Mailing, SMS, MMS, E-Mail oder Anhang zu E-Mail oder ein anderes Dokument“ definiert.
Im Wesentlichen möchte Amazon, dass alle Affiliate-Links auf eine Ursprungs-Website rückverfolgbar sind. Affiliates, die diese Regel nicht einhalten, können von jetzt auf gleich ihre Konten und ihre Provisionen verlieren, wie mehrere E-Mail-basierte eBook-Discovery-Dienste im Jahr 2015 zu ihrer Bestürzung feststellen mussten.

Hypothese 9

Nicht alle Verkäufe von Taschenbüchern über Amazon werden der Autorin bzw. dem Autor im CreateSpace-Konto als Einnahmen gutgeschrieben

Status: unbewiesen

Die Erfahrungsberichte häufen sich, dass Autorinnen und Autoren, die über das Amazon-Tochterunternehmen CreateSpace Taschenbücher veröffentlicht haben (die ausschließlich über Amazon verkauft werden), bei Testkäufen keine entsprechenden Einnahmen in ihrem CreateSpace-Account feststellen konnten. Nachfragen bei CreateSpace ergaben stets die gleiche Antwort: Man habe keinen Einblick in die Verkaufszahlen von Amazon. Nachfragen bei Amazon ergaben stets die gleiche Antwort: CreateSpace sei ein eigenständiges Unternehmen – man solle sich an deren Support wenden.

Aber müssen nicht die Verkaufszahlen von Amazon an CreateSpace weitergeleitet werden, damit dort überhaupt Einnahmen verbucht werden können? – Selbstverständlich. Ein Schelm, der etwas Böses dabei denkt…


Sagte ich schon, dass der Gründer von Amazon, Jeff Bezos, mittlerweile offiziell der reichste Mensch der Welt ist? – Da sieht man mal, wie weit man es mit ehrlicher, harter Arbeit bringen kann. Herzlichen Glückwunsch, Jeff! In mir hast Du einen tiefen Bewunderer gefunden, und ich werde mir das alles noch etwas genauer anschauen, was Du da so machst.

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