»Ich will so bleiben, wie ich bin«, oder: Figuren, wie in Stein gemeißelt

Figuren sind das schlagende Herz jeder Geschichte. Selbst diejenigen Autorinnen und Autoren, die versuchen, diesen grundlegenden Baustein des Geschichtenerzählens auszulassen, nutzen in der Regel dann unbelebte Objekte, um die Lücke zu schließen, und verleihen Hügeln, Städten, Bäumen und Fahrzeugen Persönlichkeit.

Doch eine Figur rechtfertigt eine Geschichte nicht von selbst. Egal, wie interessant ein Charakter auch sein mag, es gibt einen Grund, warum wir als Leserinnen und Leser eingeladen sind, diese Figur zu beobachten. Wir schließen uns ihr fast immer an einem Punkt der Veränderung an und erleben mit, wie sie durch Prüfungen und Schwierigkeiten geht und sich als Individuum verändert.

Dies ist die ›Figur-Entwicklung‹, ein viel diskutierter Aspekt des Erzählens, der Ihrer Geschichte ein Tempo, einen Zweck und einen Kontext gibt. So wie die meisten Leute Ihnen sagen würden, dass eine Geschichte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende braucht, würden die meisten Autorinnen und Autoren Ihnen sagen, dass eine interessante Figur-Entwicklung wesentlich ist, um eine gute Geschichte zu erzählen.

Natürlich gibt es immer Ausnahmen. Bevor Sie sich aber an diesen Ausnahmen versuchen, die wir im Folgenden näher betrachten werden, sollten Sie wissen, dass Figur-Entwicklungen prinzipiell wichtig sind. Sie schaffen das Gefühl einer ›Reise‹ durch das Buch und ermöglichen es den Leserinnen und Lesern, interessante Persönlichkeiten zu verstehen und sich von ihnen überraschen zu lassen. Die Ausarbeitung der Entwicklung einer Figur sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Und nur in Ausnahmefällen ist es besser, eine Figur die Geschichte mit der gleichen unveränderten Persönlichkeit beenden zu lassen, die sie auch am Anfang hatte.

Diese Fälle lassen sich zur Vereinfachung in drei Kategorien einteilen:

  1. Fokus auf die Umgebung oder Situation
  2. Erforschung von Charakter und/oder Philosophie
  3. Kontrast zu anderen Charakteren durch ›Negatives Spiegeln‹

Diese Kategorien schließen sich keineswegs gegenseitig aus – Sie werden in der Regel mehr als eine von ihnen in Anwendung finden. Sowohl einzeln als auch kombiniert kann es sich dabei um starke Erzähltechniken handeln.

Fokussierung auf Umfeld und Situation

Ein Grund, warum ein Schriftsteller auf die Entwicklung einer Figur verzichten könnte, ist, dass der Charakter lediglich ein Medium zur Untersuchung einer Umgebung oder Situation ist. Hier braucht die Geschichte noch den Charakter, aber vor allem als Werkzeug, um damit durch die Erzählung zu gehen. Dies zeigt sich oft in der »Genre-Literatur«, bei der davon ausgegangen wird, dass die Leserinnen und Leser die Traditionen und Konventionen eines Genres verstehen und sich dafür interessieren, wie der Autor mit ihnen umgeht. Hier verwenden Autorinnen und Autoren oft ›Stereotype‹ – unkomplizierte Charaktere, die eine vertraute Rolle spielen. In solchen Fällen wäre es eigentlich störend, wenn sich die Figur im Laufe der Geschichte ändern würde, da ihre Konsistenz der Schlüssel zum Experimentieren in anderen Bereichen ist. Hier fungiert die Figur als Ort des gegenseitigen Verständnisses, ein Fundament, auf dem der Autor bauen kann.

Dieser gleiche Effekt kann auch auf Werke angewendet werden, die keine »Genre-Literatur« sind, aber Sie sollten dabei vorsichtig sein. Es gibt einen großen Unterschied, ob man einen konsistenten Charakter benutzt, um andere Elemente einer Geschichte zu präsentieren, oder ob man sich nicht die Mühe macht, interessante Charaktere zu erschaffen, weil man sich nur um den ›Weltenbau‹ kümmert. Um sicherzustellen, dass Sie das erstere tun, fragen Sie sich, wie die Vertrautheit des Charakters für den Leser dessen Leseerfahrung an anderer Stelle aktiv unterstützt bzw. begünstigt. Wenn Sie darauf eine überzeugende Antwort haben, ist es gut; wenn nicht, dann ist es an der Zeit, über Ihre wahre Motivation nachzudenken. Aus Bequemlichkeit sollte man die Entwicklung seiner Figuren nicht vernachlässigen.

Untersuchung einer Figur und/oder ihrer Philosophie

Die Kehrseite der Konzentration auf das Setting ist die Erforschung einer Figur oder ihrer Philosophie. Hier gibt es keine Figur-Entwicklung, denn der Zweck ist es, den bereits existierenden Charakter vollständig zu erforschen. Die Figur ist bereits derart interessant, dass Sie überhaupt nicht möchten, dass sie sich verändert, weil jede Veränderung eine ›Verflachung‹ bedeuten würde.

Dies ist teilweise der Fall für die Figur ›Rorschach‹ in Alan Moore’s »Watchmen«. Diese Figur wirkt etwas soziopathisch und schreckt nicht vor abscheulichen Handlungen zurück, besitzt aber einen konsistenten Moralkodex, den Moores Geschichte bis zum Äußersten auf die Probe stellt. Rorschachs Hauptmerkmal ist seine Unfähigkeit, hinsichtlich seiner Überzeugungen Kompromisse einzugehen. Mit dem Rest der Besetzung wird er im Verlauf der Handlung quasi ›durch den Fleischwolf gedreht‹, aber nach unzähligen Herausforderungen und einem nervenaufreibenden letzten Akt bleibt er allein bis zum Schluss der Geschichte scheinbar unverändert. Dieser Mangel an Transformation wird durch die wachsenden Herausforderungen der Handlung noch unterstrichen – sein schwarz-weißes moralisches Urteilsvermögen bleibt das gleiche, egal ob er am Anfang Straßenräuber stellt oder am Ende einen Atomkrieg erlebt.

Diese Methode funktioniert nur mit tiefen oder faszinierenden Charakteren, und genau wie bei der vorherigen Technik ist es wichtig, sicherzustellen, dass Sie es aus den richtigen Gründen tun. Vergewissern Sie sich, dass der Anfangszustand des Charakters so interessant ist wie Sie denken, bevor Sie davon absehen, dass er sich im Laufe der Geschichte ändert.

Kontrast zu anderen Charakteren durch ›Negative Spiegelung‹

Einer der häufigsten Gründe, die Idee einer Figur-Entwicklung aufzugeben, ist die Schaffung eines Charakters, der dazu dient, die Entwicklung anderer und die eigene Unverändertheit zu kontrastieren. Die persönliche Reise eines Charakters wird noch deutlicher, wenn der Leser seine Anfangs- und Endpersönlichkeiten mit jemandem vergleichen kann, der sich nicht verändert hat. Die Idee dabei ist, dass der Mangel an Veränderung in einem Charakter die gleiche narrative Funktion erfüllt, die eine Veränderung bei der anderen hat. Beide Figuren durchlaufen den gleichen Prozess, aber die Tatsache, dass eine von ihnen unverändert bleibt, sagt uns etwas über den Charakter aus und hat seine eigene narrative Kraft. Gleichzeitig wirkt die Veränderung der anderen Figur umso stärker.

Der Charakter steht vor Herausforderungen, die seine Überzeugungen und Ideale auf die Probe stellen, und wird schließlich mit einer Situation konfrontiert, die seine eigene Vorstellung davon, wer er ist, in Frage stellen könnte. Bei der einen Figur ergibt sich daraus ein Verhalten, das die Veränderung betont. In der ›negativen Spiegelung‹ der anderen Figur zeigt sich, dass keine Veränderung stattgefunden hat, und es wird erklärt (zumindest ansatzweise), warum das so ist.

Dies ist sicherlich bei den »Watchmen« der Fall. Während die anderen Figuren durch die zu bestehenden Herausforderungen existentielle Persönlichkeitsentwicklungen durchlaufen, bleibt sich Rorschach durchgängig treu. Rorschachs Unfähigkeit zur Veränderung hat tiefgreifende Auswirkungen auf den Leser, auch wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, sie zu interpretieren. Ist er ein Mann von unerschütterlicher und bewundernswerter Überzeugung oder ein philosophisch begrenzter Rohling? – Jede der beiden Antworten lässt die Leserinnen und Leser fasziniert diesen unbeirrbaren Charakter beobachten und steigert das Leseerlebnis. Zugleich wirken die Veränderungen, die die anderen Helden durchlaufen, umso drastischer.

Abschließend

Wie jede Kernidee, kann auch das Konzept der Figur-Entwicklung zum Experimentieren genutzt werden. Wenn es einen guten Grund gibt, auf eine Veränderung eines Charakters im Laufe der Geschichte zu verzichten, können Sie das tun. Dies kann zu fantastischen Geschichten führen, solange Sie diese Facette des Geschichtenerzählens bewusst aufgeben, um ein positives Ergebnis zu erzielen. Ein falscher Grund wäre aber, die Entwicklung Ihrer Figuren zu ignorieren, weil Ihnen die Darstellung der Veränderungen schwerfällt. Rechtfertigen Sie das nicht im Nachhinein damit, dass diese ›Nichtveränderung‹ womöglich für irgendetwas gut sein könnte. Stellen Sie von vornherein sicher, dass dies der Fall ist, indem Sie Ihre Gründe für das Fehlen einer Figur-Entwicklung notieren – denken Sie daran, dass Sie mehr als einen Grund haben dürfen. Wenn Sie aber keinen wirklich überzeugenden Grund finden, sollten sich Ihre Figuren innerhalb der Geschichte weiterentwickeln.

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass auch ein Charakter ohne Persönlichkeitsentwicklung immer noch interessant sein muss. Wenn er nur als eine Art Schablone zum Vergleich dient, dann wird der Leser schnell von ihm gelangweilt, und jede Wirksamkeit wird verlorengehen.

Datenschutzhinweis zur Kommentarfunktion: Kommentare werden an die WordPress-Entwickler von Automattic Inc. in den USA weitergeleitet und auf Spam überprüft. Mailadressen werden an den WordPress-Dienst Gravatar weitergeleitet zur Prüfung, ob ein Profilbild vorliegt. Falls Du nicht mit Deinem WordPress-Konto angemeldet bist, kannst Du selbst entscheiden, ob Du zu Deiner Mailadresse Deinen wirklichen Namen oder ein Pseudonym angeben möchtest. Die Freischaltung des Kommentars erfolgt manuell durch indieautor.com nach inhaltlicher Überprüfung. Auf Wunsch werden Deine Kommentare auch gerne wieder gelöscht. Mehr Infos findest Du in der Datenschutzerklärung.

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s