Wie Sie Ihrem Protagonisten echte Persönlichkeit verleihen

Persönlichkeiten echter Menschen sind in der Regel schwierig und lassen sich nicht bequem in ordentliche kleine Kategorien einordnen. Menschen können sowohl introvertiert als auch extrovertiert sein und sich – je nach Situation – von einem äußerst selbstbewussten Menschen in ein verschüchtertes, kaum noch handlungsfähiges Wesen verwandeln. Die Aufgabe, einer fiktiven Person etwas so Komplexes und Einzigartiges wie eine Persönlichkeit zu verleihen, ist in Bezug auf den Protagonisten der Geschichte oft besonders schwierig. Es kann sein, dass gerade sein ›Heldentum‹ den Protagonisten daran hindert, ein interessanter (fiktiver) Mensch zu sein. Solche Helden findet man beispielsweise sehr oft in Vampirgeschichten junger, ambitionierter Nachwuchsautorinnen. Das, was die Protagonisten interessant machen soll, ist ihr ›Geheimnis‹: Sie sind ein Vampir oder ein Werwolf. Das ist etwas, was für die weibliche Protagonistin, die schon längst zarte Liebesbande zum männlichen geheimnisvollen Protagonisten geknüpft hat, immer sehr überraschend kommt und womit sie erst einmal einen Umgang finden muss. Davon abgesehen aber, gibt es nichts an diesen mysteriösen Typen, was noch besser sein könnte. Sie sehen phantastisch aus, sind klug, charmant, witzig, unglaublich stark und vermutlich der Hammer im Bett – wenn es denn dazu kommt.

Solche Figuren sind superlangweilig. Manchmal braucht es zwar einen klassischen, ›geradlinigen‹ Helden, aber er sollte doch immer zumindest ansatzweise irgendwelche Ecken und Kanten haben, die die Persönlichkeit eines Charakters wirklich durchscheinen lassen. Es gibt niemanden, der nicht auch irgendwelche Seiten und Eigenschaften an sich hat, die Mitmenschen auf eine Belastungsprobe stellen könnten…

Was ist eine Persönlichkeit?

Das scheint eine seltsame Frage zu sein. Schließlich haben wir alle eine ziemlich gute Vorstellung davon, was eine Persönlichkeit ist. Aber es ist eben nur eine Vorstellung bzw. ein vages Abstraktum. Was wir brauchen, ist eine klare Definition, was eine Persönlichkeit ist. Denn das wird es viel einfacher machen, eine Persönlichkeit für den Helden Ihrer Geschichte festzulegen.

Die kurze Antwort ist, dass eine Persönlichkeit das ist, was einen Menschen ausmacht. Es ist das, was unsere Geschmäcker, Meinungen, Motivationen und Reaktionen beeinflusst. Aus der Sicht eines Psychologen entwickelt sich die Persönlichkeit auf drei verschiedene Arten: die Person als Akteur (Verhalten), Agent (Streben) und Autor (Erzählen). »Akteur« bezieht sich auf unsere Dispositionsmerkmale, »Agent« auf unsere Motivationswerte und »Autor« auf unsere »selbst erzählerische« oder »narrative Identität«, was so viel bedeutet wie das geschichtsträchtige Verständnis, das eine Person dahingehend entwickelt, wie sie geworden ist und ›wohin sie im Leben geht‹.

Die Persönlichkeit eines Charakters ist eine Kombination aus Disposition, Motivation und persönlicher Erzählung.

Nun, da wir eine Persönlichkeit in drei verschiedene Elemente zerlegt haben, lassen Sie uns diese etwas weiter unterteilen.

Disposition

Sie kennen den Satz »Das Glas ist halb voll oder halb leer«. Das ist im Grunde genommen das, was eine Disposition ist. Kurz gesagt, es bezieht sich auf die Stimmung einer Person, die sich meist dadurch ausdrückt, dass man die Dinge entweder in einem positiven oder negativen Licht sieht. Die Disposition Ihres Helden zu erschaffen und zu kommunizieren, wird ihm eine stabile, erkennbare Persönlichkeit und eine vorhersehbare Art und Weise geben, auf fast jede Situation zu reagieren. Sie wirkt sich auch akut auf die Entscheidungs- und Verhandlungsprozesse der Figur aus.

Auf der Dispositionsskala haben wir auf der einen Seite »positiv« und auf der anderen Seite »negativ«. Ein klassisches Beispiel für einen Helden mit einer positiven Gemütsverfassung ist Mark Twains Huckleberry »Huck« Finn – unerschütterlich heiter und von Natur aus vertrauensvoll gegenüber anderen, manchmal zu seinem Nachteil. Ein klassisches Beispiel für einen Helden mit einer negativen Disposition ist Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens´ Weihnachtsgeschichte, dessen Vorliebe für Zynismus an eine klinische Diagnose grenzt. Höchstwahrscheinlich werden Sie die Disposition Ihres Helden irgendwo zwischen diesen beiden Extremen platzieren wollen, es sei denn, Sie schreiben für ein jüngeres Publikum oder arbeiten an einer Parodie oder einer Parabel.

Motivation

Im Kontext der Persönlichkeit erstrecken sich Motivation sowie Ziele und Pläne auch auf Werte und Tugenden. Was wollen Ihre Helden letztendlich im Leben? Was und wen schätzen sie vor allem? Was bringt sie morgens aus dem Bett? Wie gehen sie mit den Herausforderungen um? – Als aggressives, selbstbestimmtes Wesen tun Menschen mehr als nur relativ konsistente Handlungen in bestimmten Situationen und im Laufe der Zeit. Als ›Agenten‹ treffen Menschen Entscheidungen, sie planen ihr Leben, sie rufen ihre eigene Identität ins Leben, und sie rufen bestimmte Situationen durch ihre Handlungen hervor.

Für einen Helden sind motivierende Eigenschaften in der Regel die dominantesten bei der Definition seiner Persönlichkeit. Für einen widerwilligen Helden wie Frodo aus »Herr der Ringe« übersteigt seine Motivation, eine immens gefährliche Mission für das größere Wohl der Welt durchzuführen, seine offensichtliche Angst und Unerfahrenheit. Eine meiner liebsten literarischen Figuren ist Bartleby, aus der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville. Diese Figur zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie sich allen Handlungsanweisungen verweigert, und als Leser fragt man sich, welche Motivation wohl hinter dieser vollkommenen motivationslosen Haltung stehen mag…

Selbstdarstellung

Die Selbstdarstellung ist gewissermaßen der Klebstoff, der alles in einer Persönlichkeit miteinander verbindet. So verstehen wir all unsere vergangenen Erfahrungen und unsere aktuelle Position in der Welt und entscheiden, wie sie sich in unseren Selbstsinn einfügen. Hier trifft kulturelle Identität auch auf psychologische Identität und umfasst, wie wir – ob wissentlich oder nicht – unsere Dispositions- und Motivationsmerkmale mit unserem sozialen, politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Umfeld, dem Kulturerbe, der formalen Bildung und den Erwartungen an unsere Geschlechterrolle verbinden. In anderen, weniger gewundenen Worten: externe Faktoren außerhalb unserer Kontrolle bestimmen, als was wir uns selbst sehen. Aber eben nicht nur: Denn wie wir uns selbst sehen, ist ein Resultat unserer Interpretation der Gegebenheiten. Ich kann mir zum Beispiel die Figur eines Obdachlosen vorstellen, der nicht mehr besitzt als die Kleidung an seinem Leib, und sich selbst trotzdem in einer Art ›poetischer Verklärung‹ als ›König der Welt‹ empfindet. Hier würden dann Außenwirkung und Selbstempfinden einen interessanten Kontrast bilden. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Eine wohlhabende und beruflich erfolgreiche Figur fühlt sich trotz des äußeren Anscheins hohl und sinnentleert – sie leidet unter Burnout oder Depressionen oder beidem. Häufiger wird es natürlich vorkommen, dass die Selbstdarstellung bzw. das Selbstempfinden mehr oder weniger mit den Lebensbedingungen der Figur kongruent sind, d. h. ein wohlhabender und erfolgreicher Geschäftsmann wird sich eben genau so empfinden und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben, möglicherweise auch mit narzisstischem Einschlag, während ein Obdachloser sich vermutlich eher als ›Verlierer der Gesellschaft‹ sehen wird.

Die Hintergrundgeschichte, das Umfeld und die sozialen Beziehungen prägen und beeinflussen die Persönlichkeit Ihres Protagonisten.

Kompositum

Die Zusammenstellung dieser drei oben genannten Qualitäten (Disposition – Motivation – Selbstdarstellung) bietet eine Blaupause für die Persönlichkeit. Sie können die Persönlichkeit einer Figur anhand dieser Elemente in einem dreistufigen Prozess herausarbeiten:

  1. Wie nähert sich diese Figur der Welt?
  2. Wenn man das weiß: was will diese Figur vom Leben und von ihrer unmittelbaren Situation?
  3. Wenn man das weiß: wie muss ein Charakter die Welt wahrnehmen, um mit seinem Alltag, seiner Geschichte und/oder neuen Ereignissen fertig zu werden?

Sie könnten sich zum Beispiel dafür entscheiden, dass ein Charakter depressiv ist und dass seine Hauptmotivation darin besteht, in Ruhe gelassen zu werden. Wenn diese Elemente der Persönlichkeit festgelegt sind, macht es Sinn, dass Ihr Charakter zwischenmenschliche Interaktion als unnötig oder störend empfindet – es ist nichts, was er will oder braucht, tatsächlich will er es nicht, und so wird diese Figur in ihrer persönlichen Geschichte den Kontakt zu anderen Menschen weitestmöglich vermeiden.

Die Persönlichkeit Ihres Charakters besteht, wie oben gesehen, zum einen aus der psychischen Disposition, zum anderen ist sie aber auch das Resultat von Entscheidungen.

Sie könnten einen hedonistischen Charakter erschaffen, der sich damit beschäftigt, seine Genusssucht zu sättigen, und dabei wenig Rücksicht auf andere nimmt. Die persönliche Erzählung dieser Figur – also die Geschichte, die sie sich selbst über die Welt erzählt – muss daher Exzesse entschuldigen, sei es, indem sie einen moralischen Rahmen leugnet, der ein solches Leben verbieten würde, sei es, indem sie diesen moralischen Rahmen annimmt und ihren Hedonismus an einen tief verwurzelten Selbsthass bindet, sei es, indem sie einen philosophischen Überbau mit eigener Moral entwirft, die ihren Hedonismus rechtfertigt.

Es gibt viele Möglichkeiten, eine Persönlichkeit für Ihren Protagonisten zu konstruieren, aber diese drei Stufen bilden ein Gerüst, das dabei hilft, spätere Ideen konsistenter auszugestalten. Vielleicht möchten Sie einen knallharten Pazifisten oder einen sexbesessenen Mönch oder einen zartbesaiteten Auftragskiller erschaffen; jede Kombination von Eigenschaften ist möglich, aber sie werden erst glaubwürdig, wenn sie in einer konsistenten Persönlichkeit versöhnt sind.

Dies ist der Rahmen für das Schreiben einer effektiven Persönlichkeit, aber es gibt noch mehr zu beachten, wenn es darum geht, einen Protagonisten zu erschaffen, der lebendig und glaubwürdig wirkt.

Meinungen und Eigenheiten

Geschmäcker und Meinungen sind Ausdruck der Persönlichkeit und daher auch eine einfache und direkte Art, eine solche zu vermitteln. Verteilen Sie sie in Ihrer gesamten Geschichte, aber nur, wenn sie relevant sind oder natürlich auftreten. Zu wissen, ob Ihr Held Croutons auf seinem Salat bevorzugt, die Musik von Pink Floyd mag oder Sex am liebsten ›Doggy Style‹ hat, bringt Farbe ins Spiel und macht Ihren Protagonisten lebendiger und ›menschlicher‹; aber Sie sollten solche Informationen nicht geben, wenn es in der Geschichte gerade nichts zur Sache tut. Wenn der Held Ihrer Geschichte in einem Restaurant nach Croutons zu seinem Salat verlangt, ist das eine nette Petitesse; wenn er mit der begehrten Frau in trauter Zweisamkeit bei sich zu Hause ist und ihr seine Schallplattensammlung zeigt, kann das Gespräch auf seine Vorliebe für Pink Floyd kommen; und wenn sie seinen Musikgeschmack teilt, sich die beiden auch darüber hinaus sehr sympathisch sind und sie daraufhin dann gemeinsam im Bett landen, können die Leserinnen und Leser unter Umständen auch noch von jener weiteren Vorliebe erfahren, die oben genannt wurde. Wenn all diese Vorlieben und Eigenheiten aber nicht ›natürlich‹ in Situationen eingebunden, sondern stattdessen an irgendwelchen Stellen zusammenhanglos mitgeteilt werden, sind es nur überflüssige Informationen ohne jede Relevanz für die Geschichte.

Dualismus

Die klassische Dynamik zwischen Protagonist und Antagonist ist das Prinzip »zwei Seiten derselben Medaille«. Wenn Ihre Geschichte diesem Prinzip entsprechen soll, dann sollte Ihr Bösewicht eine dunkle Reflexion dessen bieten, was Ihr Held werden könnte, wenn er von seinem gerechten Pfad abweicht, und als solcher einige der schlimmsten Eigenschaften Ihres Helden teilen. Ein ideales Beispiel hierfür sind sicherlich Luke Skywalker und Darth Vader. Der von der dunklen Seite der Macht beseelte Vater führt den Leserinnen und Lesern vor Augen, welche Zukunft den Sohn erwartet, wenn dieser der Versuchung der dunklen Seite erliegen sollte. Aber auch Frodo und Gollum sind ein solches ›Spiegel-Paar‹. Wahrscheinlich könnte man auch Graf Dracula und Jonathan Harker dazu zählen.

Abschließend

Eine gut durchdachte Persönlichkeit ist die harte Arbeit wert, die es braucht, um sie zu entwerfen. Denn sie ist das Fundament für glaubwürdige Charakterinteraktionen, realistische Dialoge und das Gefühl auf Seiten Ihrer Leserinnen und Leser, dass sie die Charaktere, die Sie porträtieren, verstehen.

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