Verkannte Genies, oder: Wenn erwachsene Männer noch auf Hesse stehen

Hält man sich im Netz in einschlägigen Literaturforen auf oder besucht die entsprechenden Blogs, trifft man beinahe unweigerlich auf einen von ihnen. Menschen, die von sich selber annehmen, etwas anders zu sein als die anderen. Sie sind etwas besonderer als die anderen. Gerne auch ein klein bisschen verrückt. Hihihi.

Man erkennt sie an ihren Kommentaren, an denen sie nicht sparen, weil sie fast zu allem etwas zu sagen wissen. Sie kennen sich mit sehr vielen Dingen sehr gut aus, haben die unweigerlich richtige Perspektive auf alles, denn durch sie waltet die Tiefe des Seins. Und natürlich schreiben sie nicht nur Kommentare. Nein, alle von ihnen haben irgendwelche Werke in Arbeit und noch viel mehr Formvollendetes zuhause in den Schubladen und auf Festplatten und in den unvermeidlichen Moleskins.

Es sind Unmengen, die im mehr oder weniger Verborgenen schreiben, weil sie entschieden haben, sie könnten es gut. Sie machen es unter Schmerzen und Leiden, weil es ihre Aufgabe ist – von irgendwo oben oder unten oder wer weiß woher auf sie übertragen. Mit viel Glück schreiben diese Menschen nette, etwas abstruse Bücher im Selbstverlag, die niemanden allzu sehr belästigen. Mit noch mehr Glück, haben sie noch nichts veröffentlicht, und die Wahrheiten schwelen noch in ihren Schubladen, auf ihren Festplatten oder den unvermeidlichen Moleskins. Im allerbesten Fall lassen sie die Sachen unveröffentlicht, weil die Welt noch nicht reif ist für das, was sie zu sagen hätten, und niemand bekommt etwas davon mit. Das sei uns allen gegönnt.

Steppenwolf-Inflation

Diese Männer – und es sind fast immer Männer – betrachten sich als Poeten und Visionäre. Es sind oft verkannte Genies, die auch mit Mitte vierzig noch Hesse verehren und dessen Werke als das Nonplusultra möglicher Erkenntnisquelle ansehen. Sie geben sich Namen, die Andersartigkeit und besondere Fähigkeiten implizieren (ich unterlasse es, hier konkret zu werden), und bringen anonym ihre philosophischen Einsichten in den virtuellen Umlauf. Auf Blogs, in Foren, in den sozialen Medien − jeder wird ein solches Genie schon angetroffen haben, denn es gibt unfassbar viele von ihnen. Ob sie sich wohl darüber im Klaren sind, wie viele sie sind? Allesamt einsame, missverstandene und exklusive Steppenwölfe? Legion ist ihr Name. Wenn sie wüssten, wie viele sie sind, gäbe es vielleicht keinen Grund mehr für sie, sich so einsam und missverstanden zu fühlen. Und wenn es so viele von ihnen gibt, muss man dann nicht davon sprechen, dass sie alle ganz normal sind und gar nichts Besonderes?

Passiert es eigentlich nie, dass zwei von ihnen z.B. in den Kommentaren eines Blogs aufeinandertreffen und dann merken: ´Hm, der andere ist genauso ein Klugscheißer wie ich?´ − Natürlich nicht. Das schließt sich schon allein deshalb aus, weil sich keiner von ihnen für einen Klugscheißer hält, sondern einfach nur für sehr, sehr schlau. Wahrscheinlich erkennen sie sich gegenseitig nicht und denken dann bloß ein jeder über den jeweils anderen: ´Was für ein Arschloch!´

Je nachdem, in welchem sozialen Netzwerk man auf sie trifft, sind die Ausprägungen manchmal etwas unterschiedlich – bescheuert sind sie immer.

Über den Umgang mit ihnen

Auf gar keinen Fall sollte man den Fehler machen, sich mit jenen auf eine Diskussion einzulassen, mit dem Anspruch, argumentativ zu ihnen vordringen zu können. Das wird nicht klappen; sie sind gut geschützt gegen andere Perspektiven. Möchte man allein zur eigenen Belustigung oder zu Zwecken der Feldforschung oder Charakterstudie mit ihnen diskutieren, kann man das ruhig tun. Solche Diskussionen können reichlich Stoff liefern zur Figurenentwicklung künftiger Romane oder Kurzgeschichten. Andererseits sollte man sich aber auch nicht zu oft auf Wortwechsel mit jenen Genies einlassen, denn es kann relativ schnell umschlagen und ist dann nur noch langweilig und zermürbend, weil sich die gezeigten Muster normalerweise schon sehr bald bei den einzelnen Exemplaren wiederholen und es nichts Neues an ihnen zu entdecken gibt. Ich für mein Teil habe meine Studien dahingehend abgeschlossen und lasse die verkannten Genies mittlerweile in der Regel links liegen. Kennste einen, kennste alle.

Ein persönliches Wort zum Hesse-Fandom

Ich habe übrigens noch nie verstanden, was man an einer Nulpe wie Harry Haller finden kann. Wie Hesse auf diesen bescheuerten Namen gekommen ist, möchte ich auch mal gerne wissen. Zum Zwecke einer Alliteration mit „H“, wie bei seinem eigenen Namen, hätten sich auch noch andere, etwas besser klingende Kombinationen finden lassen.

Ich bitte, mich nicht falsch zu verstehen; Hesse konnte gut schreiben, und „Narziß und Goldmund“ zum Beispiel hat mir im Grunde gut gefallen. Aber bevor ich Hesse gelesen habe, hatte ich bereits Nietzsches Gesamtwerk durch und war für seichten Abklatsch dessen mit leichtem esoterischen Einschlag nicht mehr zu haben. Hesse ist aus meiner Sicht in Hinblick auf Lebensphilosophie in vielerlei Hinsicht Nietzsche für Anfänger. Und wenn erwachsene Männer mit Mitte vierzig und älter noch immer uneingeschränkte Hesse-Jünger und selbsternannte Steppenwölfe sind, dann weiß ich Bescheid.

Ich weiß, der Protagonist Harry steht zwar kurz vor seinem fünfzigsten Lebensjahr, was ja ein zentrales Element der Roman-Konstruktion ist; aber auch wenn ich selbst noch etwas entfernt bin von fünf Jahrzehnten überstandener Lebenszeit, hatte diese ganze Steppenwolf-Chose für mein Empfinden schon immer den Beigeschmack von einer ins Endlose gezogenen pubertären Gemütsverfassung.

Schluss

Hier könnte man nun wunderbar überleiten zur Erprobung und Anwendung mancher Theorie von Freud sowie von Bernfeld – was ich an dieser Stelle aber lassen möchte. Denn meine Zeit ist knapp bemessen und kostbar, ich muss wieder schnell zurück zu meiner tausendsten Nietzsche-Lektüre und meinem gigantischen, geheimen literarischen Großprojekt, um in des Meisters Namen sein Werk zu vollenden und noch darüber hinaus zu kommen. Außerdem muss ich natürlich noch ein paar geniale Gedichte schreiben. Tschüß und bis zum nächsten Mal in irgendwelchen Kommentaren. Oder in der Twilight Zone, denn dort bin ich zuhause. Und ab und an auf Youporn.

TheGodForsakenBestest

 


Nachtrag:  Hesse und seine Werke stehen hier natürlich eigentlich nur stellvertretend. Es gibt sicher auch etliche unter jenen Genies, die ihr Selbstbild nicht durch Identifikation mit Figuren oder Werken von Hesse errichten und stabilisieren, sondern andere Lektüre zu diesem Zweck bevorzugen.  

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