Amazon: Über Ranking, Royalties und Rezensionen (Teil 3)

Die acht Arten der Kritik bei Amazon

Nachdem ich mir in Teil 2 meiner kleinen Beitragsreihe zu Amazon Gedanken gemacht habe darüber, ob es nicht vielleicht sein könnte, dass CreateSpace und Amazon ein sehr spezielles Geschäftsmodell praktizieren, möchte ich in diesem dritten Teil etwas über die sogenannten ´Rezensionen´ bei Amazon schreiben. Die BuchbloggerInnen unter uns und alle, die Buchrezensionen auf unseren oder ähnlichen Buchblogs lesen, werden wissen, dass das Wort „Rezension“ für die meisten Amazon-Bewertungen nicht angebracht ist. Manchmal sind es bloß kurze Floskeln, manchmal gar nur etwas, das man vielleicht am ehesten noch ´verbaler Rülpser´ nennen könnte. Und manchmal findet man dazwischen auch aussagekräftige Meinungsäußerungen. Die Qualität und auch die Art der ´Rezensionen´ sind ungemein breit gefächert und haben, wie im ersten Teil dieser Beitragsreihe bereits erwähnt, nicht unwesentlichen Einfluss auf das Gesamtranking eines Buches. Deswegen möchte ich im Folgenden die häufigsten Formen der Kritik bei Amazon darstellen.

1 Die plakative Kurzkritik

Ich stelle mir vor, dass es nicht selten vorkommt, dass jemand, von Amazon aufgefordert, ein vor einiger Zeit gekauftes und wahrscheinlich bereits gelesenes Buch zu bewerten, eine Sterne-Bewertung abgibt und dann erst realisiert, dass man daraufhin auch noch ein paar Wörter zu dem Buch schreiben muss, damit man die Sterne-Bewertung abgeben darf. Und weil man jetzt den ersten Schritt getan hat und bereits einmal die entsprechend angebrachte Anzahl Sterne angeklickt hat, möchte man die so investierte Arbeit und Mühe nicht wieder hinfällig werden lassen und schreibt also auch noch so ein paar scheiß Sätze dahin. Das Ergebnis sind dann gehaltlose Kürzest-Bewertungen á la „Das war ein langweiliges Buch, das hätte man besser machen können“ oder „Geil geil geil geil geil geil geil“ und dergleichen.  Die Aussagekraft solcher unbegründeten negativen oder positiven Bewertungen lässt zu wünschen übrig.

2 Die „Thema verfehlt“-Kritik

Was auch vorkommt, ist, dass eigentlich überhaupt nicht über das Buch und seinen Inhalt geschrieben wird, sondern lediglich darüber, in welchem Zustand das Buch ankam, wie lange die Lieferung gedauert hat und ob die Kaufabwicklung zufriedenstellend vonstattengegangen ist. Auch hier muss man feststellen, dass eine solche Bewertung des Buches nicht unbedingt zielführend ist. Auch Amazon weist daraufhin, dass man diese Art von Bewertung an anderer Stelle loswerden kann, nämlich beim Kundenservice, der ja auch regelmäßig nach Feedback verlangt.

3 Die verwirrende Kritik

Hin und wieder trifft man auf Bewertungen, bei denen das Buch in den höchsten Tönen gelobt wird, weil der Autor oder die Autorin das alles ganz wunderbar gemacht hat, man selten etwas Besseres gelesen hat und dieses Buch jedem nur empfehlen kann – und dann bekommt das Buch nur ein oder zwei Sterne. Da hat dann jemand das Bewertungssystem nicht verstanden und vergibt Schulnoten. Oder macht sich einen Spaß, indem er auf diese Weise Ironie anwendet, die niemand versteht. Ärgerlich für die Autorin oder Autor ist es allemal, und für die Leserinnen und Leser der Rezension äußerst irritierend.

4 Die grenzüberschreitende Kritik

Nicht sehr nett ist es, wenn in einer solchen ´Rezension´ die Autorin oder der Autor selbst angegriffen werden. Das kommt glücklicherweise nicht allzu oft vor; und wenn es vorkommt, kann man wohl davon ausgehen, dass es in den meisten Fällen persönliche Motive gibt, eine solche Rezension zu schreiben. Es wird sich dann oftmals um Menschen handeln, die die Autorin oder den Autor kennen, entweder persönlich oder aber als Mitbewerber um die Lesergunst. Persönliche Angriffe können auch dann stattfinden, wenn die Autorin oder Autor bereits einen gewissen prominenten Status haben (und sei es auch nur in den sozialen Medien bzw. im Internet) und möglicherweise eine kontroverse Position zu einem virulenten Thema einnehmen. Solche Rezensionen haben keinen Wert. Naja, bestenfalls Unterhaltungswert.

5 Die enttäuschte Kritik

Schlechte Rezensionen gibt es vor allem immer dann, wenn die Erwartungen der Leserin oder des Lesers nicht erfüllt wurden. Das ist keine schlechte Grundlage für eine Kritik. Wenn aber diese Erwartungen überhaupt nicht angebracht waren, weil aufgrund der Buchbeschreibung und ggfls. auch aufgrund des Covers von vornherein hätte klar sein müssen, dass es sich um eine andere Art Buch handeln würde als vielleicht erhofft, dann werden enttäuschte Erwartungen zu einer falschen Prämisse, auf der keine richtige und zutreffende Kritik mehr aufbauen kann. Auf der anderen Seite ist es Aufgabe und Pflicht des Selfpublishers oder Verlags, Cover und Buchbeschreibung derart zu gestalten, dass nach Möglichkeit keine eklatanten Missverständnisse aufkommen können.

6 Die egozentrierte Kritik

Noch subjektiver wird die Bewertungsgrundlage, wenn die Leserin oder der Leser nicht zufrieden war mit gewissen Verhaltens- oder Charaktereigenschaften von Figuren im jeweiligen Buch, sich möglicherweise nicht identifizieren konnte oder deshalb sehr enttäuscht war, weil die Geschichte womöglich keinen guten Ausgang nahm, was überhaupt nicht dem eigenen Geschmack und derzeitigem Bedürfnis entspricht. Ich möchte keine Namen nennen, aber solche ´Rezensionen´ kann man auch auf manchen hübsch gestalteten Bücherblogs finden, wo der Schwerpunkt der Lektüre meist auf den Genres (Vampir-)Fantasy, Steampunk, leichten Romanzen und dergleichen liegt. – Das mangelnde Identifikationspotential einer Figur zu kritisieren, ist durchaus legitim – wenn es ein handwerkliches Manko der Figurenzeichnung ist und nicht ausschließlich eine Frage persönlicher Vorlieben der Rezensentin oder des Rezensenten. Ebenso verhält es sich mit dem Handlungsverlauf oder dem Ausgang einer Geschichte. Es kann der Leserin oder dem Leser nicht gefallen, aber solange die innere Logik der Geschichte nicht gefährdet ist, darf die Autorin oder der Autor frei entscheiden, was passiert und wie sich Figuren verhalten. Wem das Gelesene dann nicht gefällt, muss andere Bücher lesen – oder selber welche schreiben. Aber auf dieser Grundlage Bewertungen bei Amazon oder sonstige Rezensionen zu schreiben – das muss nicht sein.

7 Die begründete negative Kritik

Dann gibt es natürlich auch noch ausgiebige Verrisse. Es wird kein gutes Haar an einem Buch gelassen. Im schlechten Fall auch nicht an der Autorin oder dem Autor. Aber ein guter Verriss begründet seine negative Kritik sachlich, ausführlich und nachvollziehbar. Selbstverständlich ist ein Verriss niemals schön für die Autorin oder den Autor. Aber es gibt Fälle, in denen alles, was im Verriss über ein Buch gesagt wird, tatsächlich zutrifft. Was soll man da machen? Im besten Fall werden durch einen ´guten Verriss´ potentielle Leserinnen und Leser gewarnt, einer Autorin oder einem Autor werden die Augen geöffnet, und vielleicht wird die Welt vor weiteren Büchern aus derselben Feder bewahrt – oder aber die nächsten Bücher werden besser.

8 Die begründete positive Kritik

Am schönsten für alle ist es natürlich, wenn es eine ausgiebige, sachlich und klar begründete positive Kritik ist. Auch das gibt es. Auf ausgewählten Bücherblogs ziemlich häufig, bei Amazon eher sehr selten, aber es kommt vor. Eine solche Kritik lässt alle Herzen aufgehen, es rieselt Glitter vom Himmel, und die Welt wird eins. Man hat es geschafft. Jedenfalls werden dadurch bei Amazon vermutlich ein paar Bücher mehr verkauft – sofern es nicht bei der einen positiven Kritik bleibt und nicht auffliegt, dass man sie selber geschrieben hat.

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3 Comments

  1. Das Problem beginnt einerseits bei der Bezeichnung „Kundenrezension“, andererseits beim zunehmend inflationären Gebrauch des Wortes Rezension („Rezi“). Eine Buchbesprechung, auch eine kurze, nennt die bewerteten Kriterien, die zur Gesamtnote führten. Dazu gehört im Grunde genommen auch das Abwägen von positiv und negativ bewerteten Kriterien. Die Kommentare von Konsumenten, die vor allem der Begeisterung oder dem Ärger Luft machen, enthalten wohl Informationen über den jeweiligen Konsumenten, jedoch nicht über das Produkt. Ich befürchte, wir müssen mit diesen Konsumentenkommentaren leben.
    Ich möchte mich beim Autor für diese Beitragsreihe bedanken.
    Raya

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