Figuren sterben lassen: Über das Wann, Wie und Warum

Wie, wann, warum und ob überhaupt Figuren in Ihrem Roman sterben, kann entscheidend sein, wenn es darum geht, eine gelungene Geschichte zu erzählen. Eine Figur sterben zu lassen, ist ein bisschen so, als würde man absichtlich eines seiner Lieblingsspielzeuge zerstören. Es muss also einen guten Grund dafür geben, und es muss gut in Szene gesetzt werden.

Wenn es richtig gemacht wird, kann der Tod eines Charakters für die Leserinnen und Leser sehr ergreifend sein und eine nützliche Funktion für die Dramaturgie der Handlung erfüllen, aber wenn es falsch gemacht wird, kann es zu Unverständnis und Enttäuschung, vielleicht sogar Frustration, führen.

Warum und wann Figuren sterben sollten…

Es gibt viele Gründe, Figuren sterben zu lassen. Manchmal ist es für die emotionale Wirkung (ein akzeptabler Grund), manchmal ist es zentral für die Handlung (ein guter Grund), und manchmal fühlt es sich einfach natürlich und somit notwendig an (der beste Grund).

Wann Sie einen Charakter in Ihrer Geschichte sterben lassen, hängt vom Zweck seines Todes ab. Prinzipiell gibt es kein ›zu früh‹ oder ›zu spät‹, nur passende (oder unpassende) Zeitpunkte hinsichtlich verschiedener Zwecke. Wenn der Zweck darin besteht, eine emotionale Reaktion hervorzurufen, dann ist es in der Regel wirkungsvoller, wenn die Leserinnen und Leser eine Figur erst richtig kennenlernen, bevor sie mit ihrem Ableben konfrontiert werden. Wenn der Zweck aber darin besteht, ein Gefühl der Gefahr zu schaffen, dann kann ein Charakter bereits auf der ersten Seite sterben. Selbstverständlich wird ein solcher Charakter es nicht mehr in die Riege der Hauptfiguren schaffen – es sei denn, er kehrt als Geist oder Untoter wieder. Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt des Todes einer Figur kann beantwortet werden, indem man entscheidet, welchem Zweck der Tod dient und welcher Moment im Dienst an diesem Zweck am wirkungsvollsten ist.

In George R. R. Martins »Lied von Eis und Feuer« treten Todesfälle beispielsweise häufig ziemlich unvermittelt auf, was zu dem Gefühl bei den Leserinnen und Lesern (bzw. den Zuschauern von »Game of Thrones«) führt, dass die Charaktere nie sicher sind, selbst wenn es sich um lange etablierte Hauptfiguren der Geschichte handelt. Das bringt nicht nur Überraschungseffekte in die Handlung, sondern auch einen gewissen ›Realismus‹. Der Tod kann immer und überall zuschlagen und trifft jeden, ob man nun ein Held ist oder ein Feigling.

 

…und was dabei zu beachten ist

So ziemlich jeder Zweck eines Figurentodes kann gültig sein. Sie sollten aber bei der Umsetzung immer folgende Regel beherzigen: Schreiben Sie den passenden Tod für die Figur, nicht die passende Figur für den Tod.

Figurentodesfälle wirken schal, wenn den Leserinnen und Lesern klar ist, dass der Charakter nur in der Geschichte war, um zu sterben. Dies ist am häufigsten der Fall, wenn ein Autor die Gefährlichkeit des Antagonisten deutlich machen möchte, indem er eine (oder mehrere) relativ bedeutungslose Figur(en) von diesem töten lässt. Wenn Charaktere nur oberflächlich gezeichnet werden, weil ihnen ohnehin ein baldiges Ende beschieden ist, dann werden sich die Leserinnen und Leser nicht besonders darum kümmern, wenn sie einmal weg sind.

Wenn eine Figur irgendwann in der Geschichte sterben wird, dann sollte sie vorher gut realisiert sein. Ein guter Orientierungspunkt dahingehend ist Ihre eigene Abneigung als Autorin oder Autor, die Figur sterben zu lassen. Wenn Sie den Tod eines Charakters in Betracht ziehen und aber zögern, weil ein Teil von Ihnen die Figur gerne in der Geschichte behalten möchte, dann haben Sie wahrscheinlich bzgl. der Figurenzeichnung einiges richtig gemacht. Die besten Todesfälle von Figuren tun sowohl den Leserinnen und Lesern als auch der Autorin bzw. dem Autor weh. Auch wenn ein Charakter im Grunde genommen nur als ›Vehikel für seinen eigenen Tod‹ dient, ist es wichtig, ihn über diesen Punkt hinaus zu entwickeln, damit sich sein Ende für die Leserinnen und Leser (und für den Autor selbst) wie ein echter Verlust anfühlt.

Ein Verlustgefühl in Anbetracht des Todes einer Figur ergibt sich aus der Fähigkeit der Leserinnen und Leser, sich vorzustellen, wie die Dinge wären, wenn die Figur überlebt hätte. Der Todesfall einer Figur hat nur dann Auswirkungen, wenn die Leserinnen und Leser ein Gefühl des Verlustes verspüren. Aber damit dieser Sinn existiert, müssen die Leser zumindest ein unbewusstes Gefühl dafür haben, was sie verloren haben. Ob es nun das Verhalten der Figur oder die Relevanz ihrer Beziehungen zu anderen Figuren ist – etwas, das wünschenswert oder interessant war, muss nun durch ihr Ableben verschwunden sein.

Dies ist einer der Gründe, warum das Ableben eines Charakters, der nur zum Sterben geschaffen wurde, so wenig Einfluss auf die Leserinnen und Leser haben wird. Die Leser sind schlau, sie verstehen das Medium, und wenn die einzige Existenzgrundlage einer Figur darin besteht, zu beweisen, dass der Bösewicht ein erstaunlicher Schwertkämpfer ist, wird ihr Tod die Leserinnen und Leser nicht besonders beeindrucken. Denken Sie an den Film »Highlander«. Der Bösewicht tötet jede Menge von unbedeutenden Nebenfiguren. Aber erst, als er auch den Mentor (gespielt von Sean Connery) des Helden (gespielt von Christopher Lambert) im Kampf tötet, ist man als Zuschauer ergriffen, weil diese Figur bereits im Verlauf der Geschichte etabliert worden ist und unsere Sympathie gewonnen hat. Wenn wir nichts von der Figur wissen, die zu Tode kommt, kann sie genauso gut von Anfang an tot gewesen sein.

Nachdem wir uns jetzt also ein wenig damit beschäftigt haben, warum und wann man eine Figur sterben lassen sollte, werden wir uns im Folgenden ein paar Gedanken machen über die Art und Weise, wie man das tut.

Wie Figuren sterben sollten

Wie man als Autorin oder Autor einen Charakter sterben lässt, hängt vom Zweck seines Todes ab, aber selbstverständlich grundsätzlich auch von dem Genre, in dem Sie schreiben. Wenn Sie in den Genres Thriller, Krimi, Horror und Mystery zu Hause sind, wird es sich überwiegend um gewaltsame Todesfälle handeln. Selbiges gilt für Genres wie Fantasy oder auch Historische Romane. Wenn Sie hingegen eher Familien- oder Liebesromane schreiben, werden Ihre Figuren wahrscheinlich eher in Ausnahmefällen durch Morde oder in Kämpfen zu Tode kommen. Hier werden vermutlich Krankheiten, Altersschwäche oder tragische Unfälle als Todesursache überwiegen.

Abhängig vom jeweiligen Genre, in dem Sie schreiben, wird der Tod einer Figur auch einen spezifischen Zweck zu erfüllen haben. In einem Familienroman, der sich über vier Generationen erstreckt, führt das natürliche Ableben des alten Patriarchen nach etwa einem Viertel des Romans zum Beispiel dazu, dass nun das Traditionsunternehmen an die nächste Generation weitergegeben wird. In der Liebestragödie bringen sich am Ende die Liebenden aufgrund eines tragischen Irrtums nacheinander selbst um und beschließen somit das herzzerreißende Finale. Im Historischen Roman löst der Mord an einem Fürsten zu Beginn der Geschichte den Krieg zwischen zwei Ländern aus, woraus sich alles weitere ergibt. In einem Thriller stirbt eine Figur völlig unvermittelt, nachdem sie den größten Teil des Buches überlebt hat und scheinbar außerhalb der Reichweite des Antagonisten ist. Der Tod ist plötzlich und unerwartet und dient dazu, ein Gefühl des Schreckens und der Ohnmacht zu erzeugen. Der mysteriöse Killer ist immer noch aktiv, und man ist nirgends vor ihm sicher. In dem Film »Dead Man« mit Johnny Depp stirbt die Hauptfigur beinahe über den gesamten Verlauf der Geschichte. In diesem eigenwilligen Western wird das Sterben selbst in das Zentrum der Handlung gerückt und poetisiert – und damit auch das Leben.

Vom Zweck des Todes hängen sowohl der Zeitpunkt, die Dauer als auch die Art und Weise ab. Lange Todeskämpfe können langweilig oder herzzerreißend sein, plötzliche Todesfälle können schockierend oder lächerlich sein. Es kommt dabei auf die Inszenierung an. Wenn Sie die Absurdität des Seins deutlich machen möchten, ist es keine schlechte Methode, eine etablierte Figur an irgendeiner Stelle Ihres Buches versehentlich einfach zum Fenster hinaus und in den Tod stürzen zu lassen – ohne weitere Erklärung. Solche Sachen passieren manchmal in unserer absurden Welt. Das könnte allerdings für manche Leserinnen und Leser zu einer frustrierenden Erfahrung werden – je nachdem, mit welcher Erwartungshaltung diese Ihr Buch lesen. In der Regel sind Leserinnen und Leser es gewöhnt, dass die dargestellten Geschehnisse zumindest innerhalb der Welt des Buches sinnvoll sind – weshalb die Tode der Figuren in Ihren Geschichten einen Zweck erfüllen sollten, sofern das Hauptthema Ihres Buches eben nicht die Absurdität des Seins ist. Hierin liegt übrigens literaturtheoretisch ein vermeintlich entscheidender Unterschied zwischen Realität und Fiktion begründet; nämlich dass Literatur in der Regel per se immer sinnstiftend sei.

Abschließend

Der Schlüssel zu einem wirkungsvollen Figurentod ist es, die Leserinnen und Leser davon zu überzeugen, dass sie etwas durch das Verschwinden der Figur verloren haben. Und dies lässt sich nur bewerkstelligen, wenn Sie als Autorin oder Autor die Figur im Laufe der Geschichte etablieren. Einen solchen Charakter, in den man bereits viel Arbeit und vielleicht auch Sympathie investiert hat, sterben zu lassen, erfordert von Autorinnen und Autoren nicht selten große Überwindung. In solchen Momenten hilft es, sich daran zu erinnern, dass das, was sich wie ein Verlust anfühlt, auf lange Sicht zu einer interessanteren und spannenderen Geschichte führen wird.

Haben Sie Probleme, Figuren sterben zu lassen, oder sind Sie gnadenlos? Welche Figurentode in welchen Büchern haben Sie am meisten erschüttert?

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