Ein Akt der Überwindung: Das eigene Manuskript für fertig erklären

Sie sind auf der Zielgeraden. Ihr erster Entwurf liegt weit hinter Ihnen, Ihre Figuren sind gut durchdacht, und Ihre Handlung ist an vielen Stellen sehr clever und witzig, wahlweise auch spannend und überraschend. Noch ein paar Monate Arbeit und Sie wissen genau, dass Ihr Roman endlich fertig sein wird. Das einzige Problem ist, dass Sie das auch vor drei Monaten wussten, und drei Monate davor, und drei Monate davor auch schon…..

Einen Roman zu vollenden ist eine schier übermenschliche Aufgabe. Es erfordert, dass Sie offiziell mit einem Stück Arbeit fertig werden, das jeder beurteilen wird und auf das niemand wartet. Warum sollte es nicht etwas länger dauern, bis Sie fertig sind, wenn sowieso niemand an Ihre Tür klopft, um das fertige Exemplar zu erhalten?

Schließlich gibt es immer noch etwas zu tun. Alles kann immer noch etwas besser werden.

Warum Sie fertig werden müssen

Natürlich müssen Sie Ihre Arbeit beenden, damit jemand sie lesen kann, aber wenn Sie denken, dass ein weiterer Monat Arbeit zu einem besseren Produkt führt, dann werden Sie sicher noch einen weiteren Monat Arbeit anhängen, anstatt den Roman als abgeschlossen zu erklären.

Doch denken Sie darüber nach, dass sich Autorinnen und Autoren im Laufe der Zeit ändern. Wer wir jetzt sind, ist nicht, wer wir morgen oder in einem Jahr sein werden. Die Dinge, die wir schätzen und glauben, die Geschichten, die wir erzählen können, können sich allmählich oder plötzlich ändern. Aus diesem Grund wird ein Schriftsteller, der immer wieder Zeit für die Vervollkommnung seiner Arbeit aufbringt, eventuell zum Opfer seiner veränderten Persönlichkeit. Wenn sich unsere Werte und Erfahrungen ändern, ändern sich auch die Geschichten, die wir erzählen wollen. Wenn Sie zu lange warten mit dem Abschluss einer Geschichte, kann es Ihnen im schlimmsten Fall passieren, dass Sie diese Geschichte überhaupt nicht mehr erzählen möchten.

Doch zu häufiges Überarbeiten der eigenen Geschichte kann noch einen weiteren negativen Effekt haben. Das Lesen der eigenen Arbeit verändert Ihre Wahrnehmung, noch bevor Sie Ihre Geschichte beendet haben. Das bedeutet, dass Sie ständig an etwas arbeiten, das Sie bereits geplant, gelesen und neu geschrieben haben. Bestimmte Passagen oder Ereignisse verlieren aufgrund der Vertrautheit ihre Wirkung, auch wenn sie für einen Leser so frisch wären, wie Sie es ursprünglich beabsichtigt hatten. Sie werden Schwierigkeiten bekommen, das Besondere an Ihrer Geschichte zu erkennen bzw. weiterhin als etwas Besonderes wahrzunehmen, so dass sich das Geschriebene letztlich für Sie schal und belanglos anfühlen könnte, obwohl die Leserinnen und Leser das womöglich vollkommen anders empfinden würden.

 

Das Problem

Das Problem ist: Ihr Schreiben wird sich selbst nie als beendet erklären. Sie müssen diese Entscheidung irgendwann treffen – auch wenn es sehr schwer fallen mag. Und je perfektionistischer Sie veranlagt sind, desto schwerer wird es Ihnen fallen.

Anstatt zwei oder drei Romane zu schreiben, mit einer allmählichen Entwicklung von Standpunkt und Stil, schreiben Sie am Ende über Jahre (oder Jahrzehnte) an einem einzigen Buch, ohne ein wirkliches Ende in Sicht.

Es ist schwierig, aus diesem Zyklus der vermeintlichen Perfektionierung auszubrechen. Das Endergebnis ist aber sehr selten ein Autor, der mit seiner Arbeit rundum zufrieden ist.

Das Fertigstellen Ihres Buches ist ein Akt der Willenskraft; die Fähigkeit, ein Buch für ›fertig‹ zu erklären, auch wenn Sie damit – nach perfektionistischen Maßstäben – noch nicht ganz fertig sind. Glücklicherweise sind Sie nicht darauf angewiesen zu warten, bis die Geschichte, an der Sie gerade schreiben, sich selbst als ›fertig‹ deklariert. Tatsächlich kann es das Ergebnis einer sehr spezifischen Frage sein.

Maßnahmen ergreifen

Sobald Sie in der Phase sind, in der weniger als zehn Prozent Ihres Buches verbessert werden können, ist es an der Zeit, mit dem Veröffentlichungsprozess zu beginnen.

Denken Sie daran, dass angesichts der verbliebenen, nicht ›perfektionierten‹ zehn Prozent das, was Ihnen bleibt, die Zufriedenheit mit neunzig Prozent des Werkes ist. Das ist nicht perfekt, aber schon ziemlich gut. Schriftsteller haben Jahre damit verbracht, sich zu einundneunzig Prozent und höher vorzuarbeiten, anstatt zu veröffentlichen und diese Zeit für ein neues Projekt zu verwenden. Mit etwas Abstand werden Sie sehen, dass mehrere große Werke besser sind als eines, das nie auf den Markt kam.

Im Zweifelsfall sollten Sie Autoren wie Stephen King oder Terry Pratchett betrachten; Autoren, deren Stil und Aussehen sich in vielen, vielen Büchern radikal verändert haben. Hätte zum Beispiel Pratchett sein erstes Buch immer wieder überarbeitet und aktualisiert, um es ›perfekt zu machen‹, dann hätte er heute einen fast fertigen Roman vorliegen – und mehr als fünfzig ungeschriebene.

 

Abschließend

Die wahre Wahrheit ist, dass Ihre neueste Idealvorstellung für Ihr Werk vielleicht nur deshalb am besten aussieht, weil es die neueste ist. Sich selbst zu zwingen, sich zurückzuziehen und der Kompetenz des vergangenen Selbst zu vertrauen, wird sich auszahlen, und im Nachhinein werden Sie feststellen, dass Ihr Buch lange Zeit fertig war, bevor Sie damit fertig waren.

Haben Sie auch einen solchen Hang zum Perfektionismus? Oder haben Sie es geschafft, der Perfektionsspirale zu entkommen? So oder so, es wäre schön, davon in den Kommentaren zu erfahren. Für weitere Informationen zu diesem Thema, lesen Sie »8 Schritte, ein Buch zu beginnen und zu beenden« und »wie gerne Sie schreiben, kann Sie davon abhalten, veröffentlicht zu werden«.

 

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