5 Faktoren erfolgreichen Schreibens: 1. Talent und handwerkliches Können

Talent ist ein dehnbarer Begriff

Nicht jedes Werk muss höchsten literarischen Ansprüchen genügen. Die Erwartungen, die seitens der Leserschaft an die Sprache eines Werkes gestellt werden, sind von Genre zu Genre unterschiedlich. Dafür gibt es eben auch verschiedene Genres. Eine Liebesromanze ist kein Bildungsroman, ein Lesedrama ist kein Science Fiction usw.

Jedem Genre eignet ein bestimmter Umgang mit Sprache und eine entsprechende Stilhöhe. Doch man hüte sich davor zu glauben, dass der Autor einer Heftroman-Reihe weniger schriftstellerisches Talent habe als jemand, der Lyrikbände veröffentlicht. Von handwerklichem Können ganz zu schweigen. Nicht selten haben Erfolgsautoren, die später mit literarisch anspruchsvollen Werken hervorgetreten sind, das Handwerk des Schreibens erlernt und weiter ausgebaut, indem sie zuerst mit dem Schreiben von Heftromanen ihr Geld verdient haben. Auch um gute Heftromane schreiben zu können, erfordert es die Beherrschung des Handwerks und eines gewissen Talents.

Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass es wenigstens ein Mindestmaß von beidem (Talent und handwerklichem Können) erfordert, um als Autor – egal in welchem Genre – Erfolg zu haben. Zugegeben: Wenn man sich ansieht, welche Bücher zuweilen Verkaufserfolge werden, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Leserschaft bestimmter Genres mitunter sehr großzügig mit ihrer Gunst und nicht übermäßig anspruchsvoll ist, wenn es um die literarische Qualität eines Werkes geht.

Es kommt also immer darauf an, was derjenige, der davon spricht, unter Talent und handwerklichem Können versteht. Überflüssig zu erwähnen, dass ich im Nachfolgenden also aus meiner persönlichen Perspektive über diese Aspekte des Schreibens schreibe.

Was ist literarisches Talent?

Möchte man es auf eine kurze Formel bringen, so würde ich sagen: literarisches Talent ist ein intuitiv vorhandenes Feingefühl für den präzisen Einsatz von Worten zur Erzeugung sprachlicher Ausdrucksformen, die dazu geeignet sind, in möglichst origineller und wirksamer Weise Vorstellungen in der Phantasie der Leser entstehen zu lassen. Darüber hinaus würde ich dem noch den Aspekt einer bestimmten Neigung zur Bedeutungsaufladung und Interpretation der Dinge und Sachverhalte der umgebenden Lebenswirklichkeit hinzufügen. Im besten Fall ist der Autorin oder dem Autor ein ungewöhnlicher Blick auf die Welt zu Eigen, gepaart mit der Fähigkeit, diese Wahrnehmungen im schriftstellerischen Prozess zu einem ästhetischen und in sich konsistenten Ganzen zu transformieren.

Talent ist in jedem Fall etwas, von dem die meisten Schreibenden glauben, dass sie damit gesegnet seien. Leider ist das in vielen Fällen nicht so. Oft fehlt vor allem die oben zuletzt genannte Fähigkeit zur ästhetischen Transformation. Und selbst diejenigen, die möglicherweise über Talent verfügen, gehen nicht selten am Anfang ihres Schreibens durch langjährige Phasen der Blindheit gegenüber ihren eigenen Schwächen. Und damit wären wir beim handwerklichen Können.

Schreiben ist Handwerk

Es ist ein Trugschluss zu glauben, Talent alleine reiche aus. Man kann noch so talentiert sein – wenn man bestimmte Regeln des Schreibens nicht beherrscht, kann man sein Talent nicht nutzen, um mit diesen Regeln zu spielen bzw. bewusst mit ihnen zu brechen. Man muss etwas wissen über Dramaturgie, Spannungsaufbau, Charakterzeichnung, Erzählperspektive, Erzählzeit und erzählte Zeit, rhetorische Mittel, Genreeigenschaften und dergleichen viel mehr, um bewusst damit umgehen zu können.

Es kann einem mit Talent sicher ein Zufallstreffer gelingen, d.h. ein Werk, das literarischen Ansprüchen genügt; aber ohne die Beherrschung des Handwerks wird auch dieses Werk noch einige unnötige Schwächen aufweisen. Das Erlernen literarischen Schreibens und das Entwickeln eines eigenen Stils ist ein langwieriger Prozess. Und dieser Prozess ist im Übrigen zugleich nicht selten eng gekoppelt an die Persönlichkeitsentwicklung der Autorin bzw. des Autors.

Eine kleine Anekdote zur Veranschaulichung

Ich kenne jemanden, der in jungen Jahren von seinem literarischen Talent sehr überzeugt war und es deswegen überhaupt nicht für notwendig befand, sich beim Schreiben Mühe zu geben. Er war der Meinung, weil das Talent vorhanden sei, würde automatisch alles, was er schriebe, gut. Diesen lockeren Ansatz führte er sogar fort, als er sein erstes fertiges Typoskript an Verlage schickte. Weder Anschreiben noch Exposé entsprachen im Geringsten den Anfordernissen, die Verlage an unverlangte Manuskripte stellen. Von dem Text selber ganz zu schweigen. Aber unser junger genialischer Autor war der Meinung, er sei schließlich das literarische Talent und es wäre nun Aufgabe der Verlage, dies zu erkennen, ihn zu entdecken und zu fördern. Er wurde nicht entdeckt.

Mittlerweile hat dieser Autor sich weiterentwickelt, den genialischen Ansatz verworfen und eingesehen, dass es durchaus Sinn macht, sich Mühe zu geben bei der Arbeit an literarischen Texten. Er hat begriffen, dass es nicht reicht, irgendetwas auf das Papier zu rotzen – selbst wenn man über ein bisschen Talent verfügen sollte. Texte wollen durchdacht, überarbeitet, einige Zeit liegen gelassen, aufs Neue betrachtet und nochmals überarbeitet werden. Und dafür braucht man Erfahrung, Sachverstand und Handwerkszeug. Manchmal wollen Texte auch in den Papierkorb. Das kommt viel öfter vor, als man sich als Schreibanfänger träumen lassen mag. Zu lernen, solchen Texten ihren Wunsch nach Selbstabschaffung zu erfüllen, ist ein langer und schwerer Prozess. Unser mittlerweile nicht mehr ganz so junger Autor hat diesen Status inzwischen erreicht. Zuweilen fühlt er sich sehr radikal beim Zusammenstreichen und Ausmerzen seiner Texte – was auch seinen Reiz hat. Hierdurch hat die Qualität seines Schreibens jedenfalls eindeutig gewonnen. Seine Chancen auf Verlagsveröffentlichungen dürften nun höher sein – wenn auch der Beweis dafür noch aussteht.

Wechselseitiges Bedingen

Umgekehrt ist es jedoch nicht möglich, durch das ´Erlernen´ handwerklicher Regeln und Techniken des Schreibens mangelndes Talent wettzumachen. Ohne Talent wird das nichts. Denn das wirkliche Beherrschen des Schreibens erschließt sich teilweise eher intuitiv. Und auch nur auf diese Weise entwickelt sich ein eigener Stil. Das bloße Wissen um bestimmte Gegebenheiten und Zusammenhänge dramaturgischer und sprachlicher Art ist nicht hinreichend, um die literarische Umsetzung gelingen zu lassen. Ich habe einmal auf der Homepage eines weiblichen Schreibcoachs gelesen, Schreiben wäre wie Backen; wenn man das Rezept kenne, könne man einen schönen Kuchen backen ergo ein gutes Buch schreiben. Ein totaler Blödsinn. Selbst beim Kuchenbacken reicht es schon nicht aus, das Rezept zu kennen, um den Kuchen gelingen zu lassen. Insofern stimmt der Vergleich natürlich wieder. Denn auch beim Schreiben reicht es eben nicht, die grundsätzlichen Regeln zu kennen, um ein gutes Buch zu Wege zu bringen.

Es muss von vornherein das intuitive Feingefühl für Sprache vorhanden sein, von dem weiter oben schon einmal die Rede war. Doch wenn dies vorhanden ist, hilft das Wissen von den Regeln bei der Umsetzung. Man könnte vielleicht sagen: Handwerkliches Können ist die notwendige Bedingung, Talent die hinreichende, um literarisch gut zu schreiben. Und genauso gut lässt sich umgekehrt sagen: Talent ist die notwendige Bedingung, handwerkliches Können die hinreichende, um literarisch gut zu schreiben. Beides ist unerlässlich.

Welche Möglichkeiten zur Erlernung des literarischen Handwerks gibt es?

  1. Schreibratgeber

Schreibratgebern stehe ich zwiespältig gegenüber. Die Qualität solcher Schreibratgeber steht und fällt mit demjenigen, der sie verfasst. In der Regel werden Schreibratgeber von solchen Autorinnen und Autoren geschrieben, die selbst in ihrem belletristischen Schaffen bis dato noch nicht unbedingt erfolgsverwöhnt sind (wie eben jener oben erwähnte weibliche Schreibcoach). Sucht man sich solche Lehrmeister?

Lieber hätte man freilich handfeste Tipps und methodische Hinweise von Bestseller-Autoren, auf deren Expertise man vertrauen darf. Leider sind diese Autoren aber in der Regel damit beschäftigt, am nächsten potentiellen Bestseller zu arbeiten, anstatt Schreibratgeber für den literarischen Nachwuchs zu produzieren. Insofern ist es nachvollziehbar, dass man mit Tipps von Autorinnen und Autoren aus der zweiten oder dritten Reihe vorlieb nehmen muss. Aber auch unter jenen gibt es selbstverständlich einige, die ihr Handwerk verstehen und ihr Wissen gewinnbringend an andere vermitteln können. Denn wie schon in dem Artikel Unverlangte Manuskripte dargestellt, muss es nicht zwangsläufig etwas Negatives über die Qualität des Schreibens einer Autorin oder eines Autors aussagen, wenn sich bisher noch kein Verlag zu einer Veröffentlichung bereitgefunden hat.

Gute Schreibratgeber sind jedoch selten, ungeachtet des Renommés der Verfasser. Man schaue sich z. B. zwei Schreibratgeber an von Hans-Ulrich Treichel und Josef Haslinger (siehe unten). Diese beiden Männer sind Dozenten am Literaturinstitut Leipzig. Sie unterrichten Literarisches Schreiben. Sie sind also die absoluten Vollprofis, wenn es darum geht, anderen zu vermitteln, wie man gut schreiben lernt. Ihre Schreibratgeber jedoch finden kaum Beachtung und dümpeln im Amazon-Ranking ungefähr um Platz 500.000 herum. Und glaubt man den jeweils insgesamt zwei bis drei Kundenrezensionen, die mäßig bis schlecht ausfallen, dann vollkommen zu Recht. Besonders interessant dabei ist der Umstand, dass eine der Rezensionen zu jedem der Bücher jeweils von Hans Peter Roentgen stammt, der seinerseits Schreibratgeber verfasst hat (siehe unten), die m. E. zu den wenigen besseren Ausnahmen gehören.


Josef Haslinger/Hans-Ulrich Treichel: Wie werde ich ein verdammt guter Schriftsteller? Berichte aus der Werkstatt (Suhrkamp 2004)

Josef Haslinger/Hans-Ulrich Treichel: Schreiben lernen – Schreiben lehren (Fischer 2006)

Hans Peter Roentgen: Schreiben ist nichts für Feiglinge: Buchmarkt für Anfänger (SiebenVerlag 2013)


Selbst die Autorschaft renommierter Dozenten des literarischen Schreibens ist also offenbar kein Garant dafür, dass die von ihnen verfassten Schreibratgeber wirklich etwas zum Erlernen des Handwerks eines Schriftstellers taugen. Manch ein Verfasser solcher Schreibratgeber hat bereits zehn oder mehr davon auf den Markt geschmissen. Unweigerlich macht das den Eindruck, dass hier jemand allein am kommerziellen Aspekt seiner Werke interessiert ist. Zudem stellt sich die berechtigte Frage, warum der Verfasser nicht in der Lage ist, seine Tipps in zwei oder drei Büchern zu bündeln. Es ist schwer, gute Ratgeber zu finden.

Ich habe damit begonnen, mir eine Sammlung von Schreibratgebern zuzulegen, mit der Absicht, diese zu rezensieren, um auf indieautor schließlich eine Orientierung in Hinblick auf die Brauchbarkeit dieser Bücher zu geben. Dies soll sowohl Schreibanfängern als auch fortgeschrittenen Autorinnen und Autoren helfen, einen Überblick zu bekommen dahingehend, welcher Schreibratgeber möglicherweise interessant und zielführend für die eigenen Belange sein könnte.

Denn es gibt Schreibratgeber, in denen viel Richtiges und Wichtiges geschrieben steht. Genannt seien an dieser Stelle schon einmal die Bücher vom oben erwähnten H. P. Roentgen (siehe oben) sowie ein Buch von Kurt Drawert (siehe unten), das mir persönlich sehr gefällt, allerdings eher die philosophische und poetische Seite des Schreibens näher beleuchtet und daher Schreibanfängern nicht uneingeschränkt zu empfehlen ist. Bereits im ersten Satz bezieht sich Drawert auf Lacan, um sein Anliegen, über das Schreiben zu schreiben, zu veranschaulichen. Mir gefällt das; aber ich habe auch einen literaturwissenschaftlichen Hintergrund und mag die ganzen französischen Theoretiker. Für jemanden, der einfach nur auf der Suche nach eindeutigen Schreibtipps ist, dürfte das Buch weniger geeignet sein.


Kurt Drawert: Schreiben. Vom Leben der Texte (C. H. Beck 2012)


Jedenfalls, die Bandbreite der Schreibratgeber ist groß; sie reicht von oberflächlich über intellektuell über unsinnig über verschult über dogmatisch über lustig über konterkarierend über dumm und schlecht bis hin zu philosophisch, poetisch und gut. Es ist schwer, anhand der Cover und Klappentexte zu erkennen, welches Buch den eigenen Bedürfnissen entsprechen könnte oder auch nur welches Buch etwas taugt oder nicht.

Davon abgesehen gilt ganz allgemein auch hier: wenn kein Talent zum literarischen Schreiben vorhanden ist, werden auch die besten handwerklichen Tipps nur bedingt weiterhelfen. Denn die kreative Umsetzung ist und bleibt Sache der Autorin bzw. des Autors.

  1. Schreibwerkstätten

An und für sich eine gute Sache. Ob die vermittelten Inhalte seitens des Werkstattleiters bzw. der Werkstattleiterin nun der Rede wert sind oder nicht, sei dahingestellt. Hier gilt das Gleiche, was oben in Bezug auf die Schreibratgeber gesagt wurde. Es gibt sicher gute Werkstattleiter, wie es auch schlechte gibt.

Der unzweifelhafte Gewinn solcher Schreibwerkstätten liegt vor allem im stattfindenden Feedback und in der Auseinandersetzung mit dem Selbstgeschriebenen. Das Schwierigste für die angehende Autorin oder den Autor ist nämlich ausbleibende Resonanz auf das eigene Schreiben. Zwar mag es die eine oder andere Rückmeldung aus dem Bekannten-, Verwandten- und Freundeskreis geben, sofern man diese Menschen mit dem eigenen literarischen Tun konfrontiert. Aber diese Rückmeldungen – so hart es klingt – taugen nicht viel zur kritischen Beurteilung des eigenen Schreibens. Man braucht die Meinungen Dritter, die den Text und nur den Text beurteilen, ohne Ansehen des Autors oder der Autorin. Im Idealfall haben diese Dritten dann auch noch Sachverstand und eigene Erfahrungen im literarischen Schreiben.

Hierin liegt der eigentliche Wert von Textwerkstätten und ähnlichen Veranstaltungen: ehrliche Resonanz auf das eigene literarische Schaffen. Den gleichen Zweck können übrigens auch Autorenforen erfüllen. Das bekannteste und einflussreichste deutschsprachige Autorenforum ist sicherlich Montségur. Hier ist die Voraussetzung für die Mitgliedschaft allerdings der Nachweis über eigenes professionelles literarisches Schaffen. Insofern werden sich Schreibanfänger nach anderen Autorenforen umsehen müssen. Aber: immerhin etwa 60% der Beiträge auf Montségur sind auch für Gäste einsehbar. Hier bietet sich also eine nicht zu verachtende Wissensquelle.

Autorinnen und Autoren, die über schriftstellerisches Talent verfügen, können solche Angebote wie Schreibwerkstätten und Autorenforen sowie das daraus resultierende Feedback durchaus nutzen, um ihr handwerkliches Können weiter auszubauen. Darüber hinaus ist es per se eine sehr nützliche Erfahrung zu erleben, wie der eigene Text ernsthaft von Dritten diskutiert wird. Dies hilft vor allem Anfängern, das notwendige eigene Selbstverständnis, Autorin bzw. Autor zu sein, zu untermauern.

  1. Studiengänge des literarischen Schreibens

Hier sind in erster Linie das Literaturinstitut in Leipzig sowie das in Hildesheim zu nennen. Unzweifelhaft ist es dem eigenen Schreiben förderlich, sich über einen größeren Zeitraum hinweg intensiv mit nichts anderem als eben diesem auseinandersetzen zu dürfen. Das Reflektieren des eigenen Schaffens und das Sprechen über fremde und eigene Texte, das Kennenlernen unterschiedlicher Zugänge zur Literatur und Ansätze zum Schreiben ist zweifellos ein Gewinn. Die Literaturinstitute bieten ihren Studierenden einen geschützten und offiziell anerkannten Raum, um sich derart zu betätigen.

Trotzdem, so lustig, interessant und unterhaltsam ich es mir vorstelle, an einem solchen Institut zu studieren, glaube ich nicht, dass es grundsätzlich solcher Studiengänge bedarf, um literarisches Schreiben zu erlernen, und ich verspüre rein intuitiv einen gewissen Widerwillen bei dem Gedanken daran. Man verstehe mich nicht falsch; prinzipiell begrüße ich es, dass es diese Möglichkeit gibt. Aber ein Unbehagen dabei kann ich nicht leugnen.

Zwar wird in den entsprechenden Studiengängen davon gesprochen, dass es darum gehe, einen individuellen Schreibstil zu entwickeln – aber ist das tatsächlich die Praxis? Ich weiß es nicht. Vielleicht schaue ich auch bloß deswegen mit Argwohn auf diese neuen akademischen Angebote, weil es solche zu meiner Zeit noch nicht gab und ich neidisch bin? Vielleicht.

Aber ich habe meine Vorbehalte und glaube, dass diese teilweise berechtigt sein könnten.

Wenn jemand sozusagen eine Berufsausbildung im literarischen Schreiben absolviert, so wird diese Ausbildung sicher in gewisser Weise marktorientiert sein. Es wird das Handwerkszeug vermittelt, das dazu befähigen soll, massenkompatible Literaturprodukte herzustellen. Womöglich kommen dabei handwerklich rundum ordentlich gemachte Werke zustande. Aber wagt sich jemand von den Autorinnen und Autoren, die einen solchen Studiengang durchlaufen haben, ungeachtet der Gesetze des Marktes und der erlernten Regeln noch an den einen großen Wurf? Traut sich jemand von den so Ausgebildeten daran, etwas Gewaltiges, noch nie Dagewesenes in Angriff zu nehmen? Vielleicht. Wahrscheinlich aber eher nicht.

Ich weiß, ich tue den Absolventinnen und Absolventen dieser Studiengänge sicher unrecht; aber Autorinnen und Autoren, die auf diesem Weg zu Autorinnen und Autoren geworden sind, interessieren mich erst einmal nicht besonders. Sie dürfen mich gerne eines Besseren belehren. Aber es haftet dem Ganzen immer etwas sehr Unselbständiges und nachgerade Industrielles an, etwas Ökonomisches, was mir in Verbindung mit dem Schreiben nicht behagt. Die Vorstellung von jemandem, der sich seinen Weg des Schreibens selber sucht und möglicherweise über Umwege und biographische Hindernisse hinweg findet, ist mir sympathischer und entspricht eher meinem ästhetischen Empfinden.

Man kann das alles auch anders sehen, das weiß ich. Schließlich kann man auch Musik und Kunst studieren – woran auch nichts auszusetzen ist. Warum sollte es sich bei literarischem Schreiben anders verhalten? Möglicherweise werde ich dahingehend meine Meinung in Zukunft auch noch ändern, denn hundertprozentig kann ich nicht erklären, warum mich die „Verschulung“ beim Schreiben stört, während mir praktische akademische Ausbildungen in anderen künstlerischen Sparten wie Musik oder Schauspiel oder Zeichnen und Malen vollkommen evident sind.

Vielleicht, weil die Erschaffung von Welten noch viel unmittelbarer verknüpft ist mit einer eigenständigen und individuellen Weltsicht, die sich wiederum aus dem je eigenen Lebensumfeld und dem je eigenen persönlichen Erfahrungsraum und Hintergrund speist. Und wenn alle am selben Ort dasselbe machen und erfahren und lernen, ist das der Erschaffung vielfältiger Welten wahrscheinlich nicht förderlich.

Das alleinige Befolgen der Regeln und des Gelernten wird noch nicht zu literarischer Qualität führen. Es hält die Schreibenden auf sicherem Terrain. Das ist für die Autorinnen und Autoren, die sich eine solche Sicherheit wünschen, angenehm. Aber es ist sicher nicht Ziel und Zweck von Literatur, wie ich sie verstehe. Wenn Schreiben auf bloßes Handwerk reduziert wird, das sich an einem normierten Regelwerk orientiert, bleiben Originalität und Individualität auf der Strecke. Ich persönlich finde das Scheitern an einem großen Werk immer interessanter als das gelungene Produzieren vieler durchschnittlicher Bücher.


Interessante Beiträge zum Studium des literarischen Schreibens:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/literaturinstitut-leipzig-von-einem-der-auszog-das-schreiben-zu-lernen-12160937.html

http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2014-03/umfrage-studenten-literaturinstitute


Und wie lernt man dann Schreiben?

Nachdem ich beinahe alles schlecht gemacht habe oder doch wenigstens in Frage gestellt habe, was einem in dieser Hinsicht naheliegender Weise zuerst einfällt, bleibt die berechtigte Frage: Wie soll man denn dann Schreiben lernen, wenn Schreiben können, neben dem Talent, vor allem von der richtigen Beherrschung des Handwerks abhängt?

  1. Schreiben, Lesen, Leben, Denken

Die Antwort ist: Schreiben. So viel es geht. Und lesen. So viel es geht. Und denken. So viel es geht. Kritisch werden gegenüber sich selbst und dem eigenen Schreiben. Und leben. Und wahrnehmen. Und beobachten. Kritisch werden gegenüber sich selbst und allem anderen. Und verarbeiten. Der Schriftsteller ist ein Schwamm. Oder besser noch: eine Recycling-Maschine.

Wie es sich dem einen oder der anderen vielleicht schon beim Lesen des Vorangegangenen angedeutet haben mag, betrachte ich Schreiben eher als Lebensform denn als bloße Tätigkeit. Wer Autorin oder Autor ist, ist es immer und überall. Wer dies nicht in sich spürt, sollte vom Vorhaben, professionell literarisch schreiben zu wollen, Abstand nehmen. Schreiben im ernstzunehmenden Sinne ist Berufung und nicht bloß Beruf (erst recht kein Hobby). Insofern liegt hierin das Talent, das man im wörtlichen Sinne vielleicht besser ´Begabung´ nennt. Es ist etwas, das einem gegeben ist – nämlich der Umstand und die Bürde, dass die Wörter etwas mit einem machen und dazu herausfordern, etwas mit ihnen zu machen. Und nicht nur die Wörter. Die Welt fordert heraus. Sie ist das Problem, das es zu bewältigen gilt. Sie will verarbeitet und zu Literatur gemacht werden. Und aus dieser Literatur wollen neue Welten entstehen. Nicht unbedingt bessere oder schlechtere, aber andere und eigene.

Wenn das Schreiben ein Bedürfnis ist, wird alles andere daraus folgen. Das Bedürfen ist das Talent, und die Folge des Bedürfens wird das Schreiben sein. Und wer in seinem Leben schreiben muss, wird es immer müssen. Und wer immer schreibt, erlangt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Beherrschung des literarischen Handwerks.

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4 Gedanken zu „5 Faktoren erfolgreichen Schreibens: 1. Talent und handwerkliches Können

  1. Vielen Dank für diese Darstellung!
    Ich persönlich finde es besonders interessant, zu sagen, schreiben ist leben. Mir geht es so, dass ich je nach Lebensphase trotz Lust und Drang zu schreiben keine Zeit und Ruhe finde, um meine Gedanken auch wirklich festzuhalten. Kennst du solche Phasen auch?

    Gefällt 1 Person

    • Ja, selbstverständlich kommt man nicht immer zum Schreiben, und es gibt Phasen, in denen man nichts zu Papier bringt, obwohl man eigentlich möchte. Aber trotzdem ist der Schreibprozess in vollem Gange, weil aufgenommene Eindrücke und Gedanken sich unbewusst formieren, teilweise auch bewusst gelenkt und verknüpft werden, um schließlich dann zum gegebenen Zeitpunkt und Anlass verschriftlicht zu werden. Insofern ist die Autorin bzw. der Autor, wie ich sie verstehe, auch dann schriftstellerisch aktiv, wenn sie bzw. er gerade nicht schreibt. Es gibt verschiedene Theorien künstlerischer Produktivität, die – je nach Ansatz, den literarischen Prozess in 3 bis 5 Phasen einteilen. Und die eigentliche Niederschrift steht dabei eher am Ende des Prozesses…

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