Merkzettel zum Dichten

Immer wieder erreichen mich Mails, in denen mich Leute nach etwas ganz anderem fragen oder etwas von mir wollen, das absolut nichts mit diesem Beitrag zu tun hat. Niemand hat mich bisher nach meinen Ansichten zum Dichten gefragt. Weil offenbar niemand weiß, dass ich auch auf diesem Gebiet Wichtiges und Gültiges zu sagen habe, möchte ich im Folgenden ein paar Hinweise zum Gedicht als solches geben, seiner Erschaffung und Beschaffenheit.

Definition

Gedichte sind in Versen aufgebaut. Bei dieser Textsorte sind also Zeilenumbrüche symptomatisch. Eine gängige Definition der Textgattung ´Gedicht´ unter Germanisten lautet: Gedichte sind das, wo rechts auf dem Blatt was frei bleibt. Das kann man jetzt glauben oder nicht; jedenfalls ist es eine zutreffende Definition, es sei denn, der Text ist zentriert gesetzt oder rechtsbündig oder…

Sprache im Reagenzglas

Die Verse eines Gedichts bilden Sinneinheiten; es ist nicht der Satzbau, der den Anfang oder das Ende eines Verses bestimmt. Man erwartet von einem Gedicht ohnehin anderes als von Prosatexten. Denn das Gedicht zählt zur Lyrik, und diese besticht durch eine Unmittelbarkeit ihres Ausdrucks. Das Gesagte geht im besten Fall, nachdem es erkannt worden ist, von hinten durch die Brust und mitten ins Auge. In einem Gedicht möchte sich das Ich mitteilen, und dieses Ich ist ein erlebendes und empfindendes, das sich mittels eines Gedichts Ausdruck zu verschaffen sucht. Da wundert es nicht, dass ein Gedicht sich in einer ganz besonderen Sprache zeigt, nämlich in der poetischen. Diese poetische Sprache weicht zum Teil stark ab von der uns allen bekannten Alltagssprache. Mitunter sind es Texte in totaler Privatsprache, die niemand versteht, außer der Autorin oder dem Autor selbst. Und auch diese nicht immer am nächsten Tag. Wenn die Literatur, wie ich sie verstehe, eine Mischung ist aus Universalbibliothek und Laboratorium der Sprache, so ist das Gedicht ein Reagenzglas oder eine Petrischale oder ein Mikroskop, das Experiment und Kondensat oder Destillat oder was auch immer in einem. Hier wird verdichtet, gespalten und verschmolzen.

Vorsicht ist geboten

Wenn die Dichterin und Dichter also, wie oben behauptet, im Gedicht ihre Empfindungen ausdrücken, dann sind alle in Gefahr. Leser und Dichter gleichermaßen. Sei es, weil es ergreifend sein kann und uns überwältigt, was wir da zu lesen bekommen; sei es, weil es unerträglich ist, wir kompromittiert werden und die Verfasser der Gedichte ihre Haut – ohne Rücksicht auf Verluste – zu Markte tragen. Niemand möchte das. Wir wollen uns nicht fremdschämen müssen.

Manche sagen, wenn ein Gedicht keine Empfindung ausdrücken möchte, sondern nur Denken, Glauben oder Erkenntnis mitteilt, ist es noch kein Gedicht. Es bedarf der Komponente der Empfindung. Ich teile diese Auffassung nicht. Denn gerade in der Lyrik ist die Rezeptionsästhetik von großer Wirkmacht; und wenn auch Dichterin oder Dichter keine unmittelbare Empfindung hineinlegen – wenn es ein funktionierendes Gedicht ist und ein funktionierendes Rezeptionsgehirn, werden die Leserinnen und Leser diese Aufgabe übernehmen. So kann also ein Gedicht Ausdruck des Empfindens der Dichterin oder des Dichters sein, zugleich aber auch (allein) zum Ausdruck des Empfindens der Leserin oder des Lesers werden.

Nun vorausgesetzt, es wäre so (was es auch ist), dass in der Regel die Dichterinnen und Dichter in ihren Gedichten Empfindungen zum Ausdruck bringen möchten, so sehen viele darin die individuelle Note begründet, die dem Gedicht eigen ist. Denn in seinem Empfinden ist der Mensch einzigartig, so sagt man, und durch den Ausdruck dieser Einzigartigkeit sollte es zur Unverwechselbarkeit des Gedichts kommen. Also schreiben viele, die sich selbst Dichter nennen, mehr oder weniger kurze Texte, deren Zeilen sich oftmals paarweise reimen und bei denen rechts auf dem Blatt was frei bleibt. Nicht selten werden Artikel weggelassen, um Verdichtung zu erzeugen, immer haben sie intensive Gefühle beim Schreiben. Oft geht es um die großen Dinge, sehr oft um Enttäuschungen des vereinsamten und missverstandenen Ichs. Das, was dann da auf dem Blatt Papier oder dem Screen oder im Moleskin-Büchlein steht, ist dann ein Gedicht. Und in diesem Gedicht drücken sich ihre einzigartige Individualität und Weltsicht, ihr ganz besonderes Empfinden aus. Pustekuchen. Denn es ist nicht einfach, Empfindungen adäquat auszudrücken. Abgedroschene Worte, unpräzise Bilder, triefende Sentimentalität, schwülstige Großsprecherei, geistiger Diebstahl und in jeder Hinsicht Unausgegorenes geben sich die Klinke in die Hand.

Bitte, haltet etwas Abstand zu dem Ich, nehmt nicht die erstbesten Wortverbindungen, benützt nicht die Bilder anderer, habt eigene Ideen, lasst eure Texte nach dem Verfassen einige Tage, Wochen, Monate, Jahre liegen und schaut sie euch danach noch einmal kritisch distanziert an. Wenn ihr sie dann immer noch rundum gelungen findet, sind sie entweder tatsächlich gut – oder euch ist nicht mehr zu helfen. Wenn ihr sie nie wieder anseht, in der sicheren Ahnung oder dem Glauben daran, sie seien misslungen, dann habt ihr viel gelernt und solltet weiter machen. Dann habt ihr womöglich die Mittel, gute Dichterinnen und Dichter zu werden.

Dichtung und Musik

Lyrik kommt von Lyra, und die Lyra ist ein Musikinstrument, ähnlich der Kithara. Keine Ahnung, ob diese etymologische Herleitung zutreffend ist, aber ich bin im Moment zu faul zur Recherche, und ich brauchte auf die Schnelle eine passende Überleitung, um die Verbindung von Poesie und Musik plastisch zu machen. Diesen Zweck erfüllt die steile These allemal, und irgendeine Verbindung wird es da vermutlich schon geben.

Der Rhythmus eines Gedichts ist ein anderer als der eines Prosatextes, was sich auch bemerkbar machen sollte, wenn man den Zeilenfall zwischen den einzelnen Versen außer Acht lässt und den Text gemäß seiner Satzstruktur setzt – sofern eine vorhanden ist. Rhythmus ist wichtig, wenn man Gedichte schreibt. Nicht allein die Anzahl der Silben bestimmt den Rhythmus, sondern der Text als Ganzes: die Reime, die An- und Ablaute, die Ab- und Aufeinanderfolge von Vokalen und Konsonanten, die Dehnung und Dehnbarkeit der Vokale, die Versanfänge und -enden. Einfach alles, was Material der Lektüre oder eines eventuellen Vortrags ist und aufgrund seiner Bedingtheiten den ´Groove´ des Gelesenen bis zu einem gewissen Grad vorgibt. Wie bei Songs, sollte der Rhythmus den Inhalt des Textes unterstützen und verstärken, die Betonungen des ´Beats´ liegen auf den Schwerpunkten des Ausgesagten, Sinneinheiten werden sozusagen in einzelnen Takten voneinander geschieden.

Wenn ich vorhin schrieb, dass nicht nur die Silben den Rhythmus des Textes bestimmen, so ist das zweifellos richtig (wie immer und unzweifelhaft alles, was ich sage, richtig ist), aber doch sind die Versmaße selbstverständlich das bestimmende Element, das Grundgerüst des Rhythmus´. Es macht einen wesentlichen Unterschied in der Anmutung und der Wirkung eines Gedichts, ob es Knittelverse, Blankverse, iambische Verse (ja, ich weiß: ein Blankvers ist auch ein Iambus) oder sogenannte Alexandriner, fallende Viertakter, fallende Fünftakter, fallende Sechstakter (Trochäus), viertaktige Reihen, Hexameter oder Pentameter (Daktylus) nutzt. Und den Anapäst gibt es ja auch noch. Ich habe natürlich keine Ahnung, was das alles sein soll. Dieses ganze Zeug mit Hebungen und Senkungen, Doppelkürzen und Längen, Versfüßen. Es ist sicher kein Zufall, dass die Namen der Versmaße nach Dinosauriern klingen. Durch den Rhythmus aber, der durch den bewussten oder unbewussten Einsatz dieser Mittel entsteht, wird zwischen der Versstruktur und dem Inhalt der Verse eine direkte Beziehung hergestellt, eine organische Einheit entsteht. Ohne Musik wäre die Dichtung ein Irrtum.

Metapher und Vergleich

Neben dem Rhythmus sind auch Vergleiche und Bilder bestimmende Elemente des Gedichts. Es gibt die Meinung, dass man bei der Verwendung von Vergleichen in einem Gedicht allerdings auf das den Vergleich anzeigende Wörtchen „wie“ verzichten solle, weil dies in die Region des Erzählerischen führe und die dichterische oder lyrische Atmosphäre auflöse. Ich würde das nicht so strikt sehen. Ohnehin sehe ich keine klare Trennlinie zwischen einem Erzähler und einem Dichter. Ich vertrete einen weiter gefassten Dichtungsbegriff, der sich nicht auf den Bereich der Gedichte und Lyrik beschränkt. Das tut hier allerdings nichts zur Sache. Jedenfalls, es schadet sicher nicht, die Vermeidung des Wörtchens „wie“ bei Vergleichen in Gedichten im Hinterkopf zu haben, wenngleich es aber auch Fälle geben mag, in denen man dieses Wort auch bei Vergleichen in Gedichten gewinnbringend einsetzen kann.

Das Große im Kleinen

Überhaupt bewegen wir uns mit dem Einsatz bildhafter Sprache im Gedicht auf schwierigem Terrain. Hier lässt sich sehr schnell sehr viel falsch machen. Viele machen das auch. Wenn es stimmt, was ich eingangs sagte, nämlich dass das Gedicht gewissermaßen das Reagenzglas ist – und wir haben gelernt, dass immer alles stimmt, was ich sage –, dann kann ein Gedicht nur schwerlich das große Ganze in den Blick nehmen und angemessen abbilden. Dafür reicht schlicht der Platz nicht aus. Es sei denn, man verträte die Ansicht „code is poetry“, und es gelänge der Menschheit, die Weltformel zu entdecken bzw. zu entwickeln, die sich in einem dem Umfang nach überschaubaren Code ausdrücken ließe…was nicht der Fall sein wird.

Das Gedicht zeigt bestenfalls einen Mikrokosmos, einen Ausschnitt  Leben in der Petrischale oder unter dem Mikroskop, eine Spiegelung grundlegender Prinzipien in einem vielleicht oftmals übersehenen Detail. Das Große zeigt sich im Kleinen. In einem Gedicht wird im Idealfall ein kleines Ganzes evoziert. Die benutzten Metaphern und Bilder dürfen dabei durchaus konkret und detailliert sein. Bleibt ein Gedicht bei seiner Bildausgestaltung nämlich zu sehr im Abstrakten und Vagen, wird nicht viel evoziert werden. Oftmals zeigen sich sogar der Dichterin oder dem Dichter selbst während der detaillierten Ausarbeitung der Metaphern und der angewandten semantischen Felder ungeahnte Parallelen, möglicherweise gar Verbindungen zum großen Ganzen, das sich im kleinsten Ganzen des Gedichts widerspiegelt.

Das Gedicht kann Unglaubliches erzeugen. Entweder unglaubliche Unbeteiligtheit seitens der Leserinnen und Leser bei gleichzeitiger höchster emotionaler Ergriffenheit der jeweiligen Dichterin oder des Dichters während des Verfassens und der Lektüre des eigenen Textes – oder die Offenlegung einer zuvor nicht erkannten ganzen kleinen Welt, die das Gute, Wahre und Schöne sowie das Böse, Falsche und Hässliche reflektiert.

Mehr habe ich dazu erst einmal nicht zu sagen.

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