Über die Wirkung von Literatur, oder: Was kann die Kunst?

Dieser Beitrag befasst sich mit der Frage, ob es möglich ist, durch Schreiben die Welt zu verändern. Nicht mehr, nicht weniger. Welche Bedeutung kann und darf man dem Schreiben beimessen, wenn es darum geht, Einfluss zu nehmen auf gesellschaftliche Zustände? Gemeint ist hier nicht der Intellektuelle, der sich außerhalb seines eigentlichen literarischen Schaffens im gesellschaftlichen Diskurs zu Wort meldet und auf diese Weise womöglich durch sein persönliches Engagement etwas bewirken kann. Gemeint ist hier eine unmittelbare Wirkung des Geschriebenen, des Fiktionalen. Kann das Fiktionale etwas dazu beitragen, etwas an ´realen´ Verhältnissen zu ändern? Und wenn dem so sein sollte, wie?

Problemaufriss

Das Problem der Literatur (wie auch der Kunst im allgemeinen) in Bezug auf ihre gesellschaftliche Position lässt sich vielleicht folgendermaßen beschreiben: Lässt sie in ihrer Autonomie nach, so verschreibt sie sich dem Betrieb der bestehenden Gesellschaft und unterwirft sich ihren Regeln; bleibt sie strikt für sich, so fehlt ihr die Möglichkeit der Einflussnahme. Das ist das scheinbare Dilemma.

Es geht es hier also um die Frage, inwiefern – wenn überhaupt – Kunst im allgemeinen und Literatur im besonderen Einfluss nehmen können auf gesellschaftliche Verhältnisse, obwohl vermeintlich eine völlige Disjunktion zwischen der künstlerischen Fiktionalität und der Lebenswirklichkeit des Rezipienten besteht. Wie kann die Fiktion etwas zur Verfügung stellen, das den Übergang in die vermeintlich von ihr völlig verschiedene Realität vollzieht und dort Wirkmächtigkeit entfaltet? – Das Einzige, was dahingehend in Betracht kommt, sind im Fiktionalen enthaltene Gedanken und Erkenntnisse, die vom Rezipienten aufgenommen und in dessen Lebenswirklichkeit transferiert werden. Eine solche Transferleistung kann jedoch nur gelingen, wenn das Geschriebene sich in irgendeiner Form auf das Leben des Lesers übertragen lässt – und sei es auch nur in stark abgewandelter Form. Es geht demnach um Erkenntnis durch Literatur und deren ´Sitz im Leben´. Es geht um Bewusstseinsprozesse, die durch die Lektüre des Fiktionalen in Gang gesetzt werden und Auswirkungen haben auf die Gedanken und Handlungen des Rezipienten in dessen Lebenswirklichkeit.

Gegenstandpunkte

Eine der weit verbreiteten Vorstellungen besagt jedoch, dass die fiktive Realität eine Wunschwelt darstelle, in die Autor und Leser aus ihrer leidvollen und frustrierenden Realität flüchteten. Die literarischen Texte führten demnach von der Lebenswelt weg. Die Lektüre literarischer Texte wird hier als eine Art „Narkotikum“ aufgefasst. Sie wird als Ablenkung von der geschichtlich sozialen Lebenswelt begriffen, so dass von ihr keine Wirkung auf ein reflektiertes Selbst- und Weltverständnis ausgehen kann. Dies ist für die Verfechter dieses Standpunkts nicht genreabhängig, sondern trifft auf den fiktionalen Text an sich zu. Die fiktive Realität führt nach dieser Auffassung immer von der ´echten´ Realität fort. Die Lösung gesellschaftlicher oder persönlicher Probleme in der eigenen Lebenswirklichkeit sehen die Leserin und der Leser hier demnach in der Flucht in eine Alternativwelt. Und das Vorhandensein dieser Fluchtmöglichkeit wirkt ´narkotisierend´, so dass der Leidensdruck bzw. der Antrieb, etwas an den Problemen der Lebenswirklichkeit ändern zu wollen, geschmälert wird. Literatur kann also nicht bloß nicht gesellschaftsverändernde Wirkungen entfalten, sondern wirkt – im Gegenteil – allein durch ihre Vorhandenheit und der von ihr zur Verfügung gestellten Fluchtmöglichkeit auf Zeit in Hinblick auf gesellschaftliche Zustände konservierend.

Darüber hinaus wird Literatur und Kunst von der empirisch-analytischen Wissenschaftsauffassung auch deswegen ein Erkenntnisanspruch abgesprochen, weil auf dem Hintergrund einer rein positivistischen Wirklichkeitsauffassung die fiktive Realität als subjektiv verzerrte Wirklichkeit erscheint – und nichts weiter als das. Nun ja, soweit die reinen Positivisten, deren Standpunkt hier zumindest einmal erwähnt worden sein sollte. Selbstverständlich ist ein rein positivistischer Ansatz immer schwierig, wenn es in den Bereich der Psyche und Wahrnehmung geht.

Literatur: Erkenntnis eigener Qualität

Man kann aber auch einen anderen Standpunkt dazu einnehmen. Die ´subjektiv verzerrte Wirklichkeit´ der fiktiven Realität ist das Sich-Zeigen der Sache, die Kunstform ist die ästhetische Reaktion auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, so wie der Künstler sie versteht. Kunst und Literatur sind Erkenntnis eigener Qualität und die Form dieser Erkenntnis ist das Wiedererkennen. In der fiktiven Darstellung erkennen die Leserin und der Leser ihnen bekannte Strukturen, Muster und Gedanken wieder. Bereits unbewusst Geahntes oder Gewusstes tritt in den Vordergrund des Bewusstseins, Dinge und Sachverhalte scheinen in neuer Klarheit auf, Zusammenhänge werden sichtbar. Hier bietet sich ein Rekurs auf die Diskurs-Definition von Foucault an, nämlich dass ein Diskurs eine Wahrheit sei, die vor ihren eigenen Augen entsteht. (Hierin scheint bereits ein Moment potentieller Wirkmöglichkeit der Kunst auf.)

Lossagung von praktischen Funktionen

Denn auch wenn Kunst natürlich nicht ein identisches Abbild der Wirklichkeit ist, so gibt es doch nichts in der Kunst, auch nicht in der sublimiertesten, was nicht aus der Welt stammte; selbstverständlich nicht unverwandelt. Alle ästhetischen Kategorien sind ebenso in ihrer Beziehung auf die Welt wie auch in der Lossagung von ihr zu bestimmen. Hier zeigt sich deutlich das wesenhaft Dialektische in der Kunst. Der tschechische Strukturalismus hat folgerichtig die ästhetische Funktion als die dialektische Negation der praktischen Funktionen verstanden und dadurch den Sinn- und Erkenntnisanspruch der Kunst freigelegt. Die Negation der praktischen Funktionen hebt die Literatur aus den unmittelbaren Lebensbezügen heraus.
Dadurch bestimmt sich die Literatur zwar als ein autonomer Bereich der Darstellung von Möglichkeitswelten, die niemals mit den tatsächlichen alltäglichen Welten gleichgesetzt werden können, aber die Negation der praktischen Funktionen bedeutet nicht, dass sich die Literatur von der Wirklichkeit abwendet, sondern sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, sich ihr, entlastet von praktischen Funktionen, verstärkt zuzuwenden.

Lebensbezüglichkeit trotz Fiktionalität

Ästhetische Funktion, Fiktionalität und der Sinn- und Erkenntnisanspruch literarischer Texte stellen keine Gegensätze dar, sondern bedingen einander und bestimmen so die Aufgabe der Kunst. Kunst soll nicht von der geschichtlichen Wirklichkeit erlösen, sondern zu ihr hinführen. Wenn die Kunst sich der Komplexität und Widersprüchlichkeit menschlicher Erfahrung vollkommen entzieht und der vielgestaltigen sich wandelnden Wirklichkeit eine der Lebenswelt enthobene, zeitlose Sphäre gegenüberstellt (auch das gibt es), bewirkt sie nichts – außer die Erschaffung einer parallelen Kunstwelt [l´art pour l´art]. Das hat zugegebenermaßen auch seinen Reiz. Und für den Künstler selbst mag dies vielleicht sogar eine Lösung seines persönlichen Problems mit der Welt sein. Ich verstehe das. Dennoch verstehe ich zugleich Ästhetik als praktizierte Gesellschaftskritik.

Fiktionalität ist Einstellungssache

Fiktionalität ist in erster Linie eine Einstellung des Lesers gegenüber der dargestellten Welt. Das wesentliche Merkmal von Fiktionalität ist, dass der Leser nicht danach fragt, ob die einzelnen Charaktere in der außerästhetischen Realität so existieren oder die einzelnen Ereignisse sich so zugetragen haben, wie es der Autor beschreibt, sondern dass er seine Aufmerksamkeit auf die Frage lenkt, was durch die Art der Darstellung in Erscheinung tritt.
Beim Verstehen ´fiktiver´ Wirklichkeit wird somit die Beziehung zwischen der dargestellten Wirklichkeit und der Lebenswelt des Lesers wichtig. Der literarische Text wird zum „ästhetischen Objekt“. Er ist auf den Leser, dessen Erfahrungen und Einstellungen im Verständnisprozess angewiesen. Der Leser leiht, wie Sartre es an irgendeiner Stelle ausdrückt, den Charakteren seine Gefühle und Gedanken. Nur so wird aus den Schriftzeichen eine ´fiktive´ Wirklichkeit.

Was heißt schon ´Fiktionalität´?

Setzt man nun also die ästhetische und die außerästhetische Realität nicht einander entgegen, sondern begreift jene als den Versuch, Wirklichkeit zu erhellen, dann kann sie dem Rezipienten auch ins Bewusstsein heben, was er in der eigenen Lebenswelt möglicherweise übersieht bzw. nicht wahrhaben will. Und eben darin liegt die befreiende Wirkung der Kunst, auch wenn das, was zur Erscheinung kommt, unschön sein sollte. Ästhetische und außerästhetische Welt stehen einander nicht unvereinbar gegenüber. Diskurse und Informationen durchwalten alles, ganz gleich ob in unserer Lebenswirklichkeit oder medial übersetzt in der Literatur. Und sie setzen sich fort und bedienen sich der verschiedenen Träger und Medien, um ihr Verhältnis untereinander auszutarieren und auf diese Weise das Aussehen unserer Welt zu bestimmen.

Ich persönlich glaube schon seit längerem nicht mehr an eine Unterscheidung von ´Fiktion´ und ´Realität´ im herkömmlichen Sinne. Eine solche Vorstellung halte ich für relativ naiv – wie dualistische Ordnungsprinzipien ohnehin immer nur Behelfsmechanismen sein können. Wenn mir vermeintliche Realisten und Rationalisten etwas von der Realität erzählen möchten, weiß ich genau, dass sie nicht wissen, wovon sie reden. Das, von dem die meisten behaupten würden, es sei die Realität, ist ein Konstrukt. Die Lebenswirklichkeit ist konstruiert, eine konstruierte Fiktion.

Was also können Kunst und Literatur? – Uns zeigen und bewusst machen, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, nur eine einzige realisierte von unzähligen möglichen Wirklichkeiten ist. Alles könnte anders sein. Es hängt an uns.

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