Yoda, Gandalf, Hagrid & Co. – Wie man interessante und funktionierende Mentor-Figuren entwickelt

Es ist allgemein bekannt, dass Geschichten in der Regel nur so gut sind wie ihre Figuren. Das bedeutet, dass Ihr Protagonist wirklich interessant sein muss. Er muss sich im Laufe der Handlung entwickeln, die Leserinnen und Leser für sich einnehmen (auch wenn er nicht sympathisch ist) und Herausforderungen überzeugend und spannend meistern. Schriftsteller konzentrieren sich oft darauf, ihre Protagonisten immer weiter herauszuarbeiten und zu perfektionieren. Aber manchmal konzentrieren sie sich dabei auf das falsche Element.

Denn um den Protagonisten besser herauszuarbeiten, ist es oft am besten, sich darauf zu konzentrieren, eine überzeugende Nebenrolle zu entwickeln. Zu diesen wichtigen Charakteren gehört vor allem der Mentor – der ältere, klügere Freund, der den Protagonisten auf die eine oder andere Weise unter seine Fittiche nimmt.

Falls Sie sich unter einem ›Mentor-Charakter‹ nicht auf Anhieb etwas vorstellen können, möchte ich Ihnen ein paar Beispiele geben. Sie werden mit Sicherheit Mentor-Charaktere kennen, auch wenn Sie bisher noch nie darüber nachgedacht haben sollten: Yoda und Obi-Wan Kenobi aus »Star Wars«, Gandalf aus »Der Herr der Ringe«, Ramirez aus »Highlander« und der Kerl, der dem Wort seine Bedeutung gegeben hat, Mentor aus der »Odyssee«.

Natürlich müssen Ihre Mentoren nicht alle weise sein, und es müssen auch nicht immer alte weiße Männer sein, die immer nur wenige Sekunden wissend nicken und mit einem kurzen Blick im entscheidenden Moment alles sagen, was zu sagen ist. Tatsächlich ist es das Beste, wenn Mentoren nicht derart klischeehaft sind. Aber um zu verstehen, wie man einen interessanten und ›funktionierenden‹ Mentor entwickelt, müssen wir den Archetyp genauer untersuchen.

Der Mentor und die Reise des Helden

Auf der Reise des Helden ist der Mentor derjenige, der den Protagonisten entweder über die Schwelle zwischen der ›sicheren‹ Welt und der ›Geschichtenwelt‹ führt (wie in »Der Hobbit« und »Der Herr der Ringe«) oder derjenige, der den Protagonisten empfängt, sobald er dort ankommt (wie in »Der Zauberer von Oz«). Der Mentor lädt den Protagonisten sozusagen entweder in eine neue Welt ein bzw. zeigt ihm eine bisher verborgene Welt anderer Qualität oder er begrüßt ihn bei seiner Ankunft.

In dieser Anordnung ist die sichere Welt diejenige, in der der Held vor Beginn der eigentlichen Geschichte lebt. Diese Welt könnte so offensichtlich normal und gewöhnlich sein wie Kansas in »Der Zauberer von Oz« oder so nischenhaft und literarisch wie das Auenland in »Der Herr der Ringe«. Frodo und seine Hobbit-Freunde wohnen zu Beginn bereits an einem literarischen Ort, der sich stark von der Realität und Normalität der Leser unterscheidet. In der Welt der Romane, also innerhalb von »Mittelerde«, stellt die Heimat der Hobbits einen absolut sicher scheinenden und idyllischen Ort dar, der an Provinzialität und Kleinbürgerlichkeit kaum zu überbieten ist. Das Auenland ist grundsätzlich verschieden und steht in einem starken Kontrast gegenüber der umgebenden feindlichen Romanwelt, also der ›Geschichtenwelt‹. Die Geschichtenwelt ist der Ort, an dem die Handlung stattfindet – es ist das gefährliche unbekannte Land, das von der ›Schwelle‹ begrenzt wird – denken Sie an die Zauberwelt in »Harry Potter« oder das Meer vor Ithaka in der »Odyssee«. Im »Herrn der Ringe« ist es der Fluss Baranduin, der durch Passage der Brandyweinbrücke oder vermittels der Bockenburger Fähre überquert werden kann, um die Normalität der sicheren Heimatwelt zu verlassen.

Der Mentor ist derjenige, der den Helden für seine Aufgabe ausstattet und das Ziel des Helden beschreibt. Er ist entweder gebürtig aus der ›Geschichtenwelt‹ oder mit dieser zumindest bestens vertraut und somit in der Lage, dem Helden zu helfen, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Typischerweise vermitteln Mentoren dem Helden wichtige Lektionen und Prinzipien, die sich als hilfreich bei der Überwindung der Hindernisse erweisen, mit denen der Held konfrontiert wird.

Der Mentor spielt im Laufe der Geschichte eine immer geringere Rolle und befindet sich nicht selten in einer Distanz zum Helden. Oft stirbt der Mentor und zwingt den Helden zur Anpassung und zum Wachsen, verweilt aber in der einen oder anderen Form (denken Sie an Kenobis geisterhafte Stimme in »Star Wars« oder an Gandalf den Weißen im »Herrn der Ringe«).

Merkmale des Mentors

Es gibt Merkmale, die fast allen effektiven Mentor-Charakteren gemeinsam sind, und sie bestehen nicht unbedingt in den Eigenschaften, an die Sie vielleicht zuerst denken würden. Zum Beispiel muss ein Mentor nicht im traditionellen Sinne »weise« sein; er muss nur die Natur der Geschichtenwelt und das Potenzial des Helden erkennen.

Zum Beispiel kann Hagrid in »Harry Potter« kaum als »weise« im buchhalterischen Sinne beschrieben werden; er ist kein Dumbledore. Vielmehr ist er erfahren, entschlossen und loyal, er kennt die Fallstricke und Wahrheiten der Zauberwelt wie seine Westentasche, und er glaubt an Harrys Fähigkeiten und Erfolg.

Hagrid, wie viele berühmte Mentoren, war auch ehemals in der Rolle, in der sich der Protagonist der Geschichte befindet. Der Leser erfährt, dass er einmal Student wie Harry war, so wie Obi-Wan Kenobi einmal ein Jedi-Lehrling wie Luke war und Morpheus einmal neu in der Welt jenseits der Matrix wie Neo war. Diese Art von Erfahrung kann helfen, den Wert eines Mentors zu erklären, wenn traditionelle, archetypische Weisheit (wie zum Beispiel bei Gandalf oder Dumbledore) als Eigenschaft fehlt.

Sie können sogar Mentoren je nach ihrem ›Fachgebiet‹ einschleusen – Hagrid ist Harrys Mentor in der allgemeinen Zauberwelt, während man argumentieren könnte, dass Dumbledore sein Mentor in dem spezifischen Kampf ›Gut gegen Böse‹ ist, in den er verwickelt wird.

Aber jenseits des Wissens über die ›Geschichtenwelt‹, den Glauben an den Erfolg des Protagonisten und der Fähigkeit, dem Helden Führung und Ausrüstung bzw. Ausbildung zu bieten, wenn er die Schwelle zwischen der sicheren und der Geschichtenwelt überschreitet, gibt es nur wenige zwingende Eigenschaften für einen Mentor. Es gibt jedoch einige gemeinsame Merkmale, die von vielen prominenten Mentoren geteilt werden. Zum Beispiel:

  • Mentoren sind oft ziemlich zerzauste Individuen und viele sind Ausgestoßene oder Einzelgänger (denken Sie an Hagrid, Yoda, Gandalf, etc.)
  • Mentoren sind nicht in der Lage, das große Problem der Geschichte selbst zu lösen, trotz ihrer Einsicht oder ihrer oft nicht unbeträchtlichen eigenen Fähigkeiten
  • Mentoren haben in der Geschichtenwelt oft bereits einen gewissen Ruf erworben
  • Mentoren zwingen den Helden fast immer, sein eigenes Talent zu erkennen
  • Mentoren sind in der Regel vertrauenswürdige und oft verlässliche Charaktere
  • Mentoren neigen dazu, Geheimnisse zu bewahren und/oder Informationen vor dem Helden zurückzuhalten

Denken Sie daran, dass Mentoren nicht unbedingt sympathisch, angenehm oder klug sein müssen. In der Tat ist es wesentlich interessanter, wenn eine solche klischeehafte Figurenzeichnung gebrochen wird. Mentoren müssen nicht besonders gut mit dem Helden auskommen, sie müssen kein Mentor sein wollen, und sie müssen nicht einmal im besten Interesse des Helden handeln (schließlich hat Dumbledore Harry nicht gesagt, dass er wahrscheinlich sterben muss, um Voldemort zu besiegen, und Obi-Wan und Yoda haben das ganze ›Darth Vader ist dein Vater‹-Ding ziemlich geheim gehalten). Es ist nicht selten der Fall, dass der Mentor den Protagonisten nicht um seiner selbst willen unterstützt, sondern diesen vor allem als notwendiges Mittel zum Zweck betrachtet, um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen.

 

Der Nutzen des Mentors

Die Mentor-Figur ist ein wesentliches, wenn nicht sogar archetypisches Element des Geschichtenerzählens. Und alle erfolgreichen Geschichten folgen den immer gleichen archetypischen Mustern und Strukturen. Wenn Sie also beabsichtigen, einen Bestseller zu schreiben, ist ein Mentor beinahe obligatorisch.

Ein Mentor ist – neben seiner Unterstützung der »Heldenreise« e – eine gute Möglichkeit, effektiv Informationen über Ihre Geschichtenwelt zu liefern. Schließlich ist Ihr Held wahrscheinlich genauso neu in der Geschichtenwelt wie der Leser, und eine Mentor-Figur bietet Gelegenheiten, umfangreiche Expositionsstücke in Dialog, Aktion und Erzählung zu integrieren. Der Mentor ist da, um dem Helden und dem Leser die Exposition und Regeln der Geschichtenwelt zu erklären.

Neben der Vermittlung von Informationen und dem Vorantreiben der Handlung können Mentor-Charaktere verwendet werden, um das Tempo und die Stimmung Ihres Romans dramatisch zu verändern. Zum Beispiel fühlen sich die Dinge, wenn der Mentor in der Nähe ist, sicher an; das Wissen, die Fähigkeiten und die Anleitung des Mentors sind zuverlässig, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass in seiner Anwesenheit das Schlimmste passieren könnte. Denn in der Regel stellt der Mentor in der Geschichtenwelt bereits selbst eine nur schwer überwindbare Macht dar.

Daraus folgt auf der anderen Seite: wenn Sie den Mentor töten lassen oder ihn anderweitig außer Gefecht setzen, ist es, als hätte das Fundament eines sicher erbauten Hauses mit einem Mal einen starken Riss bekommen und stünde kurz vor dem Einsturz – die Dinge sind plötzlich sehr ernst geworden. Denken Sie an Gandalfs dramatischen ›Tod‹ durch den Balrog im »Herrn der Ringe« oder den Tod von Ramirez im Duell mit Kurgan in »Highlander« – das Tempo des Romans nimmt zu und das Gefühl der Gefahr ist plötzlich spürbar. Dies kann auch für die Charakterentwicklung von Vorteil sein; wenn der Mentor ausscheidet, muss der Held aufsteigen. Der Schüler muss zum Meister werden.

Einen guten Mentor entwickeln

Jetzt kommt der schwierige Teil. Die Entwicklung eines guten Mentors erfordert ein ausgeprägtes Gefühl der Zurückhaltung, da Mentoren ein Balanceakt sind. Wenn sie zu weise und mächtig sind, werden sie dem Helden die Aufmerksamkeit stehlen, und der Leser wird sich fragen, warum der Mentor nicht im Zentrum der Geschichte steht. Aber auch das Gegenteil ist der Fall: zu ruhig, schwach oder nutzlos, und die Leser werden beginnen, die Notwendigkeit dieser Figur in Frage zu stellen.

Im Allgemeinen ist es eine gute Idee, den Mentor einzigartig zu machen. Versuchen Sie, vom stereotypen weisen Mann abzuweichen und denken Sie stattdessen an etwas Originelles. Denken Sie daran, dass ein Mentor auch eine Person ist und nicht nur ein weiser Ratgeber sein sollte. Warum sollten Sie sich für einen Merlin-Klon entscheiden, wenn Sie stattdessen eine Obdachlose haben können, die Stimmen hört, aber die Kanalisation unter der Stadt wie ihre Westentasche kennt? Warum nicht ein junger, moralisch fragwürdiger Geschäftsmann, der dennoch den besten Weg an die Spitze kennt? Oder vielleicht ein schurkischer Seemann, der trotz seiner langen Geschichte von Alkoholismus und Verletzungen der einzige ist, der den Weg zu einem verborgenen Schatz kennt? Warum nicht ein spindeldürrer, zerzauster und unzuverlässiger Doktor mit fragwürdigen Diagnosen und Behandlungsmethoden, der aber als einziger dem Protagonisten einen Weg aus dem verschlossenen Raum aufzeigen kann?

Eine weitere Sache, die man bedenken sollte, ist, dass Mentoren in der Regel interessanter sind, wenn sie fehlerhaft sind. Schließlich muss es einen Grund geben, warum der Mentor nicht der Held ist – einen Fehler, der sie daran hindert, die Aufgabe des Helden selbst zu übernehmen. In ähnlicher Weise sollten Mentoren es sich nicht zur Gewohnheit machen, dem Helden zu Hilfe zu kommen sobald sich dieser in einer scheinbar ausweglosen Lage befindet – deus ex machina ist eine buchzerstörerische Kraft. Wahrscheinlich kommt man einmal damit durch und kann damit zudem – während der ›Ausbildungsphase‹ des Protagonisten – die Fähigkeiten des Mentors unter Beweis stellen; aber bereits ein zweites Mal wäre vermutlich einmal zu viel.

Abschließend

Es kann keineswegs schaden, den Mentor als eine Figur anzulegen, die ihre eigenen Motivationen hat, die nicht deckungsgleich mit denjenigen des Protagonisten sind. Diese Motivationen müssen nicht unbedingt innerhalb der Geschichte deutlich gemacht oder explizit genannt werden (wenngleich das in manchen Fällen interessant ist und gut funktioniert). Aber sie sollten doch zumindest unausgesprochen vorhanden sein, sozusagen als ›Subtext‹ der Figur.

Denken Sie daran, dass es nicht Aufgabe des Mentors ist, dem Helden zu sagen, was er denken soll – vielmehr sollte er Ihrem Helden beibringen, wie man denken soll, um in der Geschichtenwelt zu überleben. Der Mentor sollte dem Protagonisten helfen, weiser, fähiger und zielgerichteter zu werden.

Wenn Sie also das nächste Mal an einem interessanten Protagonisten arbeiten, berücksichtigen Sie auch immer die nächsten Charaktere um ihn herum sowie deren Beziehungen zueinander. Ein effektiver Mentor könnte das sein, was Sie brauchen, um Ihren Helden zu entwickeln und Ihre Geschichte voranzutreiben.

Lesen Sie ergänzend dazu auch folgende Beiträge: »Figuren sterben lassen: Über das Wann, Wie und Warum«, »Wie man lebendige Nebenfiguren erschafft« und »Wie Sie Ihrem Protagonisten echte Persönlichkeit verleihen«.

Ein Gedanke zu „Yoda, Gandalf, Hagrid & Co. – Wie man interessante und funktionierende Mentor-Figuren entwickelt

  1. Perspektivenwechsel: der Mentor wär Tagebuchschreiber und berichtet übet seine verschiedenen Mentees und ob es jetzt endlich mal einer schafft den Bösewicht der Geschichtenwelt zu besiegen. 😉

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