Ideen-Recycling

Die meisten kreativen Menschen haben Schwierigkeiten, Dinge wegzuwerfen. Da ist dieses Gefühl: »Das wird sicher nützlich sein, später.« Das gleiche Gefühl kann auf Ihre Schreibideen zutreffen, egal ob es sich um ausgearbeitete Entwürfe handelt, die RAM-Speicherplatz einnehmen, oder um hastig gekritzelte Gedanken in Ihrem Notizbuch. So wie Maler oft gebrauchte Leinwände durch Übermalen wiederverwenden, hindert Sie nichts daran, Schreibideen in neuerer, frischerer Form zu recyceln. Alte Ideen können das Geheimnis eines neuen Bestsellers sein.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine Idee, die nicht ganz richtig ist, nicht perfekt sein könnte. Tatsächlich werden Sie oft feststellen, dass sich die Ideen in der Zwischenzeit verbessert haben, da Ihr Unterbewusstsein das, was funktioniert, stärkt und das, was nicht funktioniert, entfernt bzw. erkennt. Aber wie bei jeder Methode, um Ihr Schreiben zu verbessern, können Sie nicht alles Ihrem Unterbewusstsein überlassen. Recycling ist am besten, wenn es sich um einen bewussten Prozess handelt.

Warum sollten Sie Schreibideen recyceln?

Es kann einige Zeit dauern, bis eine Idee reif ist, oder es kann ein wichtiger Bestandteil fehlen, der später auftaucht. Ihre Idee könnte eine ganze Geschichte, eine bestimmte Figur, eine erstaunliche Kulisse oder ein atemberaubender Moment sein. Dahingehend ist es nützlich, ein ordentliches Ideen- bzw. Materialarchiv zu führen, bereit für den Tag, an dem ein neues Projekt von der Kannibalisierung Ihrer alten Abfälle profitieren könnte.

Es kann mehrere Gründe geben, warum alte Ideen sich zur Wiedervorlage eignen könnten. Möglicherweise handelt es sich um eine Idee, die Sie bisher noch nie in Ihrem Schreiben verwendet haben und die Sie daher gerne umsetzen möchten. Vielleicht ist in dieser alten Idee auch bereits ein Thema enthalten, das sich wie ein roter Faden durch all Ihre Werke zieht, weshalb Sie Teile der Idee oder diese als abgewandeltes Ganzes nun mit etwas Neugeschriebenem verknüpfen können. Oder Sie betrachten diese alten Ideen unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten: Es handelt sich vielleicht um eine Idee, die es bisher in dieser Form noch nicht am Markt gibt, und der Zeitpunkt zur Umsetzung erscheint Ihnen günstig. Oder aber letzteres trifft zu, weil Sie mit dieser Idee eventuell an aktuelle Trends anknüpfen könnten.

 

Ändern des Formats

Haben Sie eine Idee für ein Gedicht, das eine Kurzgeschichte werden könnte? Oder ein Stück, das zu einem Roman werden könnte? Vielleicht eine Novelle, die zu einem Comicbuch-Skript werden könnte? Oder ein Roman-Exposé oder Stufendiagramm oder Scrapbook oder Plotskizze, die ein Drehbuch werden könnten?

Das Ändern des beabsichtigten Formats Ihrer Idee könnte Ihnen helfen, sie in einem ganz neuen Licht zu betrachten. Sie werden vielleicht feststellen, dass Ihre ursprüngliche Idee für eine epische Fantasy-Trilogie über einen verwaisten Troll, der sich über die Reihen des Trollimperiums erhebt, um der größte Troll zu werden, der jemals Troll war, tatsächlich prägnanter und unterhaltsamer in einigen gereimten Zeilen als Textgrundlage für ein Kinderlied umgesetzt werden könnte, denn in einer mehrbändigen Roman-Reihe. Nicht, dass ich etwas gegen epische, trollbasierte Fantasy-Romane hätte, denken Sie das bloß nicht – es ist nur ein Beispiel.

 

Ändern des Genres

Woody Allens dreiundneunzigminütige »Annie Hall« (bei uns besser bekannt als »Der Stadtneurotiker«) gilt als eine der größten und genrebestimmendsten romantischen Komödien aller Zeiten; aber sie begann ihr Leben eigentlich als zweieinhalbstündiges Mordmysterium namens »Anhedonia«. »Annie Hall« wurde erst im Schneideraum ›gefunden‹, nachdem die Produzenten des Films beschlossen hatten, eine drastische Änderung in der Ausrichtung des Films vorzunehmen. Die ursprüngliche Idee wurde jedoch nicht ganz aufgegeben, da Allen sie sechzehn Jahre später in »Manhattan Murder Mystery« verwandelte.

Ich denke, das ist das beinahe perfekte anekdotische Beispiel dafür, wie man wirklich Wert aus dem Recycling von Ideen durch Genrewechsel ziehen kann.

Alternativ könnte auch die Anwendung eines multi- oder genreübergreifenden Ansatzes eine interessante Möglichkeit sein, Schreibideen zu recyceln. Könnten Sie Ihrer Horrorgeschichte vielleicht etwas Romantik hinzufügen? Oder könnte Ihr Thriller eine schwarze Komödie werden? Es ist wie bei diesem völlig überteuerten »Ben und Jerry«-Eis, das es in manchen Multiplex-Kinos gibt – nicht jede neue oder ungewöhnliche Kombination wird funktionieren, aber die Kombinationen, die es tun, könnten Bestseller werden.

 

Ändern der Zielgruppe

Ähnlich wie die Änderung des Formats Ihrer Idee, führt die Änderung Ihrer ursprünglichen Zielgruppe zu neuen Bedingungen, die zu interessanten und/oder überraschenden Ergebnissen führen könnten. Wenn man beispielsweise eine Idee, die für Erwachsene bestimmt ist, in eine für Kinder umwandelt, könnte dies zu einer einzigartigeren, grenzenloseren Geschichte führen, als wenn Kinder die ursprüngliche Zielgruppe gewesen wären. Denken Sie an die epische Troll-Trilogie, aus der ein Kinderlied oder meinethalben auch ein Kinderbuch werden könnte. Manchmal realisiert eine Idee ihr Potenzial erst, wenn sie mit neuen Einschränkungen, bedingt durch Zielgruppe, Genre und Format, konfrontiert wird.

Ebenso kann die Umwandlung einer Kindergeschichte in eine Erwachsenenarbeit Schlüsselideen und -emotionen anzapfen, aus denen wir nie wirklich herauswachsen. Denken Sie an die Entwicklung der »Harry Potter«-Bücher, die ursprünglich als Kinder- bzw. Jugendbücher begannen und mit der Zeit ihren Inhalt und auch ihr Erscheinungsbild änderten, wodurch die Autorin dem Umstand Rechnung trug, dass sich das Zielpublikum verändert hatte und nun beinahe mehr Erwachsene die Bücher lasen als Kinder oder Jugendliche. Und wer hätte gedacht, dass zum Beispiel Malbücher für Erwachsene so beliebt sein würden? Nun, jemand dachte, es sei einen Versuch wert. Er behielt recht. Und verdiente damit Geld.

 

Ändern des Geschlechts des Protagonisten/Antagonisten

Es gibt keine eindeutige Garantie dafür, dass ein Geschlechtswechsel die Entscheidungen, Gedanken, Gefühle und Handlungen Ihrer Figur(en) entscheidend verändern wird; aber er könnte den Kontext verändern und neue Perspektiven auf die Erfahrungen der Figur(en) eröffnen. Insofern sollte diese Möglichkeit zumindest in Betracht gezogen werden. Es eröffnet sicher andere Möglichkeiten und Implikationen, wenn der männliche Protagonist nun plötzlich mit einer weiblichen Antagonistin konfrontiert wird, anstatt – wie vielleicht in der ursprünglichen Idee – mit einem männlichen Widerpart. Implizit spielt nun wahrscheinlich auch das geschlechtliche Verhältnis der beiden als Mann und Frau eine Rolle und könnte die Grundkonstellation als gegeneinander gerichtete und arbeitende Kräfte unterminieren. Das muss nicht so sein, könnte aber in dieser Form umgesetzt werden und somit der Auseinandersetzung der beiden Figuren eine neue Dimension hinzufügen, wodurch die Handlung spannender und komplexer wird.

 

Ändern der Perspektive

Ähnlich wie beim Geschlechterwechsel sollten Perspektiv-Änderungen sorgfältig evaluiert werden, bevor Sie sie vollumfänglich umsetzen. Trotzdem ist auch dies ein Bereich, den man ausloten kann, wenn man versucht, Schreibideen zu recyceln. Man könnte sich sogar fragen, ob man wirklich dem interessantesten Charakter folgt – oder ob nicht vielleicht eine andere Figur besser zum Protagonisten der Geschichte, die dann notwendigerweise eine andere werden würde, taugte. Oder vielleicht sollte man lieber eine andere Figur die Geschichte erzählen lassen? Oder aber man sollte die Geschichte lieber in der Ich-Perspektive schreiben, anstatt in der klassischen Perspektive der dritten Person Singular. In Hinblick auf die Perspektive einer Geschichte gibt es theoretisch beinahe unzählige Möglichkeiten, die man ausprobieren könnte. Nicht alle machen Sinn, aber manche von ihnen könnten die Geschichte in einem ganz neuen, besonderen Glanz strahlen lassen.

Kombinieren Sie Ideen

Warum eine Idee recyceln, wenn man zwei recyceln kann? Oder drei? Wählen, zerkleinern, ändern und streuen Sie Stücke Ihrer alten oder ungenutzten Ideen in einen großen Topf, rühren Sie sie alle zusammen und sehen Sie, welche neuen Kombinationen Sie sich vorstellen können.

 

Ein Wort der Warnung

Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Recycling und Wiederholung. In dieser Hinsicht sollte man vorsichtig sein. Viele Autoren verwenden wieder und wieder die gleichen Themen oder bleiben immer im selben Genre. Das ist absolut in Ordnung, aber wenn dieselben Themen und Motive zu oft wiederholt werden oder zu unverändert bleiben, besteht die Gefahr, dass Ihre Werke vorhersehbar erscheinen und langweilig werden. Nicht selten liest man in Kundenrezensionen bei mehrteiligen Reihen, dass die ersten Bände toll waren, aber die Reihe mit der Zeit aus Sicht der Leser an Spannung verloren hat, weil die Autorin oder der Autor damit begann, sich selbst zu zitieren und zu wiederholen.

Diese Art von Problem ist immer auf die Umsetzung einer Idee bezogen, nicht auf die Idee als solche. Es mag nur noch wenige (oder gar keine) originelle Ideen mehr geben, weil bereits alle Ideen schon einmal da waren und im Grunde alle Geschichten sowieso nur den immer gleichen archetypischen Erzählstrukturen und Handlungsmustern folgen. Aber Ihre persönliche Einstellung zu diesen Ideen ist originell. Sie müssen nicht unbedingt eine vollkommen neue Idee erdenken – nur eine neue Art finden, eine alte Idee zu präsentieren.

Wenn Sie keine wesentlichen Änderungen vornehmen, wird das Problem nicht darin bestehen, dass Sie eine alte Idee recyceln, sondern dass Sie wiederholen, wie Sie sie beim letzten Mal recycelt haben. – Es gibt das Bild, dass manche Schriftsteller eher wie Komponisten sind und mit subtilen Variationen zu einem Thema experimentieren. Es mag etwas Wahres daran sein; aber wenn es funktioniert, funktioniert es vor allem bei einem Publikum, das gerne das Immer-Gleiche in Variationen liest. Aber auch das gibt es. Und wenn alle Seiten zufrieden sind, ist dagegen nichts zu sagen. Denn schließlich kann man sich als Schriftsteller literarisch auch immer wieder an demselben Thema abarbeiten – eben weil man gar nicht anders kann. Daraus können großartige Werke entstehen. Es stellt sich hier also allein die Frage, ob Sie ein solcher Schriftsteller sind bzw. sein wollen.

Abschließend

Die Entscheidung, Schreib-Ideen zu recyceln, ist eine gute Möglichkeit, brachliegendes Material in etwas Nützliches bzw. Funktionierendes zu verwandeln. Nicht nur das, sondern es kann Ihnen auch helfen, die Themen, Einstellungen und Charaktertypen zu entdecken und herauszuarbeiten, die Ihre Arbeit ausmachen. Wenn Sie recyceln, wird Ihnen auffallen, worauf Sie immer wieder zurückkommen – was Sie offensichtlich gerne behandeln und wie Sie es tun. Ein wenig Zeit in Ihrer Schreibvergangenheit zu verbringen, könnte helfen, Ihre Schreibzukunft zu gestalten; nicht zuletzt, weil es dort einige Werkzeuge gibt, die nur darauf warten, benutzt zu werden. Recyceln Sie Ihre Schreib-Ideen oft genug, und Sie werden die Grundlagen Ihrer Stimme und Ihres Stils entdecken. Wenn Sie auf alte Charaktere und Themen zurückblicken, können Sie viel darüber erfahren, wer Sie als Autorin bzw. Autor sind.

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