Romane schreiben: Von der ersten und der zweiten Fassung

Einen Roman zu schreiben, ist Arbeit. Manchmal kommt man während des Schreibprozesses an Stellen, an denen es nicht so recht weitergeht, an denen sich Handlungsstränge nicht recht verbinden oder auflösen lassen wollen. Zumindest mir geht es so, weil ich normalerweise nicht zu den Autoren gehöre, die schon einen fertigen Plotentwurf haben, bevor sie das Manuskript beginnen. In der Regel steht am Anfang meiner Geschichten eine bestimmte Situation oder eine Idee, manchmal auch nur eine Figur, die mich interessiert, welche ich dann einem Setting aussetze, um zu sehen, was sie dort macht.
Dieser Ansatz funktioniert bei mir oft ziemlich gut. Die Dinge entwickeln sich organisch und plausibel, nicht selten werde ich überrascht von dem, was passiert. Wenn es so vorangeht, macht das Schreiben wirklich Spaß, weil man als Autor selbst gespannt darauf ist, wie die Geschichte weitergeht. Die Ideen fliegen einem zu, und man glaubt, dass man da Geniales fabriziert. Diese Phase sollte man nutzen, um möglichst schnell voranzuschreiben. Wenn es sehr gut läuft, kann man diesen Zustand aufrechterhalten, bis der Text in der Rohfassung fertig ist. Das ist die Theorie; denn bisher ist es mir nie gelungen, diesen Zustand bis zum Schluss durchzuhalten. Mal liegt es daran, dass ich vielleicht aus lebensweltlichen Gründen eine Zeitlang davon abgehalten werde, an meinem Manuskript weiterzuarbeiten, so dass diese Phase dadurch ein erzwungenes Ende findet; mal komme ich eben an eine solche Stelle, wie ich sie eingangs beschrieben habe. Die vielen verschiedenen, eingeflochtenen Ideen verbinden sich nicht mehr automatisch zu einem harmonischen Ganzen, und der Schreibprozess gerät ins Stocken. Dann muss ich anfangen nachzudenken, und der unbeschwerte Spaß ist vorbei. Ich versuche daraufhin, die Geschichte kontrolliert fortzuschreiben, in der Hoffnung, vielleicht später wieder in eine neue Phase des ›automatischen‹ bzw. ›selbstfortschreitenden‹ Schreibens einzutreten. Und so bringe ich das Manuskript dann irgendwie zu Ende, in einer Mischung aus Elan und Zwang.

Nach Fertigstellung der Rohfassung (wie auch immer diese zustande gekommen sein mag), ist der Zeitpunkt gekommen, das Manuskript für einige Zeit wegzulegen. Etwa vier bis sechs Wochen würde ich empfehlen, aber das muss ein(e) jede(r) selbst wissen, wie lange man die Sache auf sich beruhen lassen sollte. Es kommt darauf an, das Manuskript lange genug liegen zu lassen, um einen gewissen Abstand zum Geschriebenen zu gewinnen.
Die wesentliche Geschichte und Grundstruktur sollten noch präsent sein, aber all jene Feinheiten und einzelnen Ideen, die während des Schreibprozesses möglicherweise die Handlung etwas überwucherten, Aufmerksamkeit forderten und davon ablenkten, sich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen, sollten verblasst sein.

Diese Pause nach Erstellen der Erstfassung gehört zum professionellen Schreiben unabdingbar dazu. Weil natürlich auch eine Überarbeitung der Erstfassung dazugehört. Und diese kann nur dann wirklich gelingen, wenn man als Autor oder Autorin genügend Abstand zum eigenen Text gewonnen hat. Eine Überarbeitung ist nötig, weil die Erstfassung niemals absolut gelungen ist. Ganz egal, wie genial man sich während des Schreibprozesses phasenweise vorkommt, vieles entpuppt sich in der Überarbeitungsphase als hanebüchener Mumpitz. Wenngleich es in der zweiten Fassung idealerweise darum gehen sollte, das Vorhandene zu verfeinern (und zu kürzen), müssen oft ganze Teile komplett abgeändert oder neu geschrieben werden, um manche Lücken, Widersprüchlichkeiten und Inkonsistenzen zu beseitigen. Und gerade weil man hier teilweise radikal ansetzen muss, ist ein anderer Zustand vonnöten, als derjenige des Schreibprozesses während der Erstfassung.
Wohl dem, der sein Manuskript bei dieser Revision nach angemessener Pause immer noch genial findet. Aber normal ist das nicht. In einem solchen Fall sind sicherlich berechtigte Zweifel angebracht; entweder dahingehend, ob die Dauer der Pause lang genug war, um ausreichend Abstand zum Geschriebenen zu erlangen, oder dahingehend, ob man nicht vielleicht ein kleines Persönlichkeitsproblem haben könnte. Bei mir jedenfalls ist die Arbeit an der Zweitfassung immer wieder auch ziemlich ernüchternd. Zwar kann ich mich dabei auch des Öfteren an gelungenen Passagen und Formulierungen erfreuen, aber wie gesagt: vieles ist einfach nicht so gut geworden, wie ich einmal dachte. Sehr häufig ist es auch der Fall, dass ich manche Abschnitte beim Wiederlesen zwar noch immer ganz gut finde, ich mir aber schweren Herzens eingestehen muss, dass der gesamte Abschnitt leider überhaupt keinen Mehrwert für die Geschichte bedeutet, sondern – im Gegenteil – von der eigentlichen Handlung ablenkt und verwirrend wirkt. Und um diese Passagen ausfindig und klar beurteilen zu können, braucht es eben einen gewissen Abstand zum Text. Und dann heißt es: Weg damit!

Wenn man einen Abstand von einigen Wochen zum eigenen Text hat, erlebt man die Geschichte eher als Leser. Handlungslöcher werden auffällig, und man bemerkt, dass Manches, was einem einwandfrei schien, erklärungsbedürftig ist. Natürlich bleibt man der Autor der Geschichte und braucht darum auch nach der zweiten, überarbeiteten Fassung noch immer Beta-Leser bzw. einen Lektor, weil man eben als Autor manche blinde Flecken beibehält. Aber es ist sicher in niemandes Interesse, wenn jemand die unbehandelte Erstfassung des Manuskripts zu lesen bekommt.

Was man auch nicht vergessen darf, ist, dass die Ideen und Vorstellungen in uns auch dann arbeiten, wenn wir nicht bewusst über sie nachdenken. Manche ehemals scheinbar unauflösbar verworrenen Handlungsstränge oder strukturellen Ideen klären sich plötzlich bei einem neuen Angang wie von selbst, wenn man einige Zeit ins Land ziehen lässt. Kreative Ideen und Lösungen haben mitunter eine gewisse Inkubationszeit. Wenn man sich diese Zeit nicht gibt, beraubt man sich vielleicht wunderbarer Möglichkeiten, die man bei der Überarbeitung in die Zweitfassung einbauen kann.

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