Christoph Nick: „Gott : Prophet“ und „Europa rettet das Abendland“

Zwei kleine Bücher eines unbekannten Autors, der an indieautor mit der Bitte um eine Rezension herantrat…

 Dialog im leeren Raum
„Gott : Prophet“

Klappentext:

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Christoph Nick: Gott : Prophet. Protokoll eines Gesprächs über die Zukunft der Menschheit. Selbstverlag: München 2012. 117 S.

Wurde Gott gerufen oder hat er sich unangemeldet eingeschlichen?
Jedenfalls ist er plötzlich da und konfrontiert einen resignierten Gottsucher mit seinem Vorhaben, ihn zum Propheten zu berufen.
Der ist keineswegs begeistert und wehrt sich mit Händen und Füßen, vor allem als er erfährt, dass er sich die Prophezeiungen selbst ausdenken soll.
Da ist guter Rat teuer!

Buchkritik:

Es gibt ein paar interessante Gedankengänge in diesem Buch. Aber diese Gedankengänge sind weder neu noch originell. Die Darlegung dieser Gedankengänge ist nicht schlecht geschrieben. Aber die Form eines fingierten Dialogs zwischen dem Allmächtigen und einem unfreiwilligen Propheten hätte es dafür m. E. nicht bedurft und ist überflüssiges Beiwerk. Ein Essay mit knapp einem Fünftel des Buchumfangs hätte dem Ganzen wahrscheinlich besser zu Gesicht gestanden. Die vermutlich auf ´trockene´ oder lakonische Komik angelegte Situation hat bei mir überhaupt nicht funktioniert.

Woran liegt das?

Alle Möglichkeiten, die an sich nicht völlig uninteressante Ausgangsidee literarisch umzusetzen, werden schlichtweg nicht genutzt. Das fängt damit an, dass es keinerlei Szenerie und auch keine Dramaturgie gibt. Gott ist plötzlich da. Da? Wo denn? – Da, wo der Prophet ist. – Und wo ist der Prophet? – Man weiß es nicht. Jedenfalls befinden sich die beiden umgehend in einem Dialog; im übrigen, ohne dass der zum Propheten Auserkorene besonders erstaunt über das Erscheinen Gottes wirkt – was als Reaktion für einen „resignierten Gottsucher“, wie es im Klappentext heißt, etwas verwunderlich ist.
Darüber hinaus: Gott und Prophet unterscheiden sich in ihrem Sprachduktus kaum, und wenn nicht geschrieben stünde, welcher von beiden spricht, könnte man sicherlich leicht durcheinander geraten. Ich verstehe, dass der Text seinen Witz teilweise daraus ziehen soll, dass Gott hier mitunter flapsig und umgangssprachlich formuliert und auch gewissermaßen seine „menschliche“ Seite hat. Ich persönlich finde das eher uninteressant – zumal diese Idee auch nicht unbedingt neu ist. Wenn man Gott sprechen lässt, so würde ich mir etwas mehr wünschen. Wirklich verstörende, weil unverständliche und völlig wahnwitzig anmutende Antworten oder eine mystische Sprache, wie sie z. B. von dem Dadaisten Ball oder auch dem Futuristen Chlebnikov (um nur zwei zu nennen) postuliert und versucht worden ist – jedenfalls irgendetwas, das den Leser wirklich herausfordert… Ein Gott, dessen einziges Indiz auf Göttlichkeit darin besteht, dass von ihm behauptet wird, er wüsste alles, und dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für ihn eins seien, ist etwas flach.

Und worum geht es?

Um eine Reifung der Menschheit und eine Adaptation der zehn Gebote an die heutige Zeit.

Die Botschaft des Büchleins ist eine gute, richtige und durchaus sympathische. Die Idee zur Umsetzung hätte ebenfalls ein gewisses Potential. Aber gute Literatur unter einem künstlerischen Gesichtspunkt ist daraus leider nicht geworden. Entweder hätte das Ganze sehr viel mehr elaboriert werden müssen, mit einem atmosphärischen Setting und einer gewissen Dramaturgie ausgestattet, oder aber es hätte auf die Form des fingierten Dialogs mit Gott verzichtet und die wesentliche Botschaft (die übrigens bereits im Vorwort enthalten ist) in einem kurzen Essay dargeboten werden sollen.

Unausgefüllte Schablonen
„Europa rettet das Abendland“

Klappentext:

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Christoph Nick: Europa rettet das Abendland. Eine unglaubliche Geschichte. Selbstverlag: München 2014. 72 S.

So wie in dieser unglaublichen Geschichte ist noch nie über europäische Politik geschrieben worden!
Europa, die Tochter des Königs von Tyros, geht mit Zeus nach Griechenland, weil er ihr verspricht, sie zur Königin eines neuen Reiches zu machen. Als Zeus sein Versprechen nicht hält, arbeitet sie hart, bis der Kontinent Europa ihren Namen bekommt. Danach fällt sie in einen tiefen Schlaf.
Sie erwacht im 19. Jahrhundert und erlebt Europas Katastrophen im 20. Als die Europaskepsis im 21. Jahrhundert rasant zunimmt und ihrem Reich Gefahr droht, versucht sie den Europäern zu helfen. Sie bittet Zeus, der als Bettler durch Athen streift, um Hilfe.
Wird es Europa gelingen, das Abendland gemeinsam mit den zwölf olympischen Göttern zu retten?

Buchkritik:

Dieses noch schmalere Büchlein hat mir etwas besser gefallen als das oben besprochene, weil es mir stilistisch besser gelungen scheint. Allerdings krankt es dem Prinzip nach an dem gleichen Mangel an Elaboriertheit.
Die allegorische Figur Europa kann die antiken olympischen Götter dafür gewinnen, ihr bei der Umwandlung des Kontinents Europa helfen zu wollen. Jedem der Götter und jeder der Göttinnen wird ein Ressort zugeteilt, um eine Bestandsaufnahme der herrschenden Missstände zu machen. Auf einer Götterversammlung liefern die einzelnen Gottheiten ihre Berichte in Form längerer Monologe ab. Die Zustandsbeschreibungen, die gegeben werden, sind sicherlich weitestgehend zutreffend. Und auch der im Buch kurz aufscheinende Denkansatz, dass Europa möglicherweise einen neuen gemeinsamen Mythos und neue gemeinsame Symbole bräuchte bzw. sich auf alte gemeinsame Mythen und Symbole besinnen sollte, um sich als eine Gemeinschaft zu fühlen und auch entsprechend zu handeln, ist eine richtige Feststellung. Allein, die literarische Seite weiß mich nicht recht zu überzeugen. Zwar ist der Text stilistisch durchaus ordentlich geschrieben – der Autor verfügt über schriftstellerisches Talent; das möchte ich ihm gar nicht absprechen. Doch die Figurenzeichnung hätte ich mir etwas plastischer gewünscht. Natürlich handelt es sich bei den Figuren der Götter um Allegorien, aber auch solche kann man ausarbeiten. Hier bleibt es überwiegend bei der bloßen Namensnennung der Gottheit und Erwähnung ihrer entsprechenden Funktion. Über das Erscheinungsbild oder gar eventuelle Charaktereigenschaften erfährt man so gut wie nichts. Wenn auch die griechische Mythologie zur Allgemeinbildung gehört und ein gewisses Vorwissen über die olympischen Götter vorausgesetzt werden darf, so braucht es dennoch eines bestimmten Grades an ausführlicher Beschreibung oder zumindest Andeutungen von bzw. Hinweise auf Charaktereigenschaften, um Figuren in einem Text lebendig werden zu lassen. Und die von den Olympiern gelieferten Berichte über den Zustand Europas weisen auch nicht genügend Unterschiede im Sprachduktus auf, um den Figuren verschiedene Eigenschaften zuschreiben zu können. Alles Gesagte hätte auch von ein und derselben Figur gesagt worden sein können. Oder aber – in etwas abgewandelter Form – in einem Essay.

Fazit zu beiden Büchern:

Es sind keine schlechten Bücher. Man kann sie lesen. Der eine oder die andere wird mit Sicherheit auch den einen oder anderen interessanten Gedanken für sich darin finden können. Und die darin getroffenen Feststellungen sind keine verkehrten. Der Autor kann schreiben. Allerdings kann ich persönlich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass hier die Form verfehlt wurde bzw. nicht genügend ausgearbeitet. In der vorliegenden Fassung haben die Texte für meinen Geschmack einen Entwurfscharakter, der weiterer literarischer Substanz und Ausarbeitung bedürfte, um wirklich als Geschichten zu funktionieren. Falls sie das gar nicht sein wollen, leuchtet mir die Form nicht ein. Beide Büchlein hätten in weiter ausgearbeiteter Fassung vermutlich das Potential, gelungene Bücher zu sein. Oder aber – auf das Wesentliche reduziert – respektable Essays. In der vorliegenden Form sind sie leider weder ganz das eine noch ganz das andere.

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3 Comments

    1. Hallo Terence,

      vielen Dank, das ist sehr nett von Dir! Dir auch einen guten Rutsch ins Neue! Auf das sich alles in die von Dir gewünschte Richtung entwickelt!

      Gruß, Anton

      P.S. an alle, die es lesen: Krachen lassen werde ich es allerdings auf gar keinen Fall – erstens weil ich Böller eigentlich schon immer bescheuert fand, zweitens weil wir zwei Hunde haben und sowieso vermutlich alle Tiere durch die Knallerei verängstigt werden, drittens weil man privates Feuerwerk meiner Meinung nach im Allgemeinen verbieten sollte, insbesondere im Speziellen aus aktuellem Anlass wegen der vielen kriegstraumatisierten Flüchtlinge in unserem Land. – Irgendwo (in Brandenburg, glaube ich) haben vor kurzem ein paar Vollidioten mit Böllern Biber getötet…
      Ich weiß, währscheinlich war mit „krachen lassen“ einfach nur ´Party machen´ gemeint, aber ich wollte die Gelegenheit einfach nutzen, ein Statement zu platzieren.

      Gefällt mir

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