Das Selfpublishing – eine buchwissenschaftliche Betrachtung

Ein Gastbeitrag von Nina Rubach, Master Buchwissenschaft an der JGU Mainz, spubbles.de – Blog rund ums Thema Selfpublishing

Selfpublishing – ein Begriff, der in den letzten Jahren zunehmend in der Buchbranche zu vernehmen war. Eine neue Form des unabhängigen Publizierens. Ein neues Phänomen auf dem Buchmarkt. Gar ein Umbruch, ein Aufbrechen der klassischen Strukturen des Verlagswesens und des Buchhandels. In verschiedenste Teile der Buchbranche ist das Selfpublishing eingekehrt, hat seinen Stand gefestigt und, ja, man könnte fast sagen, es ist auf dem besten Wege, sich zu einem ganz eigenen Zweig der Buch- und Literaturwelt zu entwickeln. Doch wie steht es um die Akzeptanz in Wissenschaft und Forschung? Dieser Beitrag betrachtet das Selfpublishing aus einer buchwissenschaftlichen Perspektive.

Veränderungen begreifen

Traditionelle Akteure (z. B. der stationäre Buchhandel) werden durch Selfpublishing in Frage gestellt, neue Unternehmen kommen hinzu (z. B. Dienstleister und Selfpublishing-Plattformen) und der bestehende Literaturbetrieb und seine Instanzen erfahren aufgrund der digitalen Weiterentwicklung eine Veränderung. Aufgabe der Buchwissenschaft ist es, solche Veränderungen und deren Ursachen zu erforschen. Das buchwissenschaftliche Studium befasst sich zum einen umfangreich mit historischen Forschungsfeldern rund um das gedruckte Buch, zum anderen werden auch aktuelle Buchmarktentwicklungen und Publikations- sowie Produktionsprozesse betrachtet und analysiert.

Selfpublishing auf dem deutschen Buchmarkt

Es lässt sich schon länger auf dem Buchmarkt beobachten, dass verlagsunabhängiges Publizieren keine Nische mehr ist. Neueste Studien, wie beispielsweise die europäische Selfpublishing-Studie des Dienstleisters Books on Demand (BoD), machen deutlich: Autoren entscheiden sich bewusst für diesen Weg. Wenden sich von Verlagen ab und suchen gezielt nach Dienstleistern oder Plattformen, die es ihnen ermöglichen, ihr Werk zu veröffentlichen, ohne Einbußen ihrer Kontrolle über Inhalte und Rechte. Mit 90 % sind das die Hauptgründe der Autoren für das Veröffentlichen im Selfpublishing. Zusätzlich steigen die Qualitätsansprüche der Selfpublisher und sie professionalisieren sich zusehends. Von daher spielen Dienstleistungen wie Korrektorat, Lektorat oder Coverdesign auch außerhalb eines Verlages eine wichtige Rolle – Selfpublisher suchen sich freie Lektoren etc. und können auf diese Weise sowohl den Qualitätsansprüchen der Leser als auch ihrem Streben nach Unabhängigkeit genügen. Auch nutzen 73 % der deutschen Selfpublisher sowohl die gedruckte Buchform als auch die digitale e-Book-Version. Somit durchdringen Selfpublisher mehr und mehr den deutschen Buchmarkt. BoD zufolge steigt auch die Akzeptanz im Buchhandel, und eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Unabhängigen und dem stationären Sortiment rückt näher und näher.

Selfpublisher im Rampenlicht

Das alles sind Anzeichen für das Heraustreten des Selfpublishing aus der Nische, für das Überwinden der Vorurteile gegenüber den Selbstverlegten. Bei Autoren und Lesern scheint dieses Umdenken schon stattzufinden. Selfpublisher bekommen eine Stimme, werden gehört und ernst genommen – beispielsweise durch die Website des selbsternannten „Selfpublishing-Papst“ Matthias Matting (www.selfpublisherbibel.de) oder auch durch den relativ jungen Selfpublisher-Verband, der Anliegen von Selfpublishern vertritt. Und auch die Verlage mischen mit – z. B. durch Plattformen wie Oetinger34 oder neobooks, die zum großen Teil auch als Akquise-Plattform genutzt werden –, wollen ein Stück vom Kuchen und stehen plötzlich unter Zugzwang, handeln zu müssen, wollen sie ihre Stellung am Buchmarkt wahren. Das ist auch gut so, denn sonst bleiben sie auf der Strecke, können sie doch den alleinigen Anspruch auf Qualität und optimale Vertriebssysteme nicht mehr aufrechterhalten.

Selfpublishing in der Wissenschaft

Die Marktbetrachtung vermittelt ein recht eindeutiges Bild: Das Selfpublishing ist im deutschen Buchmarkt angekommen. Vielleicht noch nicht vollkommen, aber die Aufmerksamkeit steigt von Jahr zu Jahr, ebenso die Akzeptanz. In der Wissenschaft muss das Selfpublishing allerdings noch deutlich um Aufmerksamkeit buhlen. Die Buchwissenschaft, die die Auseinandersetzung mit den Autoren gerne den Literaturwissenschaftlern überlässt und ihren Fokus lieber auf den Verleger bzw. den Verlag als Unternehmen richtet, hat diesem Thema bisher noch wenig Beachtung geschenkt. Das 2014 erschienene Werk „Einführung in die Buchwissenschaft“ (Stephan Füssel u. Corinna Norrick-Rühl. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2014) widmet dem Thema Selfpublishing gerade mal eine halbe Seite Text, die überwiegend aus einer Aufzählung amerikanischer „Bestseller-Autoren und Kindle-Millionäre“ besteht und eher beiläufig darauf verweist, dass der Verlag Droemer Knaur „mit einem Angebot wie neobooks […] erfolgversprechende Self-Publisher und Nachwuchsautoren früh identifizieren und ans eigene Haus binden“ wolle. Vielmehr haben es sich vor allem die involvierten Akteure selbst bisher zur Aufgabe gemacht, den Markt zu untersuchen: Es sei hier beispielhaft verwiesen auf die Selfpublishing-Studien von Matthias Matting oder die bereits erwähnte Studie zum Selfpublishing in Europa von BoD.

Schlussbetrachtung

Der wissenschaftliche Diskurs hat schon begonnen, läuft allerdings schleppend. Das Phänomen wird zwar wahrgenommen, bisher widmete sich die Buchwissenschaft jedoch nur kleinteilig der akribischen Analyse. In der Lehre wird es zumindest schon thematisiert und analysiert, oftmals begonnen bei frühen Selbstverlagen im Rahmen der Betrachtung von verschiedenen Verlagstypen. Die Auffassung ist somit klassisch: Ein Autor verlegt sein Werk selbst. Die kritische Auseinandersetzung mit Selfpublishing, Selfpublishing-Dienstleistern und -Plattformen und vor allem die Analyse der Auswirkungen auf den aktuellen Literaturbetrieb finden nur wenig statt.

So sehr das Selfpublishing auch in die Buchbranche eingedrungen ist, so erfolgreich es sich auch in die bereits bestehenden Instanzen gemischt hat, so sehr muss sein Ansehen vor allem in der buchwissenschaftlichen Forschung noch wachsen und gedeihen. Vielleicht kann es dann auch in der Lehre besser etabliert werden und dazu beitragen, den Buchmarkt im digitalen Zeitalter besser zu verstehen und in all seinen Facetten zu durchdringen.


Mehr interessante Artikel aus buchwissenschaftlicher Perspektive zum Thema Selfpublishing findet man unter: https://spubbles.wordpress.com

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3 Gedanken zu „Das Selfpublishing – eine buchwissenschaftliche Betrachtung

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