Das Unheimliche, oder: Wie Sie Ihre Leserinnen und Leser in den Bann ziehen

Die Weihnachtszeit steht vor der Tür, und dabei muss ich immer an die Weihnachtserzählungen von Charles Dickens denken, in denen nicht selten Geister und unheimliche Begebenheiten eine entscheidende Rolle spielen – allen voran sicher die Geschichte vom geizigen und hartherzigen Ebenezer Scrooge, der am Weihnachtsabend von gleich vier Geistern in Folge heimgesucht wird. – Das war mir Grund genug, um einen Beitrag über das Unheimliche als effektives Mittel zur Fesselung der Leserinnen und Leser zu schreiben.

Eine großartige Geschichte ist, kurz gesagt, etwas, das einem passiert. Es lässt einen die Dinge nicht allgemein oder im Rückblick spüren, sondern als unmittelbar und persönlich relevant. Diesen Effekt auf den Leser zu erzeugen, ist schwierig. Es gibt kein einfaches Rezept dafür, aber es gibt bestimmte emotionale Reaktionen, die leichter auszulösen sind als andere. Und hier kommt das Unheimliche ins Spiel.

 

Was ist das Unheimliche?

Selbstverständlich haben wir es hier mit Konzepten zu tun, die jahrelange Studien erfordern würden, wenn man wirklich das Wesen des Unheimlichen verstehen wollte. Glücklicherweise sind wir lediglich auf der Suche nach effektiven Schreibmitteln, nicht nach transzendentem Verständnis.

Aus der Welt der Psychologie stammend, wird das Unheimliche am häufigsten mit Sigmund Freud in Verbindung gebracht, der versuchte, die Erfahrung zu erklären und zu kodifizieren. In der heutigen Zeit wird das Unheimliche als die Erfahrung verstanden, bei der es zu einer seltsamen und verstörenden Abweichung vom Vertrauten kommt, wobei das Vertraute aber nicht gänzlich aufgelöst wird, sondern sich durch eine Abänderung mit dem Unvertrauten mischt.

Freud konzentriert sich auf die Idee, das „Heimelige“ umzukehren – das Unheimliche ist nicht nur seltsam, es ist auch vertraut, es fehlt nur das Alltägliche und mit geringstem Aufwand Verständliche. Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit Ihrem Lebenspartner oder Ihrer Lebenspartnerin, und aus dem Mund Ihres Gegenübers kommt die Stimme eines anderen. Das ist unheimlich.

 

Das Unheimliche ist jene Klasse des Erschreckenden, die auf das Bekannte des Alten und Langbekannten zurückführt.

Sigmund Freud, Das Unheimliche

 

Die Beherrschung des Unheimlichen ermöglicht es Ihnen daher, beim Leser Unbehagen hervorzurufen, das von einer leichten Sorge bis hin zur ausgewachsenen Angst reicht. Es ist ideal für Horrorautoren, aber es ist auch nützlich, wenn man in anderen Genres arbeitet, besonders in denen, die sich mit Lebens- oder Todeskämpfen befassen. In einem Krimi kann das Unheimliche den Verdacht des Lesers auch ohne konkrete Beweise leiten, während es in einer Fantasy- oder Science-Fiction-Geschichte ein Gefühl für das wirklich Fremde vermitteln kann.

Das Unheimliche nutzt die Vertrautheit, um unter die Haut Ihres Lesers zu kriechen.

 

Das Unheimliche nutzen

Das Unheimliche macht den Leser verrückt, weil es nicht ganz richtig ist – es bezieht sich auf unser Verständnis von Welt und Mustern um uns herum und führt dieses zugleich ad absurdum.

Das macht das Unheimliche vielseitiger, aber auch schwieriger einsetzbar als andere Arten von Leserirritationen. Mit dem Unheimlichen bringen Sie die Leserinnen und Leser dazu, die Muster um sie herum zu hinterfragen.

In der Praxis verlangt die Nutzung des Unheimlichen zwei Schritte:

  1. Identifizieren und projizieren Sie das „Häusliche“ und Vertraute.
  2. Untergraben Sie das Vertraute auf eine Weise, die es noch immer erkennbar sein lässt.

 

Leseransprache

Ein großer Vorteil bei der Schaffung des Unheimlichen ist, dass der Leser im Allgemeinen bereits die sichere Gemütlichkeit spürt, die umgekehrt werden muss. Der Akt des Lesens ist angenehm, der Leser hat ein Buch in die Hand genommen, womöglich die Füße hochgelegt und liest entspannt die Geschichte – er fühlt sich sicher. Aus diesem Buch herauszugreifen und den Leser in dieser Behaglichkeit zu stören, ist bereits ein unheimlicher Akt.

Jemandem beispielsweise zu sagen, dass er sich seiner Atemzüge bewusst sein oder sich darauf konzentrieren soll, ob er nicht vielleicht etwas hinter sich wahrnimmt, ist ein psychologischer Trick. Sagen Sie Ihrem Leser, dass jemand hinter ihm steht, oder dass es einen Dämon gibt, der beabsichtigt, auf ihn zu springen, wenn er das nächste Mal in der Dusche ist, und Sie klopfen bereits an die Türen von Räumen, in denen die Instinkte der Leserinnen und Leser einen Vorteil gegenüber ihrem Intellekt haben.

Das Unheimliche ist zum Teil der unbequeme Prozess, sich selbst zu versichern, dass man sicher ist, auch wenn das Gefühl im Nacken sagt, dass man es nicht ist. Eine konkrete Leseransprache aus der Geschichte heraus kann diesen Effekt noch steigern.

Unsicherheit und das Unheimliche

Um das Gefühl eines Lesers für das Unheimliche zu fördern, sollte es nicht darum gehen, ihn zu erschrecken oder ihn davon zu überzeugen, dass etwas nicht stimmt, sondern ihn ständig zu ermutigen, es zu überprüfen. Wenn der Leser überprüfen muss, ob er sicher ist, befindet er sich bereits in einem Zustand der Unsicherheit.

Die letztendliche Enthüllung der Konsequenzen, die auf den Charakter zukommen, stoppt mehr oder weniger das Gefühl des Unheimlichen. Entweder ist das unheimlich scheinende Haus sicher oder es ist nicht sicher, entweder wurde ihr Partner durch einen Außerirdischen ersetzt oder nicht. Damit das Unheimliche effektiv wirkt, sollte der Leser das Gefühl haben, dass Normalität theoretisch wiederhergestellt werden kann – dass sie in Reichweite ist.

 

 

Das Unheimliche praktisch einsetzen

Identifizieren Sie einen Ort, an dem sich Ihr Protagonist und Ihr Leser normalerweise sicher fühlen würden. Dazu kann natürlich das traute Zuhause dienen, aber auch umgeben von Menschen und dadurch „geschützt“ zu sein, erfüllt diesen Aspekt der vermeintlichen Sicherheit sehr gut. Dadurch wird jeder Hinweis auf eine möglicherweise inhärente Gefahr noch beunruhigender.

Dieses Prinzip gilt auch für die Quelle der Gefahr. Das ist auch der Grund dafür, warum beispielsweise Kindergeister besonders gruselig wirken können. Wenn man etwas, das per se nicht bedrohlich ist, erfolgreich in eine Bedrohung verwandeln kann, erhält es zusätzlich einen gewissen Grad an Unheimlichkeit. Es ist z. B. für die Romane von Stephen King kennzeichnend, dass er oft harmlose Alltagsgegenstände wählt, um diese mit seltsamen Eigenschaften auszustatten, wodurch das Unheimliche in der Geschichte seinen Lauf nimmt.

Nachdem es erste Hinweise auf merkwürdige Begebenheiten gegeben hat, besteht der nächste Schritt darin, dem Protagonisten Ihrer Geschichte und den Lesern die Möglichkeit zu geben, sich selbst wieder zu beruhigen. Bieten Sie vernünftige Erklärungen für beunruhigende Ereignisse an und nutzen Sie die Tatsache, dass Ihre Leserinnen und Leser (sowie auch der Protagonist) gerne bereit sein werden, das kleinste Zeichen als Anlass zu nehmen, davon auszugehen, dass die Dinge gut laufen werden. Und wenn es dann dazu kommt, die Leserinnen und Leser von ihrer beruhigenden Erklärung zu befreien, ist es sinnvoll, ihnen wirklich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Diner-Szene aus David Lynchs „Mulholland Drive“. In dieser Szene hat ein Mann seinen Freund zu einem Diner eingeladen. Er hat schreckliche Träume davon gehabt, einer Erscheinung in einer nahegelegenen Gasse zu begegnen. Zwar hat er daraufhin beschlossen, sich seiner Angst zu stellen, indem er diese Gasse aufsucht, wagt aber nicht, allein zu gehen. Der Freund folgt ihm also, während er sich immer weiter dem schicksalhaften Ort nähert, die Kamera um die Ecke biegt, der Ton echohaft und unnatürlich wird und… die Erscheinung tatsächlich erscheint!

Die Situation ist genauso schlimm, wie der Mann befürchtet hatte, und sie überrascht den Zuschauer deshalb völlig. Denn – trotz einer gewissen Spannung – ging dieser davon aus, dass im „Schutz“ des Freundes sich die Erscheinung nicht zeigen würde.

Eine weitere effektive Technik ist es, Ebenen in die Quelle des Unheimlichen zu bauen. Kosmischer Schrecken ist effektiv, weil er auf dem Konzept basiert, dass die Natur der Realität nicht das ist, wofür wir sie halten, und dieser Glaube lässt viel Raum für verschiedene Ebenen des Unheimlichen. Auf der ersten Ebene fragt sich der Leser, ob es wirklich ein Monster im Haus gibt. Es stellt sich heraus, dass es tatsächlich so ist. Jetzt fragt sich der Leser, ob das ein Einzelfall ist. Es stellt sich heraus, dass es nicht so ist; es gibt Monster an vielen verborgenen Orten. Jetzt fragt sich der Leser, ob die Dinge gut laufen werden. Es stellt sich heraus, dass sie es nicht werden; die Welt ist nicht das, wofür er sie hielt.

Sie müssen nicht so weit gehen, überall Monster zu verteilen. Aber es ist nützlich zu wissen, dass die Leserinnen und Leser immer dazu tendieren werden, nicht wahrhaben zu wollen, wie schlimm die Dinge sein könnten. Sie wollen instinktiv, dass die Dinge in Ordnung sind, so dass es wirklich effektiv sein kann, ihnen zu helfen, diese Hoffnung am Leben zu erhalten. Und das tun Sie am effektivsten, wenn Ihr Protagonist und dessen Erfahrung und Erwartungshaltung die der Leserinnen und Leser widerspiegelt.

Abschließend

Vom psychologischen Standpunkt aus habe ich hier nur an der Oberfläche des Unheimlichen gekratzt (was uns zumindest erspart hat, die Unterschiede zwischen dem „Heimlichen“ und dem „Unheimlichen“ zu diskutieren).

Das Unheimliche zu nutzen, ist in jedem Fall eine großartige Möglichkeit, eine emotionale Verbindung zwischen dem Leser und Ihrer Geschichte herzustellen, die ebenso kraftvoll wie direkt ist. Je mehr Sie daran arbeiten, es zu nutzen, desto subtiler und effektiver können Sie dies tun.

 

2 Gedanken zu „Das Unheimliche, oder: Wie Sie Ihre Leserinnen und Leser in den Bann ziehen

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