To whom it may concern #1

Meine vor kurzem erst stattgefundenen Besuche auf anderen Blogs haben mich dazu gebracht, eine neue und unregelmäßige Rubrik unter den Beiträgen von indieautor einzurichten. In dieser Reihe möchte ich mir in unregelmäßigen Abständen und aus gegebenem Anlass assoziative Gedankengänge und womöglich etwas abseitige Betrachtungen erlauben, deren Sinn und Zweck sich vielleicht nicht jedem direkt erschließen werden. Sie finden etwas außerhalb der Reihe des sonstigen Angebots von indieautor statt. Daher sind sie gerichtet an diejenigen, die es angehen könnte: to whom it may concern.

Durch den Besuch von brasch & buch wurde ich an den Namensvetter des Bloginhabers und leider viel zu früh verstorbenen Schriftsteller Thomas Brasch (er lebte von 1945-2001) erinnert bzw. daran, einmal einen Erzählband von ihm gelesen zu haben: „Vor den Vätern sterben die Söhne“. Daraus hatte mir insbesondere die Erzählung „Der Zweikampf“ gut gefallen. Es wird davon berichtet, wie der Satyr Marsyas den Gott Apoll zum musikalischen Wettstreit herausfordert, sich dann aber dem direkten Vergleich radikal verweigert. Brasch greift hier einen antiken Mythos auf und adaptiert das Thema. Im ursprünglichen Gang der Überlieferung jedoch kommt es zum Wettkampf. Es ist der Wettstreit zwischen der abseitigen Kunst des Waldwesens Marsyas und der maßgeblichen Kunst des Gottes Apoll – das Deviante tritt an gegen das Konservative. Und was glauben die Follower meines Blogs, wer da wohl als Gewinner vom Platz geht? Doch dazu unten mehr.

Das explizit genannte Vorhaben des Blogs dandelion, eine alternative Literaturliste zum herkömmlichen Kanon zu erstellen, hat mir Gedanken zur Diskursordnung und Kanonbildung ins Gedächtnis zurückgerufen, mit denen ich mich vor etwa zehn Jahren schon einmal beschäftigt hatte. Und diese lassen sich an der Erzählung vom Wettstreit Marsyas gegen Apoll trefflich veranschaulichen, insbesondere in der Adaption von Thomas Brasch.

Was folgt, ist keine Buchrezension im herkömmlichen Sinne, sondern eine sehr freie Interpretation, eine Instrumentalisierung und Exemplifizierung, ohne mich auch nur einen Deut darum zu kümmern, ob es das ist, was der Schriftsteller Brasch selbst mit dieser Erzählung hat ausdrücken wollen. Doch ganz auszuschließen ist es wiederum nicht. Vielleicht aber ist bei diesen weiterführenden und womöglich ausufernden Gedankengängen auch bloß der Feyerabend-Kulturwissenschaftler mit mir durchgegangen.


Der Mythos von „Apollo und Marsyas“

Die Göttin Athene erfand den Aulos, ein Rohrblattinstrument, die Doppelflöte. An ihrem Spiegelbild im Wasser bemerkte sie aber, dass das Spielen des Aulos ihre Gesichtszüge entstellte, weswegen sie die Flöte fortwarf. Marsyas, der Silen, fand sie. Und ihm gefiel das Spiel, so dass er ein geübter Virtuose auf dem Instrument wurde. Schließlich, von seinen Spielkünsten überzeugt, forderte er Apoll zu einem musikalischen Wettstreit heraus. Dieser trat mit der Kithara bzw. Lyra an, einem Saiteninstrument. Die Jury wurde durch die Musen gestellt, in mancher Version auch von Midas. Der Hergang des Wettkampfs wird in den verschiedenen Versionen unterschiedlich dargestellt; jedoch ist beinahe allen gemeinsam, dass Apoll nur durch eine List bzw. eine willkürliche Erweiterung der Regeln überlegen scheint. Der Ausgang ist jedoch immer: Apoll gewinnt. Und auch die Konsequenz des Wettkampfs ist überall die gleiche: Marsyas wird zur Strafe für seinen Übermut, den Gott herausgefordert zu haben, bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.


Schreiben mit dem Strick um den Hals

Thomas Brasch: Vor den Vätern sterben die Söhne. Erzählungen (Amazon Bestseller-Rang: 499.218 in Bücher, AD 20.08.2015)

Vor den Vätern sterben die Söhne_CoverBevor es aber ans Eingemachte geht, vorab ein paar Informationen zu Thomas Brasch und seinem Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“. Brasch ist jemand, der zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Er verdient mehr Aufmerksamkeit, auch posthum.

Thomas Brasch debütierte ein Jahr nach seiner Ausreise aus der DDR im Jahre 1977 im Westen mit eben jenem Band “Vor den Vätern sterben die Söhne“, dessen Prosatexte er noch als Bürger der DDR geschrieben hatte. Es sind Texte von einer – wenn man so will – proletarisch geprägten Sprache, die nicht einzuordnen waren in den Kanon staatskonformer Literatur, weshalb es erst im Westen zu einer Veröffentlichung kommen konnte. Nette Zusatzinformationen: Brasch war der Sohn des ehemaligen stellvertretenden DDR-Kulturministers Horst Brasch und verließ die DDR mit seiner damaligen Freundin, der als Schauspielerin bekannt gewordenen Katharina Thalbach.

Die Marsyas-Erzählung des über dreißigjährigen Brasch (er lebte von 1945-2001) kann evtl. als Übersetzungsversuch autobiographischer Besonderheiten betrachtet werden, der das Dilemma zwischen Ausdruckswillen und Beschreibungsohnmacht als ein derart existentielles artikuliert, dass es Bilder der Schindung zur ästhetischen Entsprechung bedarf. Es gibt jene Schriftsteller, die nicht schreiben aus der Freude am Schreiben, sondern weil sich, wenn sie nicht schreiben, der Strick um ihren Hals immer enger zieht.

Der Zweikampf

An zweiter Stelle im genannten Buch findet sich jenes mythologische Versatzstück „Der Zweikampf“, das in Form der Auseinandersetzung zwischen Gott und Silen auch von Rebellion gegen die bestehende Ordnung handelt.

Der Beginn grundiert bereits die Stimmung des Ganzen:

Als sie sahen, wie Marsyas den Berg heraufkam, wußten sie, daß der Sieger des Kampfes Apoll heißen würde. Marsyas‘ Gang war der Gang eines Mannes, der verliert, bevor er begonnen hat.

Der von Apoll im Bündnis mit den Musen ausgerichtete Wettbewerb wird also schnell als Farce entlarvt, indem gezeigt wird, dass der Gott als Lyraspieler den kunstpolitisch geltenden und daher auch machtgeschützten Kanon repräsentiert (“Apollo, als der Gott aller bildnerischen Kräfte, ist zugleich der wahrsagende Gott.“ Nietzsche, GdT, I 23). Er lässt nur Kunstpraktiken gelten, die der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung dienen.

Apoll setzte ein Bein vor, warf den Kopf in den Nacken und begann mit hoher Stimme zu singen:
Ich will von Atreus Söhnen / und will von Kadmos singen / singen nur von Liebe / drum wechsle ich die Saiten / will Herakles besingen / sein Leben und sein Streiten. / Doch auch die neuen Saiten / nur von der Liebe klingen. / Auf Wiedersehen, ihr Helden, / bis mir die Saiten springen.
Marsyas begann zu lachen. Er hielt sich den Bauch, er warf sich auf die Erde. Sein Körper bog sich. Doch auch die neuen Saiten nur von der Liebe singen, stöhnte er unter Lachen.

Mehr als einen Lachanfall und anschließende Verachtung kann die ewig-gleiche Leier Apolls bei Marsyas nicht bewirken. Dem machtgeschützten Kanon aber kann sich Marsyas lediglich verweigern. Er verzichtet darauf, eine Kostprobe seines Könnens zu geben. Auf die darauffolgende Feststellung der Musen, dass Marsyas die Kunst des Flötenspielens offensichtlich nicht beherrsche, und auf Apolls Forderung, ihnen das Gegenteil zu beweisen, erfolgt lediglich die lapidare Erwiderung: “Ich habe keine Lust.“

Was willst du machen, fragte Apoll.
Nichts, sagte Marsyas.
Er zog seine Flöte aus dem Gürtel, warf sie Apoll vor die Füße, drehte sich um und ging […]
Erst jetzt sahen sie die Tränen in den Augen Apolls […]
Holt ihn zurück, schrie er […]
Der Hirte ging zu ihm und trat ihm mit aller Kraft in die Rippen.
Jetzt heulst du, schrie er. Du dachtest, ich hätte dich nicht durchschaut. Du dachtest, Marsyas ist dümmer als ein Stück Vieh.

Der wahre Grund für die Herausforderung durch den Silen ist nicht die Einhaltung des verordneten Spiels gewesen. Das herausgeforderte Urteil entwertet dieses zugleich, da der alten Ordnung die eigene Verderbtheit vorgeführt wird.

Warte, Apoll, riefen sie, als sie [die Musen] den Göttersohn weggehen sahen, wir kommen mit.
Apoll drehte sich nicht um. Er beschleunigte seine Schritte.
Warte, riefen sie noch einmal.
Apoll blieb stehen und wandte sich zu ihnen.
Bleibt mir vom Hals.

Die Verweigerung seiner Kunst wird bei Marsyas zum Revolutionsersatz. Nach Adorno (Thesen zur Kunstsoziologie (1965)) kann der soziale Gehalt von Kunstwerken gerade im Protest gegen soziale Rezeption liegen. Es bleibt aber immer die Frage, ob das wirklich der richtige Weg ist; denn Marsyas wird letztlich gehäutet.

„Nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles.“ (Adorno, ND, 389)

In der Erzählung von Brasch wird der verbindliche Kanon als Konstruktion sichtbar. Was wir im „Zweikampf“ miterleben, ist genau der Moment, in dem der althergebrachte Kanon, die Tradition, auf das Äußerste in Frage gestellt wird. – Es ist der Vorschein einer möglichen Angreifbarkeit der alten Ordnung. Marsyas ist in seinem Auftreten zwar derb schroff, aber Apoll wirkt dagegen sehr altbacken und ein wenig angestaubt mit seinem Singen von der Liebe und nichts als der Liebe; und er weiß, bzw. er scheint zu wissen, dass sein Ende als verbindlicher Kanon naht. Zum verbindlichen bzw. geschlossenen Kanon gehört schließlich die Vorstellung der ´richtigen´ Kunstpraxis und -objekte. Und genau das wird durch Marsyas´ Verweigerung zur Disposition gestellt.

Das Weitermachen der alten Ordnung mit schlechtem Gewissen scheint das Resultat zu sein. Das positive Ergebnis dieses Ausgangs besteht in der Erweiterung des offiziellen Kanons zumindest um die Wahrnehmung der Möglichkeit einer alternativen, möglicherweise sogar kanonfähigen Programmatik.

Die Erzählung heißt „Der Zweikampf“, obwohl de facto überhaupt kein Zweikampf stattfindet. Und eben darin kann man den wahren gesellschaftlichen Mechanismus sehen – nämlich die Unterdrückung des Anderen, des Fremden, des Heterogenen.
Apoll muss so tun, als habe ein rechtmäßiger, dem Diskurs entsprechender Zweikampf stattgefunden, denn er muss, als diejenige Ordnung, die den Diskurs bestimmt, den Zufall, den Marsyas´ Verweigerung als kontingentes, nicht vorhersehbares Ereignis, das ihn in seinem Selbstverständnis als verbindlicher Kanon erschüttert hat, auslöschen, um damit die alte Ordnung, sozusagen das althergebrachte ´Modell des Narrativen´, aufrechtzuerhalten. Marsyas seinerseits bleibt in Aussicht auf die sichere Niederlage lediglich die Verweigerung.

Der Silen ist also offensichtlich kein revolutionärer Kämpfer – wenngleich er Apoll herausgefordert hat. Ein Revolutionär wäre er nur, wenn er die Überzeugung hätte, dass er die herrschenden Verhältnisse sozusagen in einem Gewaltakt umwälzen könnte. Dagegen ist seine ´moderne´ Kunst tief pessimistisch und scheint nicht daran zu glauben, mit den systemeigenen Mitteln etwas bewirken zu können.

Was kann die Kunst?

Das Problem der Kunst in Bezug auf ihre gesellschaftliche Position lässt sich vielleicht folgendermaßen beschreiben: Lässt sie in ihrer Autonomie nach, so verschreibt sie sich dem Betrieb der bestehenden Gesellschaft; bleibt sie strikt für sich, so lässt sie sich als harmlose Sparte unter anderen integrieren. Das ist das scheinbare Dilemma.

Es geht es hier also um die Frage, inwiefern – wenn überhaupt – Kunst im allgemeinen und Literatur im besonderen Einfluss nehmen kann auf gesellschaftliche Verhältnisse, obwohl vermeintlich eine völlige Disjunktion zwischen der künstlerischen Fiktionalität und der Lebenswirklichkeit des Rezipienten besteht. Es geht demnach um Erkenntnis durch Literatur und deren ´Sitz im Leben´.

Eine der weit verbreiteten Vorstellungen besagt, dass die fiktive Realität eine Wunschwelt darstelle, in die Autor und Leser aus ihrer leidvollen und frustrierenden Realität flüchten. Die literarischen Texte führen demnach von der Lebenswelt weg. Die Lektüre literarischer Texte wird hier als eine Art „Narkotikum“ aufgefasst. Sie wird als Ablenkung von der geschichtlich sozialen Lebenswelt begriffen, so dass von ihr keine Wirkung auf ein reflektiertes Selbst- und Weltverständnis ausgehen kann.
Ein Erkenntnisanspruch wird Literatur und Kunst auch von der empirisch-analytischen Wissenschaftsauffassung abgesprochen. Auf dem Hintergrund dieser rein positivistischen Wirklichkeitsauffassung erscheint dann die fiktive Realität als subjektiv verzerrte Wirklichkeit – und nichts weiter als das.

Man könnte aber auch anders sagen: Kunst ist das Sich-Zeigen der Sache, die Kunstform ist die ästhetische Reaktion auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, so wie der Künstler sie versteht. Kunst ist Erkenntnis eigener Qualität und die ihr angehörende Erkenntnis das Wiedererkennen. Hier bietet sich ein Rekurs auf die Diskurs-Definition von Foucault an, nämlich dass ein Diskurs eine Wahrheit ist, die vor ihren eigenen Augen entsteht. (Hierin scheint bereits ein Moment potentieller Wirkmöglichkeit der Kunst auf.)
Denn auch wenn Kunst natürlich nicht ein identisches Abbild der Wirklichkeit ist, so gibt es doch nichts in der Kunst, auch nicht in der sublimiertesten, was nicht aus der Welt stammte; selbstverständlich nicht unverwandelt. Alle ästhetischen Kategorien sind ebenso in ihrer Beziehung auf die Welt wie auch in der Lossage von ihr zu bestimmen. Hier zeigt sich deutlich das wesenhaft Dialektische in der Kunst.
Der tschechische Strukturalismus hat folgerichtig die ästhetische Funktion als die Dialektische Negation der praktischen Funktionen verstanden und dadurch den Sinn- und Erkenntnisanspruch der Kunst freigelegt. Die Negation der praktischen Funktionen hebt die Literatur aus den unmittelbaren Lebensbezügen heraus.
Dadurch bestimmt sich die Literatur zwar als ein autonomer Bereich der Darstellung von Möglichkeitswelten, die niemals mit den tatsächlichen alltäglichen Welten gleichgesetzt werden können, aber die Negation der praktischen Funktionen bedeutet nicht, dass sich die Literatur von der Wirklichkeit abwendet, sondern sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, sich ihr, entlastet von praktischen Funktionen, verstärkt zuzuwenden.

Ästhetische Funktion, Fiktionalität und der Sinn- und Erkenntnisanspruch literarischer Texte stellen keine Gegensätze dar, sondern bedingen einander und bestimmen so die Aufgabe der Kunst. Kunst soll nicht von der geschichtlichen Wirklichkeit erlösen, sondern zu ihr hinführen. Wenn die Kunst sich der Komplexität und Widersprüchlichkeit menschlicher Erfahrung entzieht und der vielgestaltigen sich wandelnden Wirklichkeit eine der Lebenswelt enthobene, zeitlose Sphäre gegenüberstellt, bewirkt sie nichts – außer die Erschaffung einer parallelen Kunstwelt [l´art pour l´art]. Das hat zugegebenermaßen auch seinen Reiz. Ich weiß das. Und für den Künstler selbst mag dies vielleicht sogar eine Lösung sein. Dennoch bin ich zugleich auch ein Freund von Ästhetik als praktizierter Gesellschaftskritik. Und natürlich ist auch l´art pour l´art Gesellschaftskritik par excellence, wenn man es genau nimmt. Aber das ist ein Bereich, über den es sich noch genauer nachzudenken lohnte – wie über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit in der Kunst insgesamt.

Fiktionalität ist in erster Linie eine Einstellung des Lesers gegenüber der dargestellten Welt. Das wesentliche Merkmal von Fiktionalität ist, dass der Leser nicht danach fragt, ob der einzelne Charakter und das einzelne Ereignis sich in der außerästhetischen Realität so zugetragen haben, wie es der Autor beschreibt, sondern dass er seine Aufmerksamkeit auf die Frage lenkt, was durch die Art der Darstellung in Erscheinung tritt.
Beim Verstehen ´fiktiver´ Wirklichkeit wird somit die Beziehung zwischen der dargestellten Wirklichkeit und der Lebenswelt des Lesers wichtig. Der literarische Text wird zum „ästhetischen Objekt“. Er ist auf den Leser, dessen Erfahrungen und Einstellungen im Verständnisprozess angewiesen. Der Leser leiht, wie Sartre es an irgendeiner Stelle ausdrückt, den Charakteren seine Gefühle und Gedanken. Nur so wird aus den Schriftzeichen eine ´fiktive´ Wirklichkeit.

Setzt man nun also die ästhetische und die außerästhetische Realität nicht einander entgegen, sondern begreift jene als den Versuch, Wirklichkeit zu erhellen, dann kann sie dem Rezipienten auch ins Bewusstsein heben, was er in der eigenen Lebenswelt möglicherweise übersieht bzw. nicht wahrhaben will. Und eben darin liegt die befreiende Wirkung der Kunst, auch wenn das, was zur Erscheinung kommt, schrecklich sein sollte.

Ich persönlich glaube übrigens schon seit längerem nicht mehr an eine Unterscheidung von ´Fiktion´ und ´Realität´. Eine solche dualistische Vorstellung bzgl. der Beschaffenheit von Wirklichkeit halte ich für relativ naiv. Aber das ist natürlich nur meine Meinung.

Was soll die Kunst?

Möglichst viele Perspektiven probeweise einzunehmen und die in jeder Perspektive eingeschlossene ´Wirklichkeit´ zu denken, möglicherweise in eine andere zu überführen bzw. durch eine andere in Frage zu stellen, das ist das Angebot, welches Literatur und Kunst uns machen. Es geht darum, die Sicht auf die Dinge in einem kontrollierten Perspektivenwechsel ändern zu können, anstatt sie für verbindlich zu halten. Der gesellschaftliche Beitrag von Kunst und Literatur besteht im Wesentlichen in der Schaffung von Reflexionsmöglichkeiten hinsichtlich der Wirklichkeit. Wahre Bildung drückt sich nicht im bloßen Kenntniserwerb nach Maßgabe eines Werkekanons oder poetologischen Systems aus, sondern zeigt sich vor allem am erreichten Reflexionsniveau.
Die Aufgabe der Kunst, bzw. Literatur besteht in Bewusstmachungsprozessen, durch die der Leser zu Erkenntnissen gelangt, die andernfalls vielleicht unterblieben wären. So kann Kunst verändern: indem bei möglichst vielen Rezipienten bestimmte Bewusstseinsprozesse – insbesondere eine dialektische Sicht auf die Dinge und eine damit einhergehende, größere Autonomie – gefördert werden. Dem objektiven Bedürfnis nach einer Veränderung des Bewusstseins, die in Veränderung der Realität übergehen könnte, entsprechen die Kunstwerke durch den Affront der herrschenden Bedürfnisse, die Umbelichtung des Vertrauten, zu der sie von sich aus tendieren. Die mögliche Wirkung von Kunst ist das ´Verschieben von Diskursen´ durch neu eröffnete Sichtweisen und dadurch bedingte Bewusstseinsveränderung. Praktische Wirkung üben Kunstwerke somit allenfalls in einer kaum dingfest zu machenden Veränderung des Bewusstseins aus, und es geht eben nicht um plumpe Konversionen, sondern um dialektische Denkschulung.
Dialektik ist systemsprengend, sie stürzt die Herrschaft des unreflektierten Begriffs, liquidiert den Totalitätsanspruch des szientistisch-positivistischen Denkens, in welchem die Begriffe die Objekte unterdrücken, und sie macht es sich zur Aufgabe, dem Widerspruch des Besonderen und Individuellen gegen die Vereinnahmung durch gedankliche Systeme Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Kunst hat, um mit Adorno zu sprechen, darin „ihre gesellschaftliche Idee: wie ein Besonderes überhaupt möglich“ ist (Adorno, ÄT, 69). Die von ihren praktischen Zwecken emanzipierte, zur Autonomie ihrer Gebilde objektivierte Kunst hängt der Idee des Besonderen nach, des Nicht-Identischen, Heterogenen, Anderen.

Fazit

Der Leser wird sich zwischen Apoll und Marsyas entscheiden müssen oder aber eine dritte synthetische Lösung für sich suchen. Der Text kann hierbei nur den Auslöser für mögliche Reflexionsprozesse liefern. Denn auch Marsyas wird keineswegs durchweg sympathisch und positiv dargestellt. Außerdem stellt sich nach wie vor die Frage, ob nicht vielleicht doch eine kreativ-aktive Haltung gegenüber den von außen herangetragenen Zwängen mehr hätte bewirken können.

Was der sehr gelungene Text von Thomas Brasch deutlich macht, ist ein gesellschaftlicher Zustand, in dem Recht und Glück des Individuums nicht durch die totale Herrschaft des Allgemeinen zunichte gemacht werden dürfen. Die willkürliche Gewalt gegen das Andere und die abstoßende Deformierung des vermeintlich Unterlegenen wirken grausam und unangemessen. Es zeigt sich die Gefahr eines Gesellschaftszustandes, der um einer von der Kontingenz befreiten (Diskurs-)Ordnung willen dem Besonderen nicht mehr zur Entfaltung verhilft, sondern es unterdrückt. Marsyas wird letzten Endes für seine vermeintliche Niederlage, vor allem aber wohl für die Relativierung des ´richtigen´ Kanons als Machtrepräsentanz (crimen laesae maiestatis) bei lebendigem Leibe gehäutet. Das tut sicher weh. Übrig bleibt der Schund. Und daraus wird der Dudelsack entstehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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