Vom Autor zum Lektor werden

Jeder umfangreiche Text braucht sowohl einen Autor als auch einen Lektor. Denn das Schreiben ist nicht nur ein Prozess der Schöpfung, sondern auch der Veränderung und sogar der kontrollierten ›Dekonstruktion‹ des schon Geschriebenen. Außergewöhnliches Schreiben leuchtet heller, wenn es nicht durch mittelmäßigere Inhalte wieder relativiert wird, und die meisten Autorinnen und Autoren werden feststellen, dass sich die Qualität ihrer Arbeit durch ein strenges Lektorat verbessert.

 

Zweifelhafte Anbieter

Aber nicht jede Autorin und jeder Autor kann sich in jedem Fall die Dienste eines guten und professionell arbeitenden Lektors leisten. Nun gibt es natürlich auch sehr günstige ›Lektorinnen‹ und ›Lektoren‹. Ich weiß das. Daran, dass ich die Berufsbezeichnung soeben in einfache Anführungsstriche gesetzt habe, können Sie bereits erahnen, was ich davon halte. »Lektor« ist kein geschützter Begriff, und jede und jeder kann sich so nennen und versuchen, mit einer Tätigkeit, die dann jeweils ›Lektorat‹ genannt wird, Geld zu verdienen. Allzu oft handelt es sich bei solchen Anbietern leider um Leute, die das Handwerk aber nicht beherrschen. Immer wieder sieht man Selfpublisher-Autorinnen und -Autoren, die auf diese Weise ihre Einnahmen aufbessern wollen. Ich möchte nicht behaupten, dass alle von ihnen schlechte Arbeit machen. Aber die meisten. Es ist nämlich eine außerordentlich anspruchsvolle Tätigkeit, an der sich diese Laien versuchen.

 

Was einen Lektor auszeichnet

Es fängt damit an, dass ein guter Lektor die jeweilige Sprache in jeder Hinsicht nahezu perfekt beherrschen muss. Bereits hier hapert es bei vielen Selfpublishern (was an sich nicht weiter schlimm ist – solange sie sich dann nicht als Lektorinnen und Lektoren anbieten, sondern ihrerseits die Dienste solcher in Anspruch nehmen). Aber mit diesen sprachlichen Voraussetzungen hört es noch längst nicht auf; das ist nichts weiter als das Fundament. Ein guter Lektor sollte über breite Allgemeinbildung verfügen, um auch inhaltlich zweifelhafte oder nicht plausible Stellen als solche erkennen und anmerken zu können. Eine gewisse Schulung in Logik schadet ebenfalls nicht. Er sollte mit Konventionen und Gepflogenheiten verschiedener Genres vertraut sein und sich mit Erzähltheorien auskennen. Im Idealfall verfügt er zudem auch über literaturtheoretische und dramaturgische Kenntnisse und Fähigkeiten. Daneben braucht es Einfühlungsvermögen und eine Form von ›diplomatischem Geschick‹ beim Umgang mit den Autorinnen und Autoren. Ich könnte noch mehr Eigenschaften aufzählen, die ein guter Lektor meines Erachtens haben sollte. Und weil ein ›richtiges‹ Lektorat eine hochkomplexe Tätigkeit ist und eine Reihe von Fähigkeiten, Qualifikationen und Kenntnissen bedingt, die man nicht ›mal eben so‹ erwirbt, ist es meiner Meinung nach vollkommen gerechtfertigt, wenn eine solche Leistung auch mit einem entsprechenden Honorar abgegolten wird.

 

Lieber selbst bearbeiten, als einen Möchtegern-Lektor bezahlen

Es ist gar nicht so einfach, ein gutes Lektorat zu finden. Selbst unter den ›professionellen‹ Anbietern muss man gut auswählen, um entsprechende Qualität und Expertise zu erhalten. Umso unwahrscheinlicher ist es, dass Sie unter denjenigen ein gutes Lektorat finden werden, die das ›so nebenher‹ anbieten, während sie eigentlich Selfpublisher sind, was sie aber auch nur nebenher machen, weil sie eigentlich irgendeinem anderen Broterwerbsjob nachgehen, z. B. Zahnarzthelferin oder Einzelhandelskauffrau oder Busfahrer. Das sind alles ehrenwerte Berufe – aber wer käme auf die Idee, eine Zahnarzthelferin, eine Einzelhandelskauffrau oder einen Busfahrer mit einem Lektorat zu beauftragen?

Und aus diesen Gründen würde ich, falls Sie sich kein professionelles Lektorat leisten können oder wollen, empfehlen, sich ein paar Techniken und Methoden anzueignen, mit denen Sie Ihr Werk zumindest rudimentär selbst überarbeiten können, anstatt einen der recht günstigen Anbieter für Arbeit zu bezahlen, die Sie selbst genauso gut oder besser machen können. Sie sollten lernen, Ihr eigenes Werk so zu bearbeiten, dass das Feedback eines objektiven Lektors quasi weitestmöglich zumindest partiell ›simuliert‹ wird. Es ist wichtig zu betonen, dass dies nicht die Funktion eines guten Lektors ersetzen kann.

Vielmehr geht es darum, die eventuell notwendige Beratung durch einen professionellen Lektor so fokussiert wie möglich zu gestalten. Indem Sie zum Redakteur Ihrer eigenen Arbeit werden, ermöglichen Sie es professionellen Lektoren, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die Sie nicht im Vorfeld selbst bearbeiten können. Ein Lektor kann Ihnen beispielsweise helfen, Ihre Figuren viel stärker und effektiver zu entwickeln, wenn Sie bereits alle unnötigen Szenen zuvor aus der Geschichte gestrichen haben. Durch eine solche Vorarbeit Ihrerseits können Sie die Kosten für einen professionellen Lektor senken, indem Sie ihn nur mit den notwendigen Überarbeitungen beauftragen, die Sie nicht selbst bewerkstelligen können. Dafür dann sollten Sie sich einen ›richtigen‹ Lektor zu Hilfe nehmen. Sparen Sie nicht am falschen Ende. Ihre Geschichte bzw. Ihr Buch wird es Ihnen danken.

 

Objektivität

Ein Editieren der eigenen Arbeit bedeutet, sich selbst zu zwingen, objektiv zu sein. Ein Großteil der Arbeit eines Lektors besteht darin, Probleme zu lösen, die der Autor bzw. die Autorin nicht sehen kann oder will. Autoren sind oft so sehr ›in der Geschichte‹, so dass sie betriebsblind sind für Probleme, die ein distanzierteres Auge sofort erkennen kann. Obwohl es unmöglich ist, diese Art von Blindheit völlig zu umgehen, können Autorinnen und Autoren aber lernen, ihre Arbeit viel objektiver zu beurteilen, als sie es vielleicht zunächst vermuten.

Das Geheimnis, um ein erfolgreicher Autor-Lektor zu sein, besteht in der Fähigkeit, diese beiden Rollen klar aufzuteilen und zu wissen, wann jeweils welche angemessen ist. Ernest Hemingway wird der Ausspruch zugeschrieben, dass Autoren betrunken schreiben und nüchtern überarbeiten sollten. Ob er es gesagt hat oder nicht, der Kern dieser Aussage trifft zu. Große Autorinnen und Autoren müssen in der Lage sein, mit kreativer Hingabe zu schreiben, aber methodisch und logisch zu bearbeiten.

Die Bearbeitung ist im Großen und Ganzen ein mechanischer Prozess. Der Großteil besteht darin, sich anzusehen, wie die Geschichte zusammengesetzt ist und wie ihre einzelnen Teile verschoben oder ersetzt werden können, um dem Ganzen zu nutzen. Das ist eine gute Nachricht für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ihre redaktionellen Fähigkeiten verbessern wollen, da es bedeutet, dass es eine Methode zur Bearbeitung gibt, die sie erlernen können. Und wie jedes methodische Unterfangen beginnt auch dieses mit einer Untersuchung des Vorhandenen.

Identifizieren Sie Ihren Stil

Es ist natürlich unmöglich, sofort die kritischen Aspekte einer Geschichte zu identifizieren, für die man als Autor blind sein könnte. Die Lösung für dieses Problem ist, einen Schritt zurückzutreten und Ihren speziellen Schreibstil zu erkennen. Mögen Sie Dialoge, neigen Sie zu langen Beschreibungen, fühlen Sie sich wohl damit, Szenen zu schreiben, in denen es zwischen den Figuren ›körperlich‹ wird (z. B. Sex, gewalttätige Auseinandersetzungen etc.), sind Sie anfällig für Abschweifungen von der eigentlichen Handlung, haben Sie eine bevorzugte Art, eine Geschichte zu beginnen?

Die Antwort auf jede dieser Fragen gibt Ihnen eine bessere Vorstellung von Ihren möglichen blinden Flecken, und je mehr Sie sich selbst befragen, desto objektiver können Sie Ihr eigenes Schreiben betrachten. Wenn Sie z. B. etwas Bestimmtes beim Schreiben sehr mögen (z. B. bestimmte Redewendungen, Wörter, detaillierte Beschreibungen, ›Plot-Twists‹ etc.), dann steht es dadurch im Verdacht, übermäßig stark von Ihnen in Gebrauch genommen zu werden. Halten Sie Ausschau nach übertriebenen Wiederholungen oder deutlich sichtbaren Mustern (z.B. häufige und eventuell öfter wiederkehrende Phrasen im Dialog). Und wenn Sie beispielsweise eine bestimmte Art von Schreiben nicht mögen (z. B. Sexszenen oder Dialoge), dann sollten Sie prüfen, ob es dort, wo es vorkommt, gelungen ist, oder ob die Geschichte auch dann noch funktioniert, wenn Sie (an manchen Stellen) darauf verzichten.

Notieren Sie sich alle Aspekte Ihres Schreibens, die Ihnen einfallen, um mögliche Probleme zu identifizieren, die diese Art des Schreibens verursachen könnte. Dies wird helfen, die möglichen Fehler aus der Arbeit herauszustreichen, und objektiv über Probleme nachzudenken, denen Sie wahrscheinlich begegnen werden.

Wenn Sie sich schwer damit tun, die Probleme zu identifizieren, die mit Ihrer Art des Schreibens zusammenhängen könnten, dann analysieren Sie einige Bücher in einem ähnlichen Stil (Sie müssen vielleicht mehrere untersuchen, um verschiedene Aspekte Ihres eigenen Stils abzudecken). Während die Fehler zwar nicht Ihre eigenen sein werden, werden Sie Ihnen aber Auskunft darüber geben, zu welcher Art von Fehlern ein bestimmter Stil ›prädestiniert‹ ist.

Natürlich gibt es auch bei dieser Methode noch immer bestimmte Passagen, die dem Rotstift des Lektors in Ihnen entgehen könnten…

 

Nehmen Sie Ihre Lieblingsstellen genau unter die Lupe

Die wahre Bedeutung von William Faulkners oft ins Feld geführtem Zitat »Kill your darlings!«  ist umstritten. Einige behaupten, dass es wörtlich gemeint ist: Töten Sie die Charaktere, die Sie am meisten mögen. Andere sind der Meinung, dass es darum geht, eine besondere redaktionelle Strenge auf Passagen anzuwenden, die Sie lieben.

Letzteres ist sicherlich weiter verbreitet. Und zutreffend. Es ist eine universelle Falle für Autorinnen und Autoren, blind zu sein für einen Satz, Absatz oder sogar ein Kapitel, das sie lieben. Oft ist es eines der ersten Dinge, an die sie gedacht haben, die ursprüngliche Daseinsberechtigung der Geschichte, die sich mit dem Rest der Arbeit nicht weiterentwickelt hat (und sich gerade dadurch von einer guten Idee zu einem Fremdkörper innerhalb der Geschichte gewandelt hat).

Geliebte Passagen (vor allem frühe Schöpfungen) sind ein häufiger blinder Fleck für Autorinnen und Autoren.  Ironischerweise ist die geliebte Passage am Ende nicht nur schlecht, sondern auch schädlich für den Rest der Geschichte, da bessere Textteile verzerrt sind, um ihre Existenz zu berücksichtigen bzw. überhaupt erst dramaturgisch und strukturell zu ermöglichen. Diese ›giftigen Lieblinge‹, die Ihrer Geschichte schaden, sind für einen Autor oft unsichtbar. Die einzige Lösung ist, diese Tatsache zu erkennen und besonders auf die Teile Ihrer Geschichte zu achten, die Ihnen am besten gefallen.

Das bedeutet zu fragen, ob eine Passage wirklich brillant ist oder ob sie nur etwas Besonderes für Sie selbst darstellt – aus welchen Gründen auch immer. Es ist Teil der Entwicklung als Autorin und als Autor zu erkennen, dass man hinsichtlich der Qualität des Selbstgeschriebenen nicht wirklich objektiv sein kann. Und wenn Sie sich in Hinblick auf bestimmte Abschnitte Ihrer Arbeit unsicher sind, sollten Sie dafür sorgen, dass ein professioneller Lektor der betreffenden Passage besondere Aufmerksamkeit schenkt.

 

Streben Sie nach Kürze

Das Idiom »weniger ist mehr« wird gemeinhin Robert Brownings Gedicht »Andrea del Sarto« zugeschrieben und ist so selbstverständlich, dass viele Menschen nie daran gedacht hätten, dass es irgendjemand irgendwann einmal geprägt hat. Jetzt haben wir nebenbei wieder etwas für unsere Allgemeinbildung getan.

Diese Maxime ist jedenfalls der Grundstein für die Arbeit eines objektiven Autors und Lektors, und wieder einmal beruht die gute redaktionelle Praxis auf der Unterdrückung des autoritären Egos. Der Drang als Autor wird immer sein, einen problematischen Abschnitt zu ändern; aber oft würde eine Geschichte mehr von einer vollständigen Entfernung profitieren. Die Frage eines guten Lektors lautet nicht: »Kann ich das irgendwie zum Laufen bringen?«, sondern: »Kann ich das wegstreichen?« Wenn Sie diese Denkweise annehmen, wird jede Verknüpfung zu Ihrem Autorenselbst aufgehoben. Als Autor ist es Ihre Aufgabe, in möglichst kurzer Zeit die Geschichte zu schreiben. Dabei sollten Sie nach Möglichkeit alles vermeiden, was Ihren Schreibfluss bremst. Als Lektor sehen Sie sich das Ergebnis an und streichen alles heraus, was überflüssig ist.

 

Rechtfertigen Sie Ihre Entscheidungen

Der letzte Schritt, um eine mögliche Verzerrung Ihrer Urteilsfähigkeit zu minimieren und aus Ihnen einen möglichst objektiven Lektor Ihres eigenen Werkes zu machen, besteht darin, Ihre Rechtfertigungen zu formalisieren. Rechtfertigungen sind die Gründe, die Sie sich selbst geben, bestimmte Dinge auf eine bestimmte Weise zu tun. Das Problem ist, dass es leicht ist, eine flüchtige und unvollständige Rechtfertigung zu akzeptieren, wenn man die Dinge bereits auf eine bestimmte Weise machen will.

Nehmen wir einmal an, Sie möchten eine Szene behalten, mit der es ein paar Probleme gibt. Es reicht zur Begründung, sie zu behalten, nicht aus, diese Szene einfach zu mögen; versuchen Sie aufzuschreiben, warum die Szene es verdient hat, beibehalten zu werden. Was bringt es für die Geschichte? Kann die Funktion der Szene von einem anderen Abschnitt oder auf eine einfachere oder bessere Weise erbracht werden? Denken Sie daran, dass ein guter Lektor es vorzieht, das Unnötige zu reduzieren.

 

Abschließend

Die oben genannten Techniken basieren auf dem Konzept der vollständigen Trennung zwischen Autoren- und Lektorenverhalten. Sie schreiben, bearbeiten, schreiben, bearbeiten und erreichen schließlich einen Punkt, an dem Sie alles getan haben, was Sie können.

Denken Sie auch daran, dass es bei der Bearbeitung Ihrer eigenen Arbeit nicht in erster Linie darum geht, hart mit sich selbst umzugehen (obwohl das eine Komponente ist); es geht darum, ehrlich und fair mit sich selbst umzugehen. Eine Menge von dem, was Sie schreiben, wird sicher gelungen sein. Und der redaktionelle Prozess wird darauf ausgelegt sein, diesen großen gelungenen Teil noch stärker herauszuarbeiten, in dem das weniger Gelungene getilgt wird.

Und wenn Sie diesen Arbeitsprozess bewältigt haben und es sich finanziell irgendwie leisten können, würde ich Ihnen empfehlen, für den letzten Feinschliff doch noch einmal einen professionellen Lektor einen Blick auf das Ganze werfen zu lassen.

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