Wann braucht man einen Alpha-Leser? – Und was ist das überhaupt?

Ein Alpha-Leser ist eine Person, die Ihnen ehrliches und sofortiges Feedback zu Ihrem Buch gibt, noch während es geschrieben wird. Dahingegen handelt es sich bei Beta-Lesern um solche Personen, die Ihr fertiges Manuskript kurz vor der Markteinführung lesen, um Ihnen Feedback zu geben. Es ist üblich, dass Autorinnen und Autoren schon lange vor diesem Zeitpunkt Feedback benötigen, und da das Buch noch in Arbeit ist, benötigen sie eine andere Art von Feedback. Und hier kommen eben die Alpha-Leserinnen und -Leser ins Spiel. Alpha-Feedback ist weniger definitiv als Beta-Feedback und wird oft über einen längeren Zeitraum gegeben, nämlich während des laufenden Schreibprozesses. Ein Alpha-Leser kann viele verschiedene Versionen des Buches sehen, und sein Feedback muss sich mit Ihrem Manuskript weiterentwickeln. Beta-Leser geben Ihnen eine Vorstellung von der letzten Erfahrung des Lesers, aber Alpha-Leser sind eher eine Art von ›Kritiker-Vertrauensperson-Hybrid‹.

Gefahr des verfrühten Feedbacks

So sehr Sie auch eine andere Perspektive benötigen, kann es für ein Projekt gefährlich sein, wenn Sie zu früh mit der Anhörung von Fremdstimmen beginnen. Bevor Sie Ihren wertvollen ersten Entwurf an Alpha-Leser schicken, sollten Sie sich fragen, ob Ihr Manuskript tatsächlich schon bereit ist für irgendeine Form von Rückmeldung. Wenn Ihr Manuskript nämlich noch nicht in einem geeigneten Zustand für Feedback ist, kann es kontraproduktiv sein. Es könnte sein, dass Ihr Manuskript sich immer noch an einem vorläufigen Punkt befindet, an dem Kritik negative Auswirkungen auf seine Entwicklung haben kann. So ähnlich wie das vorzeitige Öffnen der Ofentür, wenn man ein Soufflé backt. Ihr Buch ist ein Soufflé. Öffnen Sie die Ofentür zu früh, kann es in sich zusammenstürzen.

Dies könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn Sie noch die konzeptionellen Details Ihrer Geschichte ausarbeiten, oder vielleicht sogar noch festlegen müssen, was Ihre Geschichte überhaupt ist. Selbst wenn Sie die Art von Schriftsteller sind, der es vorzieht, akribisch zu planen, bevor er ein Manuskript beginnt, kann der Prozess des eigentlichen Schreibens Ihre Handlung oder Charaktere in eine Richtung bringen, die Sie nie erwartet hätten. Es gibt eine organische Magie in diesem Prozess, die durch externe Einflüsse gestört werden könnte, besonders wenn man anfällig dafür ist, zu sehr von den Meinungen anderer beeinflusst zu werden.

 

Wann Feedback angebracht ist

Erfahrene Autorinnen und Autoren wissen in der Regel, welche Art von Feedback sie zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigen. Es ist in Ordnung, wenn Sie im Grunde nur nach einer allgemeinen Orientierung suchen, aber wenn Ihnen kein bestimmter Bereich einfällt, zu dem Sie Feedback bräuchten, dann könnte das ein Hinweis darauf sein, dass Sie einfach noch keinen Alpha-Leser benötigen.

Überlegen Sie, ob Sie im Moment Feedback zu einem dieser Bereiche benötigen oder nicht:

  • Plotlöcher
  • Kontinuität
  • Charakterisierung
  • Glaubwürdigkeit
  • Fakten
  • Originalität der Ideen
  • Tempo
  • Struktur der Geschichte

Wenn Sie nicht zu einem dieser Punkte konkretes Feedback benötigen, ist es wahrscheinlich auch nicht die Zeit für einen Alpha-Leser.

 

 

Alpha-Leser gegen Schreibblockade

Während Sie nicht erwarten sollten, dass ein Alpha-Leser etwas für Sie schreibt oder umschreibt, kann eine zweite Meinung helfen, die Blockade eines Autors zu lösen, die Sie möglicherweise erleben. An diesem Punkt kann ein frisches Augenpaar oft helfen, die Dinge wieder voranzutreiben. Ein Alpha-Leser kann vielleicht verpasste Gelegenheiten in der Geschichte erkennen oder Ihnen verschiedene Interpretationen von Charakteren und deren Motivationen geben, die Ihre Ideen wieder in Schwung bringen.

Ich bin sicher, dass viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller eine Art Hassliebe zu ihrem Handwerk verbindet. Es gibt Tage, an denen sich manchmal sogar das, was man am liebsten tut, wie eine Pflicht anfühlt. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen die Luft ausgeht, kann es schwierig sein, diszipliniert zu sein und die Arbeit zu erledigen. In Zeiten wie diesen ist eines der am häufigsten empfohlenen Mittel, eine Pause vom Schreiben zu machen, in der Hoffnung, dass die Inspiration zurückkehrt, sobald man aufhört, sie erzwingen zu wollen. Es ist ähnlich wie die Idee, dass Sie Ihre verlorenen Autoschlüssel nur dann finden werden, wenn Sie aufhören, nach ihnen zu suchen.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, Feedback zu nutzen, um wieder in Ihren Schreibfluss zu kommen? Alpha-Feedback kann eine gute Möglichkeit sein, den Schreibprozess zu strukturieren und zu steuern.

Manche Autorinnen und Autoren ziehen es vor, zu warten, bis ein Manuskript vollständig verfasst ist, bevor sie Alpha-Leser zu Rate ziehen; andere hingegen haben für sich die persönliche Erfahrung gemacht, dass ein stetiger Strom von Kommentaren den Schreibprozess stabil hält. Es gibt Autorinnen und Autoren, die eine private Online-Community von Alpha-Lesern nutzen, um kapitelweise Kritik zu ihrem neuesten Manuskript zu erhalten, während sie noch daran schreiben.

Man könnte meinen, der Nachteil dabei sei, dass Ihre Alpha-Leser einen segmentierten Eindruck von der Geschichte haben und Sie dann andere Personen als Beta-Leser benötigen, um Ihr gesamtes fertiges Manuskript zu lesen. Tatsächlich werden Alpha-Leser Ihr Buch mit ziemlicher Sicherheit in jedem Fall zu intim kennen, um auch als Beta-Leser zu fungieren. D. h. Alpha-Leser und Beta-Leser sollten in keinem Fall dieselben Personen sein.

 

Alpha-Leser und Beta-Leser

Indem Sie jemanden in den frühen Phasen des Schreibens für ein Feedback nutzen, heben Sie effektiv seine Fähigkeit auf, zu einem späteren Zeitpunkt solche Hilfe noch einmal zu leisten. Daher sollten Sie gut darüber nachdenken, wann Sie diese Hilfe jeweils ›anwenden‹ wollen. Insofern empfiehlt es sich auch, genau zu überlegen, wer für Sie als Alpha- und wer als Beta-Leser in Frage kommt. Dies wird sicherlich bei allen Autorinnen und Autoren etwas anders sein, so dass sich hier keine pauschale Antwort geben lässt.

Ich persönlich würde jedoch dazu raten, als Alpha-Leser etwa zwei bis drei Personen zu ›rekrutieren‹, die entweder selbst Schriftstellerinnen bzw. Schriftsteller sind oder sich zumindest in anderer Form mit kreativen Prozessen auskennen, so dass sie mit den verschiedenen Phasen in der Herstellung eines künstlerischen Werkes vertraut sind. Dadurch wird gewährleistet, dass diese Personen ihr Hauptaugenmerk bei ihrem Feedback nicht auf irrelevante Aspekte legen, die womöglich ohnehin nur vorläufig sind und zu einem späteren Zeitpunkt überarbeitet bzw. ausgearbeitet werden sollen. Die ausgewählten Personen sollten wissen, ›worauf es ankommt‹, um nützliches Feedback zu geben.

Zu Beta-Lesern eignen sich kritische Leserinnen und Leser, die in ihrer Gesamtheit (mehr als 8-10 Personen sollten es meiner Meinung nach nicht sein) in etwa einen Querschnitt des anvisierten Zielpublikums wiedergeben. Anhand eines vorgefertigten Fragebogens kann man von solchen Beta-Lesern dann standardisiertes Feedback zu den wichtigen Bereichen eines Romans erhalten: Plot, Figuren, Struktur. Der Wert dieses Feedbacks besteht dann in einer sowohl qualitativen als auch quantitativen Auswertung der Antworten.

Übrigens können Sie von indieautor.com einen zu diesem Zweck entwickelten »Beta-Leser-Feedback-Fragebogen« erhalten. Sie können ihn käuflich erwerben oder als Willkommensgeschenk bekommen, wenn Sie den indieautor.com-Newsletter abonnieren.

Abschließend

Ein Alpha-Leser kann eine Quelle der Beruhigung, Kritik, Motivation und Inspiration sein, aber letztendlich ist sein Feedback natürlich völlig subjektiv – ebenso die Entscheidung der Frage,  ob man es braucht.

Falls es zu einem oder mehreren der oben stichwortartig aufgelisteten Aspekte Ihres Romans Unsicherheiten gibt, könnten Sie davon profitieren, Alpha-Leser zu finden. Wenn Sie sich aber sicher sind, dass die Dinge reibungslos laufen, oder dass es einfach zu früh in der Entwicklung Ihres Manuskripts für ein richtiges Feedback ist, werden Sie wahrscheinlich noch nicht davon profitieren.

Letztendlich kennt niemand Ihren Arbeitsprozess besser als Sie, daher liegt es an Ihnen zu entscheiden, ob Feedback hilfreich, behindernd oder einfach nur überflüssig ist.

 

 

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