Sonja Harter: Weißblende. Roman

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Ein Buch von braunen Vaginas, Fahrten ins Blaue, pinken Pillen, weißen Wänden, Alice und Lolita. Interessante Bilder, überwiegend gelungener Sprachgebrauch. Aber bitte, was will uns die Autorin damit sagen?

weissblende_coverOffizieller Verlagstext/Klappentext:

„Ich lege dir alles zu Füßen, Mädchen,

bücken musst du dich selbst.“

Matilda hat sich ihr Leben eingerichtet, ist eine gute Schülerin, ein wenig Außenseiterin, dafür aber Liebling der Lehrer. Sie lebt mit ihrem Vater in einem engen Tal mit wenigen Fluchtmöglichkeiten, in dem sich nicht nur am Rande der Bergstraßen die Abgründe auftun.

Ihre Mutter, erzählt man ihr, sei bei ihrer Geburt gestorben. Ihre Großmutter, sagt man ihr, dämmere in einem Heim dahin. Und dann tritt noch Alain Bonmot in Matildas Leben. Mit ihm begibt sie sich auf eine Reise in die Ebene.

Doch die harmlose Fahrt ins Blaue gerät schnell zu einem Road Trip voller Irrungen und Wirrungen.


Buchkritik:

Das ist wieder einmal ein Buch, bei dem ich nicht so genau weiß, was ich dazu schreiben soll. Eine Lyrikerin hat einen Roman geschrieben. Und deswegen ist die Gewichtung der Aspekte, die zur Beurteilung eines Romans herangezogen werden, hier auch eine etwas andere als es normalerweise der Fall ist. Die Sprache rückt in den Vordergrund, der Inhalt und die Dramaturgie treten – beinahe notgedrungen – etwas zurück. Das muss nicht unbedingt so sein, und es ist wahrscheinlich auch nicht das, was von der Autorin so gewollt gewesen ist, als sie diesen Roman schrieb.

Man schreibt einen Roman, um in erster Linie eine Geschichte zu erzählen. Die Sprache wird also Mittel zum Zweck, während in der Lyrik es durchaus schön und legitim ist, wenn Sprache zum Selbstzweck wird, die Form sozusagen zum eigentlichen Inhalt. Im Roman aber sollte die Sprache dazu dienen, die Geschichte und die Welt, in der sie spielt, bestmöglich zu gestalten und Atmosphäre zu erzeugen. Wenn dies auf hohem künstlerischen Sprachniveau geschieht, ist das trefflich. Wenn der Sprachgebrauch im Roman aber die Geschichte überlagert und durch allzu starke sprachliche Verdichtungen beim Leser sogar zu Unklarheiten hinsichtlich von Figurenmotivationen und Charakterzeichnungen führt, ist das zumindest hinterfragenswert.

Es ist nicht so, dass in Sonja Harters Debüt keine Geschichte erzählt würde. Nein, so ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Es ist gewissermaßen eine Coming-of-Age-Geschichte, bei der die Protagonistin die Kontrolle verliert bei einem von ihr durchaus gewollten Verführungsspiel.

Der Ort in den Bergen

Das Ganze beginnt ein wenig wie ein Thriller á la „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Es wird die bedrückende Atmosphäre dieses kleinen Ortes in den österreichischen Bergen beschrieben und davon berichtet, dass Kindesentführung und Kindesmissbrauch hier eine nicht unwahrscheinliche Gefahr darstellen. Im Roman heißt es zum Beispiel:

„Alles Fremde ist gefährlich, hier, in diesem Spalt zwischen den Bergen, der einst, ich kann nicht nachvollziehen, warum, besiedelt wurde. Der ewige Schatten macht die Gemüter trübe, für einen Missbrauch braucht man sich hier nicht erst im Netz zu verfangen.“

Und an anderer Stelle:

„Hier werden die Hände unweigerlich braun: auf den Straßen, auf den steilen Feldern, in den Ställen, in den Vaginas der minderjährigen Töchter.“

Warum braun? Ist das im Sinne von „schmutzig“ gemeint? Aber das kann in Bezug auf die Vaginas dann doch wohl nur im moralischen Sinne gemeint sein?! Man sieht mich etwas irritiert. Ein wirkungsvoller Satz, zweifelsohne; aber wirklich in sich stimmig finde ich das Bild nicht.

Und es wird berichtet von der verschwundenen Schülerin, die tagelang vom Schulwart im Keller gefangen gehalten, gefoltert und sexuell missbraucht worden ist. Und Autos mit fremden Kennzeichen fahren durch die Dorfstraßen, und die Fahrer der Autos sprechen Kinder an. Das alles wirkt bedrohlich und bedrückend.

Matilda´s Story

Und dann ist da das vierzehnjährige Mädchen Matilda, das alleine mit ihrem Vater lebt, der nur das Nötigste mit ihr spricht.

Sie trägt anfänglich durchaus lolitahafte Züge und probiert interessiert ein wenig mit ihrer sexuellen Wirkung auf das andere Geschlecht, hier insbesondere ältere Exemplare, herum. Das ist sicher innerhalb eines gewissen Rahmens auch ganz normales weibliches Pubertätsverhalten. Aber irgendwie entgleitet es ihr dann, als sie in Jungmädchenmanier in Verliebtheit verfällt zu dem nicht mehr ganz so frischen Franzosen Bonmot, der als Untermieter ihres Vaters in ihr Leben tritt. Dieser ist einem näheren Kennenlernen des Mädchens nicht abgeneigt. Matilda geht schließlich mit ihm auf Reisen, flüchtet aus dem engen Bergtal ihres Heimatortes in die weite Welt und – wird von ihm prostituiert. Was dann kommt, ist eben jener „Road Trip voller Irrungen und Wirrungen“, wie es der Klappentext beschreibt. Eigentlich ist es fortgesetzter Kindesmissbrauch und Kinderprostitution.

Sie glaubt weiter an Liebe zwischen ihnen, während sie für ihn mit anderen älteren Männern schläft. Bis sie erfährt, dass Bonmot ihren Vater dafür bezahlt hat, sie auf Reisen mitnehmen zu dürfen. Da bekommen ihre Gefühle zum mondänen Franzosen einen Dämpfer. Der bietet ihr nun die Möglichkeit, sich selbst wieder auszulösen, indem sie die Summe des bezahlten Geldes wieder „einspielt“. Danach liefert er sie schließlich wieder zuhause ab, wo sie ihren Vater mitsamt einer neuen Freundin vorfindet. Darüber werden seitens aller Beteiligter nicht viele Worte verloren, stattdessen wird der Dachboden für Matilda ausgebaut. Und dort kann sie nun Männer empfangen, die sie im Internet kennenlernt. Darunter zum Beispiel auch ihren Deutschlehrer. Ja, so ist das, die Welt in den österreichischen Bergen ist klein, und Deutschlehrer sind dort so doof, dass sie zu Prostituierten im eigenen Dorf gehen. Aber was interessiert uns der Deutschlehrer? Viel wichtiger ist die Frage: Warum macht Matilda das? Warum lädt sie sich, nachdem sie über eine lange Strecke hinweg sexuell missbraucht worden ist, jetzt ältere Männer freiwillig zu sich ein, um sich weiter zu prostituieren? Weil sie jetzt die Rollen umdreht, indem sie bestimmt, was gespielt wird? Lässt sich dadurch ein Trauma aufarbeiten? Oder ist es eine Form von Selbstbestrafung, weil sie sich womöglich unbewusst die Schuld für ihren Missbrauch gibt? Hierüber lässt sich lediglich spekulieren. Jedenfalls, jetzt macht sie es extra.

Die psychologische Seite

Dass Matilda sich in einem Zustand der „Irrungen und Wirrungen“ befindet und deshalb sozusagen zum willfährigen Opfer wird, lässt sich psychologisch vermutlich nachvollziehen. Es ist der Wunsch nach Flucht aus der tristen Einöde ihres Heimatortes, es sind erwachende erotische Begehrlichkeiten und ein sich Hingezogenfühlen zu älteren Männern aufgrund der emotionalen Unerreichbarkeit ihres Vaters. Es ist die Zeit ihres Lebens abwesende Mutter, die eine Vorbildfunktion hinsichtlich des weiblichen Rollenbildes oder auch eine Ansprechpartnerin in Dingen weiblichen Erwachsenwerdens und Sexualität hätte sein können; all das hat in Kombination bei Matilda dazu geführt, dass sie in diese Situation gerät, in der ihr jegliche Kontrolle abhandenkommt und sie sich schließlich nach einer Geschichte fortgesetzten und vielfachen Missbrauchtwerdens auf dem nunmehr ausgebauten Dachboden im Hause ihres Vaters wiederfindet und fortan freiwillig prostituiert. Vielleicht ist selbst diese ´Umkehrung´ psychologisch nachvollziehbar.

Die Sache mit der Mutter

Aber diese Geschichte ist noch nicht alles. Es gibt nämlich noch Familiengeheimnisse. Jahrelang hatte Matildas Vater ihr erzählt, ihre Mutter sei bei ihrer Geburt gestorben und ihre Großmutter vegetiere in einem Seniorenheim vor sich hin. Aber das stimmte gar nicht. Der oben erwähnte Franzose Alain Bonmot ermöglicht es Matilda noch zu Zeiten seines Untermieterdaseins und während ihrer ´Anbahnungsphase´, mit seinem Auto in den nächsten Ort zu fahren, in dem das Seniorenheim der Großmutter steht. Warum er das macht, weiß man nicht. Ist er vielleicht im Grunde doch ein Guter? Aber warum hat er sie nachher dann missbraucht und zur Prostitution genötigt? Ein bisschen rätselhaft ist das Ganze schon. War das Teil eines perfiden Plans des Französischen, um Matildas Vertrauen und Herz zu gewinnen? Jedenfalls, es stellt sich heraus: die Großmutter ist nicht senil oder dement, sondern pfiffig, und führt alle an der Nase herum, indem sie vorgibt, senil und dement zu sein. Außerdem ist sie im Besitz von Briefen von Matildas Mutter, die sie ihrer Enkelin übergibt. Und jetzt wird den Leserinnen und Lesern klar, zu wem die zweite Erzählstimme gehört, die (typographisch deutlich unterscheidbar im Roman) von Mal zu Mal von ihrer ganz eigenen, versponnenen Warte aus berichtet. Nämlich aus der Psychiatrie. Es ist Matildas Mutter, die nicht bei ihrer Geburt gestorben ist, sondern in die Nervenheilanstalt kam. Und dort hat sie dann Selbstmord begangen. Man könnte jetzt unsensibel sagen: tot ist tot, und in Matildas Leben vorhanden war die Mutter so oder so nicht. Aber Selbstmord ist natürlich immer krass. Doch: Wozu braucht es die suizidale Mutter, um die Geschichte von Matilda zu erzählen?

Matildas Leben dürfte jedenfalls nachhaltig verkorkst sein. Da ist es dann nur folgerichtig, dass am Ende des Romans Matilda, wie einst ihre Mutter, ebenfalls in der Psychiatrie gelandet ist.

Mein Problem

Offen gestanden: Ich verstehe die Figur der Matilda nicht so recht. Was mir mein Verständnis erschwert, ist weniger das, was erzählt wird, als wie es erzählt wird. Wenn ich auch die psychologischen Motivationen der Protagonistin möglicherweise nachvollziehen kann, so wird dieses Nachvollziehen durch die Darstellung wieder verwässert bzw. in Frage gestellt. Ich finde die Sprache der Autorin alles in allem schön. Aber ist das die Sprache einer Vierzehnjährigen, die in einem Zustand der „Irrungen und Wirrungen“ die Geschehnisse aus ihrer Perspektive schildert? Kaum vorstellbar.

„Lolita ist ein Star, ein Kassenschlager, jeder, der sich traut, will sie sehen. Bonmot sucht nur die besten aus, flüstert er mir ins Ohr. Als er die Antworten geschrieben, die ersten Plätze verteilt hat, machen wir einen Spaziergang. Mein Körper ist viel zu leicht für die Tageszeit und mein Kopf knallt gegen jedes Hindernis, das sich mir in den Weg stellt. Ich falle vornüber, ohne bemerkt zu werden. Ich denke an die Zentripetalkraft dieser Reise und kann die Variablen nicht benennen.“

Und später, nachdem der Dachboden ausgebaut worden ist, heißt es:

„Ohne zu zögern gleite ich in bekannte Muster, wohlgeformte Textkörper, die – einmal freigeschaltet – im Netz kursieren und dir die Männer anspülen wie Quallen an hochfrequentierten Badestränden. Weil er es nicht tut, Bonmot, halte ich das Geschäft am Laufen, die Sehnsucht nach einem Wimpernschlag Aufmerksamkeit, einem Moment alles in den Schatten stellender Macht, kindlicher Neugierde. Wie hoch man den Preis schrauben kann, wie lange die Männer hinhalten, alles eine Frage der Arithmetik.“

So berichtet uns Matilda von ihren inneren Irrungen und Wirrungen. Und ich als Leser weiß einfach nicht mehr: ist sie nun Opfer oder nicht, ist sie Lolita oder Anti-Lolita? Und ist diese Ungewissheit über diese Figur das, was mir vermittelt werden sollte? Geht es so in vierzehnjährigen Mädchen zu, die alleine mit ihrem Vater nach dem Selbstmord der Mutter in einem kleinen öden Ort in den österreichischen Bergen leben? Oder sind das Impulse, die in beinahe jedem heranwachsenden Mädchen auf dem Weg zur sexuellen Reife latent vorhanden sind, aber nicht zur Entfaltung kommen? Ich weiß wirklich nicht, was mir hier erzählt wird.

Fazit

Es ist Vieles darin, was das Buch thematisch relevant erscheinen lässt und somit potentiell auch Tür und Tor öffnen könnte zu mancher guter Buchkritik und zu manchem netten Literaturpreis. Denn das ist doch schon einiges, was hier an thematisch Relevantem geboten wird: Frühreife, Kindesmissbrauch (in Kombination mit Entführung, Folter, Prostitution), Kindesvernachlässigung, Selbstmord, Psychiatrie.

Aber mir persönlich ist einfach nicht klar geworden, was dieses Buch jetzt von mir will. Man verstehe mich nicht falsch. Ich bin niemand, der einfache und eindeutige Aussagen oder gar Botschaften geliefert bekommen möchte. Ganz und gar nicht. Ich mag Ambivalenzen, Leerstellen und eine gewisse Kryptik. Aber in diesem Fall stellt sich bei mir noch nicht einmal eine tendenzielle Ahnung ein, die in irgendeine Richtung weisen würde. Ich kann mit der Figur Matilda nicht besonders viel anfangen, und durch die zusätzliche – und meines Erachtens unnötige – zweite Erzählstimme aus der Psychiatrie wirkt das Buch zudem überkonstruiert.

Man könnte alles in allem sagen: das Buch erreicht mich nicht. Auch wenn mir die Sprache der Autorin grundsätzlich gut gefällt.


Das Buch:

Sonja Harter: Weißblende. Wien 2016 (Luftschacht Verlag)


Die Autorin:

Mehr von und zu Sonja Harter gibt es auf ihrer WordPress-Seite.

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