4 beliebte Missverständnisse über das Erzähltempo

In diesem Artikel geht es um das Erzähltempo einer Geschichte. Das Erzähltempo ist ein wesentlicher Aspekt des Geschichtenerzählens, und trotzdem wird nur selten darüber gesprochen. Es scheint so, als gäbe es damit keine Probleme. Ich habe allerdings die Vermutung, dass diesem Aspekt seitens vieler Autorinnen und Autoren zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird – sei es, weil sie glauben, den Umgang mit dem Tempo bereits zu beherrschen, sei es, weil sie sich der Wichtigkeit dieses Aspekts eventuell nicht bewusst sind. Jedenfalls ist das sogenannte ›Story Pacing‹ eine grundlegende Fähigkeit, und es lassen sich diesbezüglich sicher  noch viele Dinge lernen, um das eigene Storytelling zu verbessern. In diesem Artikel werde ich die vier häufigsten Missverständnisse, Halbwahrheiten oder Fehlannahmen behandeln, die mir bisher seitens Autorinnen und Autoren bzgl. des Erzähltempos begegnet sind. Ich möchte aufzeigen, warum diese Annahmen nicht zutreffend sind und zugleich alternative Sichtweisen geben, die m. E. nützlicher sind.

Missverständnis 1

›Erzähltempo‹ ist die Geschwindigkeit, mit der Dinge in einer Geschichte passieren.

Dieses Missverständnis ist ziemlich nah an der Wahrheit, aber trifft trotzdem nicht ins Schwarze.

Korrektur:

Tempo ist die Geschwindigkeit, mit der der Leser Dinge in einer Geschichte wahrnimmt.

Was ist der Unterschied? Geschwindigkeit ist objektiv, aber die Wahrnehmung der Geschwindigkeit durch den Leser ist es nicht. Und wie der Leser die Zeit wahrnimmt, wird im Wesentlichen von der Darstellung der Ereignisse durch den Autor bestimmt. Als Autor kann man einen flüchtigen Moment über eine Vielzahl von Seiten ausbreiten oder – umgekehrt – ein ganzes Jahr im Handumdrehen verstreichen lassen. Ganz gleich, ob es sich um eine einzelne Szene oder um die Handlung als Ganzes handelt, das Erzähltempo ist die Geschwindigkeit, in der die LeserInnen das Voranschreiten der Ereignisse wahrnehmen.

Missverständnis 2

Tempo passiert einfach.

Zu verschiedenen Szenen passen unterschiedliche Geschwindigkeiten. Kampfszenen sollten schnell und nach vorne drängend sein, Spaziergänge auf dem Land sollten langsam und entspannt sein.

Das passende Tempo für ein Ereignis ist etwas, das wir intuitiv verstehen, also sollte es genauso intuitiv zu schreiben sein, nicht wahr? – So kommt es zu der Annahme, dass sich das richtige Erzähltempo sozusagen ›automatisch‹ einstellt. Das stimmt aber leider nicht. Diese Fehlannahme resultiert wohl aus der Tatsache, dass man keine Szene schreiben kann, ohne (irgend)eine Geschwindigkeit zu wählen. Das Problem dabei ist, nicht nur irgendein Tempo zu wählen, sondern das, was für die Szene richtig ist.

Korrektur:

Tempo passiert einfach, wenn man sich darüber keine Gedanken macht. Aber das richtige Tempo muss bewusst gewählt werden.

Diese Wahrheit ist unbequem, weil das bedeuten kann, eine Szene mehrmals neu schreiben zu müssen, um das Tempo zu finden, das am besten zu ihr passt. Aber so ist das nun einmal. Manchmal braucht es mehrere Entwürfe, um das richtige Tempo zu finden.

Stellen Sie sich vor, Sie schreiben eine Passage über einen Angelwettbewerb. Schreiben Sie in einem langsamen Tempo, um in aller Ausführlichkeit die Fähigkeiten der Teilnehmenden und die Komplexität ihrer angewandten Techniken hervorzuheben, oder schreiben Sie die Szene schnell, um den Wettkampf in den Mittelpunkt zu rücken? Wie wäre es, langsam zu beginnen und dann zu beschleunigen, um der Szene ein Crescendo zu geben? Wie wäre es, schnell zu beginnen und dann langsamer zu werden, um Spannung aufzubauen? – Manchmal ist die einzige Möglichkeit zu sehen, was am besten funktioniert, wenn man verschiedene Versionen vor sich hat. Es kann sein, dass es eine Menge Überlegung und Arbeit braucht, um das richtige Tempo für eine Szene zu finden.

Missverständnis 3

Länge = Geschwindigkeit

Die allgemeine Regel lautet, dass die Länge der Sätze, die zur Beschreibung eines Ereignisses verwendet werden, die Geschwindigkeit mitteilt, mit der es geschieht. Kurze, prägnante Sätze bedeuten, dass Dinge schnell geschehen, während lange beschreibende Sätze für langsamere Momente genutzt werden. Das ist nicht ganz verkehrt, aber es lässt sich präziser ausdrücken.

Korrektur:

Länge = Dringlichkeit

Wenn ein Autor, von dem man sonst überwiegend lange Sätze gewöhnt ist, plötzlich dazu übergeht, kurze Sätze zu schreiben, ist die Veränderung sehr auffällig. Mit einem Mal wird auf eine ausführlichere Darstellung von Details verzichtet. Dieser Verzicht lädt den Leser dazu ein, sich zu fragen, warum die Geschichte plötzlich keine Zeit für Details mehr hat. Anhand von Hinweisen aus der Handlung gelangt er unbewusst zu der Schlussfolgerung, dass Details aufgrund von Dringlichkeit aufgegeben wurden.
Wenn das Ausschmückende merklich entfernt wurde, dann ist das, was übrigbleibt, implizit essentiell. Kurze Sätze sind dringend und wichtig, weil das Überspringen von Dingen, die der Leser nicht wissen muss, den Anschein erweckt, dass jedes Detail, das die Kürzungen übersteht, etwas ist, was der Leser jetzt wissen muss.

Staccato-Schreiben kann Dringlichkeit ausdrücken, aber nur wenn es selektiv verwendet wird.

Missverständnis 4

Der Verlauf einer Geschichte ist wie ein Berg.

Dieses Missverständnis gilt sowohl für das Schreiben als auch für das Plotten und legt nahe, dass jede Szene die nächste übertreffen sollte: Der Leser sollte immer weiter nach oben zum Gipfel der Geschichte emporsteigen. Warum sollte ein Leser auch eine flachere Passage lesen wollen als die, die er gerade beendet hat?

Korrektur:

Geschichten sind wie Gebirgsketten.

Irgendwann möchte sich der Leser auch einmal ausruhen. »Geschichten sind ein Berg« ist eine vereinfachte Idee. Natürlich sollte die Geschichte nicht immer flacher und dumpfer werden, aber es sollte auch nicht ununterbrochen ein Moment der Spannung nach dem anderen folgen. Eine Dauerklimax ist nur schwer auszuhalten. Daher bestehen Geschichten in der Regel aus einer aufeinanderfolgenden Reihe von ›Bergen‹, in der durchaus der jeweils nachfolgende Berg seinen Vorgänger in der Höhe übertreffen kann, so dass insgesamt betrachtet der Weg der Geschichte einem stetigen Anstieg gleicht – jedoch unterbrochen von Ruhephasen auf Plateaus.

Dies gilt übrigens auch für die Geschwindigkeit Ihres Schreibens. Kampfszenen haben nur deshalb drängenden Charakter, weil die Satzstruktur, in der sie geschrieben sind, sich vom Rest des Buches unterscheidet. Wenn Sie die ganze Zeit über in Ihrem Roman kurze Staccato-Sätze verwenden, dann wird kein Teil davon besonders dringlich. Dringlichkeit und Ruhe sind Eindrücke im Kopf der Leserinnen und Leser, die durch Kontrast entstehen. Der Wechsel von einer hochverdichteten, spannungsgeladenen Szene zu einer, die träge und mäandernd ist, unterstreicht die Stimmung von beiden.

Das Tempo zu verändern ist wichtig, wenn Sie eine Geschichte schreiben. Es funktioniert aber nur, wenn Sie bereits beim Plotten die Wirkung der aufeinanderfolgenden Szenen variieren.

Erzähltempo im Plotting

Verschiedene Erzählgeschwindigkeiten für unterschiedliche Passagen unterstützen die Wirkung der einzelnen Passagen, und weniger aufregende Abschnitte lassen die bedeutenden Momente der Gesamterzählung umso deutlicher hervortreten.

Damit große Ereignisse ihre Wirkung voll entfalten können, muss danach ein Plateau folgen. Den Leser ununterbrochen mitzureißen, mag attraktiv erscheinen, aber es würde zugleich bedeuten, dass ein Ereignis einzig in dem Moment Relevanz besitzt, in dem es geschieht, denn darauf geschieht bereits das nächste, ebenso dringliche Ereignis, so dass keine Möglichkeit zur Reflektion bleibt. So funktioniert das Drama nicht, und so funktioniert das Leben nicht (jedenfalls nicht durchgehend). Wie im Leben, so ist auch im Drama das, was daraus folgt, viel wichtiger als das Ereignis selbst.

Auch wenn es grundsätzlich eine Steigerung hinsichtlich der Relevanz der Ereignisse in der Geschichte geben sollte, sollte man nicht davor zurückschrecken, das Tempo zu verringern, wenn es einem Zweck dient. Denn folgt ein wichtiges Ereignis nach dem nächsten, lässt das nicht nur wenig Zeit zur Reflektion, sondern auch für ausschmückende Charakterisierungen. Und auch diese sind wichtig für die Stimmung einer Geschichte.

Das richtige Erzähltempo für Ihre Geschichte

Es mag leicht erscheinen, das richtige Tempo für die jeweilige Geschichte zu bestimmen. Leider ist das Gegenteil der Fall, und der beste Weg, das Tempo Ihrer Geschichte zu bestimmen, ist das Experimentieren.

Es gibt keine feste Struktur, um eine Geschichte zu erzählen, weil jede Geschichte anders ist. Es gibt höchstens Blaupausen, die zur Orientierung dienen können. Wie sich Ihre Handlung entwickelt, hängt ganz davon ab, was Sie zu erzählen haben und wie Sie Ihre Leserinnen und Leser fühlen lassen möchten. Es verlangt nach Arbeit und Experimenten, um die beste Form für eine Geschichte zu finden, und Ihr Instinkt als Schriftstellerin bzw. Schriftsteller wird immer bessere Ergebnisse hervorbringen, als blind eine Formel anzuwenden, die keine der Dinge berücksichtigt, die Ihre Geschichte besonders machen. Geschichten streng nach allgemeinen Regeln zu strukturieren, kann Sicherheit beim Schreiben geben und die Basis für eine ordentliche Geschichte sein, aber es ist nicht das, was dazu angetan ist, Leserinnen und Leser zu beeindrucken. Es ist nicht der in jedem Fall beste Weg, eine Geschichte  zu strukturieren, nur der einfachste. Möchte man ein wirklich eigenständiges Werk schreiben, das sich von der großen Masse abhebt, muss man eigene Wege ausprobieren. Das gilt für die Geschichte und ihre Erzählform im Allgemeinen, wie auch für das Erzähltempo im Speziellen.

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