Sich fügen in Zeiten der Covid-19 Pandemie. Ein Gastbeitrag von Peter Biro

Muss ich denn noch betonen, dass ich mich buchstabengetreu an die amtlichen Vorschriften halte? Natürlich nicht, denn alle, die mich kennen, wissen, dass ich kein Rebell, sondern ein folgsamer, disziplinierter und obrigkeitshöriger Staatsbürger bin. Nun hat die Landesregierung dekretiert, dass alle Bürger zuhause bleiben sollen, vornehmlich im Wohnzimmer. Oder auf der Veranda. Ausserhalb der eigenen Wohnung hingegen sollten sie sich nicht unnötig bewegen, ausser vielleicht um lebensnotwendige Artikel einzukaufen oder die neuartigen Laufschuhe mit der pneumatischen Federung zu testen. Als hauptberuflicher Taubenzüchter und Kleinunternehmer in der Vogeldung-Produktion bin ich natürlich nicht darauf angewiesen, in freier Wildbahn zur Arbeit zu gehen. Ich kann mein Tagewerk auf dem Dach unseres Wohnhauses erledigen, und von einer Ausdehnung des Verbots in diesen Bereich ist glücklicherweise noch keine Rede. Es sei denn, es rollt auch noch eine Vogelgrippe auf uns zu.

Wenn ich also nicht im Wohnzimmer auf der Couch sitze, im Fernsehen die neuesten Erkrankungszahlen verfolge und mich zufrieden mampfend an meinen gehamsterten Vorräten von Salzstangen und Hefeweizen delektiere, dann gehe ich rauf zum Columbarium und ermuntere meine flatterhaften Schützlinge, in die Welt hinauszufliegen. Dies gewissermassen stellvertretend für mich, der auf absehbare Zeit das Haus nicht mehr verlassen darf. Der Susi habe ich auch eine kleine GoPro um den Hals geschnallt, um wenigstens von oben einige Einsichten über den Zustand der Welt zu erhaschen. Susis Luftaufnahmen kann ich zeitnah auf meinem Handy betrachten, und sie sind fast ausnahmslos gut gelungen. Ausser wenn sie am Ziel ankommt und sich stundenlang von Ihren Verehren vom Kirchturm besteigen lässt; dann sind sie völlig verwackelt.

Nachdem ich meine Lieblinge, allen voran Resli, Justus, Bibi, Johann-Nepomuk und natürlich die liebestolle Susi, mit ihren Vitaminkörnern verköstigt, die GoPro in die Ladestation gesteckt und die frische Dungproduktion des Vortags aufgeschichtet habe, gehe ich wieder ins Wohnzimmer, lege genügend Salzstangen und Hefeweizen zurecht, nehme die Fernbedienung in die Hand und beginne mit meiner täglichen Routine. Viel anders als sonst ist es auch nicht, ausser, dass ich nur noch einmal in zwei Wochen zum Einkaufen rausgehe, anstatt wie bisher wöchentlich. Aber ich weiss, viele Mitbürger sind nicht in dieser glücklichen Lage, haben keine heimische Beschäftigungsmöglichkeit und vor allem: sie sammeln keinen Vogeldung. Das ist bitter. Diesen armen Mitmenschen kann ich nur raten: legt euch eine möglichst zeitverschwenderische Beschäftigung zu, der ihr zuhause nachgehen könnt, sei es im Wohnzimmer, auf dem Balkon oder auf dem Dach. Egal was.

Es gibt so viele schöne Hobbies, denen man mit wenig Aufwand und Kosten nachgehen kann. Ein Fernglas kostet nicht die Welt und man kann damit sehr einfach durch die Badezimmerfenster der Nachbarhäuser spähen, was nie langweilig wird und einen erheblichen Unterhaltungswert besitzt. Man kann auch aus alten Zeitungen und Frauenmagazinen die Grossbuchstaben herausschnippeln und sie zu netten kleinen, anonymen Drohbrieftexten arrangieren, die man den unbotmässig draussen rumspazierenden Nachbarn in den Briefkasten werfen kann – so geschehen jüngst mit diesem impertinenten Willi vom 2. Stock, der sein neues, ziegelrotes Cabrio demonstrativ unter mein Fenster abstellt, um mir zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Und dass er es sein wird, der die kleine Hannelore vom Erdgeschoss noch rumkriegen wird – und nicht ich, der zwar jede Menge Einfühlungsvermögen in die Frauenseele hat, aber nicht mal ein Elektrofahrrad sein eigen nennt. Blöder Angeber, der Willi!

Schauen Sie, es gibt noch so viele Möglichkeiten, die Zeit zuhause totzuschlagen. Zum Beispiel Kleidermotten ebenfalls totschlagen. Man braucht dafür keine kostspieligen Jagdutensilien, eine langstielige Bratpfanne tut’s auch oder sogar ein Pantoffel, wobei man den anderen während der Hatz auch noch weitertragen kann. Da es recht viele von diesen Viechern gibt, kann man sich damit tagelang beschäftigen, und wenn man die erlegten Trophäen auf dem Fenstersims nach Art, Geschlecht und Grösse sortiert und fein säuberlich ausgelegt hat, kommen weitere Tage köstlichen Amüsements beim Betrachten der Jagdstrecke hinzu.

Introvertierten Stubenhockern, denen Gewaltanwendung abhold ist, empfehle ich stattdessen das Zählen von Spiralnudeln aus bereits aufgerissenen Packungen oder – im Falle längerer Isolationsperioden – es besser mit Reiskörnern zu versuchen. Mit der ermittelten Zahl kann man viele interessante mathematische Übungen machen, wie die Wurzel daraus ziehen, oder die Gesamtzahl mit Pi malnehmen und das Endergebnis mit Streichhölzern auf dem Teppich auslegen. Und wenn das vollbracht ist, dann kann man das Ergebnis stundenlang genüsslich betrachten. Das ist eine Gaudi!

Wem die Zahlenakrobatik keine Freude macht und auch keine andere, kleinformatige Massenware mehr zum Zählappell vorgeladen werden kann, dem empfehle ich das konstruktive Herausziehen von Wollfäden aus der Häkeldecke oder aus dem zu eng gewordenen Winterpulli. Aus dem so gewonnenen Material kann man wiederum Eierwärmer stricken. Alleinstehende Personen können auch mal via Video-Messaging einen Fernkurs der Landesakademie für Sinnesreizung und fortgeschrittene Masturbationstechniken belegen, um interessante Anregungen für einen befriedigenden und kostengünstigen Zeitvertreib in den eigenen vier Wänden einzuholen. Vom Badezimmer aus geht das übrigens auch, sofern man dort ebenfalls waifai-Empfang hat. Man kann nie wissen, wann man in solchen Krisenzeiten wieder einen willigen Spielpartner für Entspannungsübungen finden wird.

Alles in allem ist der amtlich verordnete «Lock down» gar nicht so schlimm, wenn man mit sich selber etwas anzufangen weiss. Man muss nur wissen, wo man sinnvoll Hand anlegen kann. Ich möchte sogar einen Schritt weitergehen und behaupte mal so, dass diese Isolationsperiode auch ihre Annehmlichkeiten und Vorteile hat. Ich jedenfalls mache regen Gebrauch von den Möglichkeiten, die mir diese Situation bietet, und schlage sogar einen gewissen ökonomischen Nutzen daraus. Gerne versende ich auf Anfrage frischen Vogeldung in handlichen Halbkilopackungen, und gegen ein angemessenes Honorar auch Farbaufnahmen, die wir beide, Susi mit der GoPro und ich mit meinem Fernglas, gemacht haben; nähere Informationen und die Preisliste finden Sie auf www.taubenshit-und-geile-bilder.com


Zum Autor

(c) Peter Biro

Peter Biro, Jahrgang 1956, ist Professor für Anästhesiologie, Kulturkenner und weitgereister Weltbürger. Der Narkosearzt und Dozent am Zürcher Universitätsspital blickt auf ein breites Spektrum medizinischer Fachbeiträge, schreibt Glossen für ein Online-Magazin und spricht fünf Sprachen fließend – wenn er einmal zu Wort kommt. Im Job hat er überwiegend nichtkommunikative Bewusstlose um sich. Deshalb kompensiert er nach Feierabend das große Schweigen mit dem Verfassen unterhaltsamer Parodien und anderer kurzer Textformen.

 

Bisherige belletristische Publikationen

Peter Biro: Von einem, der auszog, ein Buch zu schreiben. Interview auf www.Alliteratus.com 2019. http://www.alliteratus.com/pdf/aut_peter.biro.pdf

Peter Biro: Lüge und Wahrheit in Zeiten des Online-Datings. Oktober 2019 «Virgins & Dragons», http://www.experimenta.de/pdf/2019/experimenta-10_19_Oktober_ES.pdf

Peter Biro: Die Liebe zu den drei Organen (Satire). Glarean-Magazin, https://glarean-magazin.ch  25.10.2019 https://glarean-magazin.ch/2019/10/25/peter-biro-die-liebe-zu-den-drei-organen-satire-humor-kurzprosa-literatur/

Peter Biro: Astrids Nahkampf – Ein Bericht aus erster Hand. Anthologie vom 5. Bubenreuther Literaturwettbewerb (Hrsg. Christoph-Maria Liegener), tredition 2019, S. 235-236, ISBN: 978-3-7497-7136-3

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