Wie man Spannung erzeugt

Der Grad der Spannung zeigt, wie engagiert die Leserinnen und Leser in die Lektüre involviert sind. Damit die Leser Worte lesen und sie im eigenen Inneren in diese dringende, nervenaufreibende Sorge um den weiteren Verlauf der Handlung übersetzen, bedarf es eines handwerklich guten Schreibens und eines echten emotionalen Engagements der Leserschaft. Spannende Szenen lassen den Leser Seite um Seite weiterblättern und gleichzeitig Angst davor haben, was wohl als nächstes geschehen wird. Spannung ist die unmittelbarste Form der Leserbindung und eine der eindringlichsten.

Aber wie erschafft man Spannung? Wie kann man Spannung in einer Geschichte erzeugen, in der es nicht um Leben und Tod geht? Geht das überhaupt? Und wichtiger als alles andere: Was ist Spannung eigentlich?

Spannung ist gespeicherte Energie

In der Physik beruht die Spannung auf gespeicherter Energie. Ein gespanntes Material erfährt eine konstante Kraft, und diese Kraft muss von irgendwoher kommen.

Gleiches gilt für eine spannungsgeladene Szene: Spannung entsteht nur durch den intensiven Einfluss einer äußeren Kraft. Etwas Geschriebenes kann in sich glücklich oder traurig sein, aber es kann nur spannend sein, wenn es sich auf etwas außerhalb der unmittelbaren Szene bezieht. Spannung ist keine Erfahrung des Moments, sondern eine partielle Erfahrung des Moments mit ständiger Konzentration der Aufmerksamkeit auf das, was als nächstes kommt. Die Spannung hängt von der Idee von Ereignissen ab, die über den Abschnitt hinausgehen, in dem sich der Leser tatsächlich angespannt fühlt. Die konstante Kraft, die die Ereignisse angespannt hält, ist das ständige Bewusstsein des Lesers dafür, was als nächstes kommen könnte.

Bei Spannung geht es nicht (nur) um das Ereignis

Eine populäre Theorie ist, dass Spannung durch die Angst vor einem Ereignis erzeugt wird. Zum Beispiel ist eine Szene, in der sich ein Detektiv durch ein Haus schleicht, voller Spannung, weil der Leser ständig weiß, dass er erwischt werden kann.

Das scheint eine vernünftige Theorie zu sein, bis man es sich etwas genauer ansieht. Dann erkennt man, dass diese Theorie etwas zu kurz greift, denn es geht nicht um das Ereignis selbst, sondern um dessen Konsequenzen.

Bei Spannung geht es um die vermutete emotionale Wirkung möglicher Folgen. Der Leser mag ein bestimmtes Ereignis fürchten, aber nur, weil er auf die Folgen dieses Ereignisses achtet und auf die emotionale Wirkung, die es haben wird. Spannung ist eine Erwartung, die sich auf mehr als einen Moment bezieht.

Imaginäre Konsequenzen

Spannung lässt sich auch erzeugen, ohne dass die Konsequenzen eines Ereignisses explizit benannt werden. Die Protagonisten werden beispielsweise nie vom Tod bedroht, sondern ›nur‹ mit einem eskalierenden Gefühl des Unheimlichen. Man sollte als Autorin oder Autor aber deutlich machen, dass sich eine Form von ›abstrakten Konsequenzen‹ nähert, so dass die Leserinnen und Leser ihr eigenes Worst-Case-Szenario erfinden können.

Hier sehen wir Spannung auf ihrer grundlegendsten Ebene. Der Leser muss nicht einmal wissen, welche Folgen ein Ereignis haben wird, noch nicht einmal, welches Ereignis sie verursachen wird, er muss nur davon überzeugt sein, dass das alles etwas ist, das man fürchten sollte.

Spannung wird durch Charaktere verstärkt

Natürlich wirken die befürchteten Konsequenzen am stärksten zur Erzeugung von Spannung, wenn die Figuren, die unter den Konsequenzen zu leiden haben werden, uns wirklich berühren. Der Schlüssel zu verstärkter Spannung liegt nicht darin, die Schwere des Ereignisses zu erhöhen, sondern die Fürsorge und das Verständnis der Leserinnen und Leser für die beteiligten Figuren. Das alltäglichste Ereignis kann mehr Spannung hervorrufen als ein Kampf um Leben und Tod, wenn sich der Leser genügend um die beteiligten Charaktere kümmert.

Geteilte Spannung ist doppelte Spannung

Der Leser ist nicht der Einzige, der vorhersehbare Folgen befürchten kann. Es ist ein sozialer Impuls, dass die Angst zunimmt, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, die ihre Angst zum Ausdruck bringen. Und wenn ein Leser emotional an der Geschichte und den beteiligten Figuren Anteil nimmt, können fiktive Charaktere durchaus als Menschen gelten.

Charaktere zu haben, die sich angespannt oder verängstigt fühlen, erhöht die emotionale Erwartung des Lesers dahingehend, was passieren könnte, und kann sogar dazu verwendet werden, diese Erwartung zu steuern. Wenn sich die Angst des Charakters vor möglichen Konsequenzen mit der des Lesers vermischt, kann der Charakter anfangen, Befürchtungen zu äußern, die die Leserinnen und Leser von da an teilen.

Geteilte Spannung ist halbe Spannung

Manchmal kann es auch effektiver sein, die Figuren in der Ahnungslosigkeit zu belassen. Wenn der Leser der Einzige ist, der über die Konsequenzen nachdenkt, kann das dazu führen, dass die Prävention dieser Folgen sich wie eine Verantwortung für die Figur anfühlt. Natürlich gibt es nichts, was der Leser tun kann. Und genau dieses ›hilflose Zusehen‹ ist dann das, was die Spannung zusätzlich erhöht.

Welcher der beiden Ansätze hinsichtlich der ›geteilten Spannung‹ für Ihre Geschichte zutreffend ist, müssen Sie letztlich selbst entscheiden. Das fällt in den Bereich der schwierigen Entscheidungen, die der Autorin oder dem Autor leider von niemandem abgenommen werden können.

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Aufrechterhaltung der Spannung

Wie ich bereits sagte, tritt Spannung nur auf, wenn Druck ausgeübt wird. Man kann in Kapitel eins nicht einen herumschleichenden Mörder erwähnen und dann erwarten, dass der Leser bis zum Kapitel dreißig gespannt bleibt, wann und wo er wieder erscheint. Als Autorin und Autor müssen Sie den Leserinnen und Lesern das befürchtete Ereignis und dessen Konsequenzen wiederholt vor Augen führen bzw. eine Annäherung desselben andeuten, um die Spannung aufrechtzuerhalten oder – besser noch – zu erhöhen.

Auflösung der Spannung

Spannung ist gespeicherte Energie. Und diese Energie muss irgendwohin gehen, wenn sich die Spannung auflösen soll. Wenn man dem Leser kein geeignetes Ventil zur Verfügung stellt, die emotionale Anspannung, die er aufgebaut hat, zu entladen, wird dies in Irritation und ein Gefühl der Frustration umschlagen.

Die Spannung muss gelöst und nicht nur negiert werden. Sie kann dadurch aufgelöst werden, dass das gefürchtete Ereignis tatsächlich eintritt, wodurch sich die erwartete emotionale Reaktion in eine tatsächliche emotionale Reaktion verwandelt. Aber die Spannung kann ebenso dadurch aufgelöst werden, dass sich das Befürchtete abwehren oder vermeiden lässt.

Ein Moment der Erleichterung ist eine befriedigende Lösung für Spannungen, aber es ist nichts, was der Leser von sich aus spüren kann, ohne dass die Geschichte ihm deutlich macht, dass es nun keinen Grund zur Anspannung mehr gibt. Wenn der Leser seine Anspannung mit einem Charakter in der Geschichte teilt, kann er ebenfalls einen Moment der Erleichterung mit diesem teilen. Aber wenn der Leser der Einzige war, der wusste, dass eine Bedrohung naht, müssen Sie ihm seinen eigenen Moment der Erleichterung verschaffen. Dazu bedarf es gar nicht viel. In der Tat genügt in der Regel ein Satz, in dem deutlich gemacht wird, dass die Bedrohung überwunden ist. Was Sie als Autorin oder Autor aber keinesfalls tun sollten, ist, die Geschichte fortfahren zu lassen, als ob die Spannung überhaupt nicht existiert hätte.

Abschließend

Spannung ist ein großartiges erzählerisches Mittel, das den Intellekt und das Bewusstsein des Lesers nutzt, um seine emotionale Anteilnahme zu fördern. Je informierter ein Leser über die möglichen impliziten Konsequenzen eines befürchteten Ereignisses ist, desto größer wird in der Regel seine Spannung sein – vorausgesetzt, die Figuren der Geschichte erwecken sein emotionales Interesse. Dabei ist es noch nicht einmal in allen Fällen nötig, die befürchteten Konsequenzen zu konkretisieren. Nicht das ›Wie‹ ist ausschlaggebend, sondern das ›Das‹.

Welches ist das spannendste Buch, das Sie je gelesen haben? Und welches war das langweiligste?

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