Wie man keinen langweiligen Thriller schreibt

In anderen Genres kann man durch originelle Ideen und Weltentwürfe oder erstaunliche Charaktere glänzen, die die Leser die langweiligen Teile der Handlung übersehen lassen, aber ein Thriller-Leser ist entweder von der Spannung Ihrer Geschichte gefesselt oder nicht, und das ist alles. Wenn ein Thriller keine Spannung aufbaut, sondern langweilig ist, wird nichts darüber hinwegtäuschen können.

Es gibt viele Möglichkeiten, eine spannende Geschichte zu planen und zu schreiben, aber es gibt eine Technik, die jeder Thriller-Autor kennen sollte. Es ist eine grundlegende Plot-Entscheidung, die frühzeitig getroffen werden sollte, um sicherzustellen, dass Ihr Thriller auf solidem Grund gebaut ist.

Die DNA eines Thrillers

Was macht also einen tollen Thriller aus? Nun, in Roderick Thorp’s »Nothing Lasts Forever« (später in den Film »Die Hard« bzw. »Stirb langsam« übernommen), ist ein Polizist durch vermeintliche Terroristen in einem Wolkenkratzer gefangen. In »Jurassic Park« von Michael Crichton ist eine Gruppe von Wissenschaftlern während eines tropischen Sturms auf einer von Dinosauriern bewohnten Insel gefangen. In Dennis Lehane’s »Shutter Island« ist ein US-Marshal auf einer Insel gefangen, während er das Verschwinden einer kriminellen und psychisch kranken Frau untersucht.

Haben Sie das Muster erkannt? Ja, was Ihr Thriller dringend braucht, sind Dinosaurier, und zwar so viele wie möglich. Nein, obwohl ein paar Dinosaurier sicher den Nervenkitzel in jeder Geschichte erhöhen können, haben die angeführten Beispiele doch in erster Linie gemeinsam, dass die Protagonisten mehr oder weniger in der Falle hocken. Und auch wenn es verlockend sein mag – nicht in jede Geschichte passen Dinosaurier.

Nehmen Sie Ihren Protagonisten gefangen. Das ist das ›Geheimnis‹, das Thrillerautorinnen und -autoren wissen müssen: Die Geschichte wird besser, wenn Sie in irgendeiner Weise einen Weg finden, Ihren Protagonisten gefangen zu setzen.

Spannung und Dringlichkeit

Im vorangegangenen Beitrag »Wie man Spannung erzeugt« habe ich unter anderem erklärt, was Spannung im Roman eigentlich ist. Kurz gesagt: Die Sorge und Faszination des Lesers in Hinblick darauf, was das, was gerade passiert, für Folgen haben könnte. Das ist auch die Art und Weise, wie Kampfszenen funktionieren. Jeder ›Zug‹ existiert nur in Bezug auf ein Ziel. Es ist an sich nicht besonders interessant zu zeigen, dass eine Figur im Kampf geschlagen wird. Erst wenn dieser Schlag bedeutet, dass der Kampf verloren werden könnte, wird dadurch Spannung erzeugt. Thriller arbeiten nach einer ähnlichen Logik – Spannung entsteht, indem das Publikum jedes Ereignis abfragt, wie es sich auf ein Gesamtziel auswirken könnte.

Was einen Thriller von einem Mystery-Krimi unterscheidet, ist die Dringlichkeit dieses Ziels. Wenn Sie einen Mörder fangen müssen, weil das Ihr Job ist, dann halten Sie sich in den potentiell gemütlichen Grenzen eines Krimis auf. Wenn Sie den Mörder aber vor dem Morgen des nächsten Tages erwischen müssen, weil es Sie sonst Ihre Dienstmarke oder Ihre Frau oder Ihr eigenes Leben kosten wird, dann befinden Sie sich in einem Thriller.

Eine solche Situation führt dazu, dass sich die Leserinnen und Leser zusammen mit dem Protagonisten immer wieder fragen: »Ist das die Antwort?«, »Ist das die Lösung?« Im Laufe der Zeit wird diese Lösung immer wichtiger, denn es gibt eine tickende Uhr, und sie tickt bis zur Katastrophe.

Indem Sie Ihren Helden gefangen halten (und wir kommen gleich dazu, was das bedeutet), bringen Sie ihn auf den Weg zum unausweichlichen Finale. Gelegenheiten vergehen, jede temporäre Niederlage erhöht die Spannung, da es so aussieht, als ob der Protagonist mit seinen Bemühungen die Dinge nur verschlimmert. Die Situation spitzt sich zu, der Held muss den Weg bis zum bitteren Ende gehen, wie auch immer dieses aussehen wird. Das ist gut. So funktioniert ein Thriller.

Wie ein Thriller nicht funktioniert

Aber was passiert, wenn Ihr Held nicht auf diesem Weg ist? Was passiert, wenn der Protagonist nicht zum Handeln gezwungen ist und sich stattdessen dazu entscheidet, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, und einfach nach Hause geht? – Was dann passiert, ist, dass alle Spannung verlorengeht. Die vorbeiziehenden Möglichkeiten sind nicht mehr die einzige Lösung – es heißt nicht mehr: »das funktioniert, oder es ist alles verloren«; sondern: »das funktioniert, oder der Held geht nach Hause«. Es ist dann wie eine Kampfszene, in der der Held jederzeit ohne Folgen aufgeben kann. Es ist wie ›Sparring‹ und nicht wie der ›echte‹ Kampf. Wen kümmert es, was noch passiert?

Das klingt vielleicht völlig offensichtlich, aber das ist nicht der Fall. Viele Autorinnen und Autoren nutzen nicht die Gelegenheit, ihre Protagonisten gefangen zu setzen, und die Geschichten leiden darunter.

Eine der auffälligsten Änderungen zwischen Peter Benchleys zunächst relativ unbekannt gebliebenem Buch »Jaws« und Steven Spielbergs Mega-Hit-Film-Adaption (dt. »Der weiße Hai«) ist, dass die Protagonisten im Film über Nacht auf dem Wasser bleiben, anstatt nach Hause zu fahren und zu schlafen. Natürlich erzeugt es viel mehr Spannung, ständig von einer potenziellen Gefahr umgeben zu sein, als sich zu Hause auszuruhen; aber es bedurfte einer filmischen Adaption, um diese dramaturgische Optimierung herzustellen.

Sympathie und Glaubwürdigkeit

Abgesehen von der Spannung gibt es einen weiteren Grund, Ihren Protagonisten in die Falle zu locken – die Sympathie des Lesers. Es ist viel einfacher, mit einem Charakter mitzufiebern, der einmal eine gefährliche Entscheidung getroffen hat oder unverschuldet in eine ausweglos erscheinende Situation geraten ist, als mit einem, der sich immer wieder – anscheinend ohne Grund – in Gefahr begibt. Und es wird schwierig, den Leser immer wieder davon zu überzeugen, dass der Protagonist ein vernünftiger Mensch ist. Wie oft kann sich ein Held freiwillig und scheinbar unnötig in Gefahr begeben, bevor er die Sympathie des Lesers verliert oder bevor angesichts immer neuer Gefahren nur noch ein Gähnen bei den Leserinnen und Lesern aufkommt? – Wenn der Protagonist sich einmal angesichts einer gefährlichen Situation dazu entscheidet, zuerst einmal zurück auf das heimische Sofa zu gehen und ein wenig zu relaxen, dann werden die Leserinnen und Leser in jeder weiteren Gefahrensituation denken, dass er das ja wieder so machen könnte, anstatt der Bedrohung die Stirn zu bieten. Auch wenn es in der konkreten Szene vielleicht keine Option zu sein scheint, betrachtet der Leser es dennoch unbewusst als möglich. Das bedeutet, dass in einer Situation, in der Ihr Protagonist jemanden töten muss, um zu überleben, der Leser stillschweigend den Vorbehalt hinzufügt: »oder er lässt es und geht nach Hause«. Denn egal, wie unmöglich das im Moment scheint, die Möglichkeit liegt auf dem Tisch, die Leserinnen und Leser haben es bereits einmal gesehen. Es ist schwer, Spannung zu empfinden, wenn es scheinbar in jeder gefährlichen Situation in der Nähe des Protagonisten eine Tür gibt, über der in Neon-Leuchtschrift das Wort »Exit« steht.

Ausnahmen

Wenn Sie einen Charakter für eine Weile aus irgendeinem plausiblen dramaturgischen Grund wieder aus seiner gefährlichen Situation befreien müssen, stellen Sie sicher, dass der Leser weiß, dass es nur vorübergehend ist. Versuchen Sie, Ihren Charakter nicht mehrmals entkommen zu lassen – das verstärkt nur die Vorstellung, dass er es wieder tun könnte. Und vermeiden Sie es vor allem, den Protagonisten sich nach eigenem Belieben einer gefährlichen Situation entziehen zu lassen. Wenn er aus der Falle entkommen muss, lassen Sie ihn entführen oder durch Verbündete retten oder durch einen glücklichen Zufall entkommen. Wenn ein Charakter nämlich in der Lage ist, ohne fremdes Zutun eine Situation zu verlassen und dann wieder zurückzukehren, hat er zu viel Kontrolle, um echte Spannung entstehen zu lassen.

In der Kunst gibt es immer eine Ausnahme, aber in der Regel ist es fast nie eine gute Idee, den Protagonisten nach Belieben frei herumlaufen zu lassen. Freiheit bedeutet in diesem Fall Langeweile. Fangen Sie Ihre Helden ein – fangen Sie sie auf jede erdenkliche Weise ein – und das Schreiben eines spannenden Thrillers wird sehr viel einfacher sein.

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Wie man Protagonisten gefangen setzt

Wenn ich davon spreche, einen Protagonisten zu »fangen«, ist es leicht anzunehmen, dass ich das nur physisch meine. Wie wir weiter unten sehen werden, muss das Gefangensein nicht zwangsläufig physisch sein; aber es ist eine gute Option. Das physische Gefangensein Ihres Helden an einem bestimmten Ort gibt ihm ein klares Ziel, und Ihre Leserinnen und Leser werden die daraus resultierende Spannung zu schätzen wissen.

Der erste Teil von »Stirb langsam« bietet ein ideales Setting für einen Thriller. Betrachten Sie die Perfektion eines Wolkenkratzers, wenn es darum geht, darin gefangen zu sein. Das Erdgeschoss ist der Ausweg, und darüber gibt es nummerierte Stockwerke, die sich immer weiter von dieser Möglichkeit, das Gebäude zu verlassen, entfernen. Indem Sie einen Protagonisten auf Etage 15 oder 30 zeigen, weisen Sie ihm im Grunde genommen einen numerischen Wert zu. Je höher das Stockwerk, in dem er sich befindet, desto weiter vom Ausweg ist er entfernt.

Natürlich ist der Protagonist in »Stirb langsam« nicht nur körperlich gefangen. Ein wichtiger Aspekt der Geschichten der ersten beiden Teile der Reihe (bestehend aus vier Teilen) ist, dass die Antagonisten (unter anderem) die Frau des Helden gefangen genommen haben. Daher ist es psychologisch und emotional für den Helden unmöglich, aus dieser Situation herauszukommen, auch wenn dies physisch möglich wäre. Er muss den geliebten Menschen retten. Man braucht kein Gefängnis, um einen Protagonisten zu fangen.

Formen des Gefangenseins

Wenn Sie Ihren Helden nicht in einem etablierten ›Gefängnis‹ einsperren können, konfrontieren Sie ihn mit den Bedingtheiten der Welt. Was braucht er, körperlich und geistig? Stellen Sie sicher, dass er es nur auf eine bestimmte Weise bekommen kann, und benutzen Sie dieses Bedürfnis, um ihn ›zu fangen‹. Käpt´n Ahab ist gefangen von der Idee, den weißen Wal zu erlegen. Der Wille zur Rache treibt ihn an und lässt ihm keine andere Wahl. Besessenheit ist ein Gefängnis. Don Quixote ist gefangen von der Idee, ein fahrender Ritter zu sein und Heldentaten vollbringen zu müssen. Wahnvorstellungen sind ein Gefängnis. Sancho Pansa ist gefangen von seiner Loyalität gegenüber seinem Herrn und der von diesem in sein Hirn gepflanzten Aussicht auf Reichtum. Co-Abhängigkeit ist ein Gefängnis. Gollum ist gefangen von dem einen Ring, seinem ›Schatz‹, wie auch Bilbo, Frodo, Saruman, Sauron und alle, die mit diesem Ring in Kontakt kommen. Der Wille zur Macht ist ein Gefängnis. Dr. Jekyll ist gefangen von der dunklen Abseite der menschlichen Psyche. Schizophrenie ist ein Gefängnis.

Aber auch lebensweltliche Bedingtheiten können jemanden gefangen nehmen. Können Sie die Leserinnen und Leser glauben lassen, dass ein Protagonist in einem Job gefangen ist, den er hasst, obwohl er eigentlich kündigen könnte? Absolut, auf etwa hundert verschiedene Arten.

Abschließend

Denken Sie auch daran, dass Sie das Gefängnis immer wieder verkleinern können. Stecken Sie den Protagonisten in immer engere Räume und immer auswegloser erscheinende Situationen. War der Protagonist eben noch im dreißigsten Stockwerk eines Wolkenkratzers, mit zwei Dutzend schwerbewaffneter Terroristen in den Stockwerken unter sich, hängt er jetzt an der Fassade des Gebäudes, kurz vor dem Absturz, während es in dem Raum, in dem er gerade noch war, lichterloh brennt. Oder er hat keine Schuhe mehr und der Raum vor ihm ist über und über bedeckt von zersplittertem Glas, so dass er auf der einen Seite des Raumes gefangen ist. Und plötzlich tauchen auch noch Dinosaurier auf. – Vergessen Sie den letzten Satz. Aber Sie wissen, worauf ich hinaus will.

Auch diese ›Verengung‹ oder ›Zuspitzung‹ der Situation muss nicht zwangsläufig physisch sein – was auch immer Ihr Protagonist braucht, finden Sie einen Weg, um es immer schwerer zugänglich zu machen. Ziehen Sie die Schrauben immer weiter an, erhöhen Sie den Druck auf den Protagonisten, bis man seine Knochen ächzen und die Kiefer knacken und ihn mit den Zähnen knirschen hört. Umso befreiender und befriedigender wird das Erlebnis für die Leserinnen und Leser sein, wenn der Held schließlich alle Gefahren gemeistert hat. Im Idealfall sind alle Bedürfnisse des Protagonisten mit der gleichen Lösung zu beantworten, so dass der Leser ein klares Ziel vor Augen hat. Selbst wenn die Dinge schlecht enden sollten, sollte es eine ziemlich einfache Lösung geben, auf die die Leserinnen und Leser hoffen können. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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