Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich. Roman

Ziemlich enttäuschend fand ich den Debütroman von Thees Uhlmann. Das Buch hat mich vollkommen unberührt zurückgelassen. Auf der Verlagsseite wie auch im Internet wimmelt es nur so von positiven Kritiken bzw. begeisterten Kommentaren zu dem Roman, von denen sich manche in Auswahl auch auf der Buchrückseite finden (siehe unten). Mittlerweile gibt es sogar eine Theaterfassung von der Story, zudem auch noch im Schauspiel Essen, meiner Heimatstadt. Alle scheinen das Buch ganz toll zu finden. Für mich hingegen ist dieses Buch ein weiterer Beleg dafür, dass ´gut gemeint´ meistens ´schlecht gemacht´ bedeutet.

Offizieller Verlagstext/Klappentext:

Vor der Tür des Erzählers steht ein Mann, der ihm ähnlich sieht und behauptet, er sei der Tod und wolle ihn mitnehmen. Er habe noch ungefähr drei Minuten zu leben. Zwischen den beiden entspinnt sich eine absurd-witzige Diskussion, in der es um Kopf und Kragen, um die Insel Juist, den Lakritzgeschmack von Asphalt und das depressive Jobprofil des Todes geht. Zu seiner Verwunderung gelingt es dem Tod nicht, den Erzähler sterben zu lassen. Ein spektakulärer Roadtrip beginnt. Gemeinsam mit seiner Exfreundin Sophia und dem Tod macht sich der Erzähler auf den Weg zu seiner Mutter und zu seinem sieben Jahre alten Sohn, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, dem er aber Tag für Tag eine Postkarte schreibt.

buchcover_sophia der tod und ichEs geht auf eine Reise zwischen Himmel und Hölle – und um die Frage, ob es das alles überhaupt gibt. Eine Reise, die geprägt ist durch die Tollpatschigkeit, mit der sich der Tod durch die Welt der Lebenden bewegt, und Fragen wie: Muss der Tod pinkeln? Und wenn ja, wie macht er das? – Und die große Frage, was denn besser ist, »to burn out or to fade away«.

„Sophia, der Tod und ich“ ist ein rasanter, hochkomischer, berührender Roman über all das, was im Leben wirklich zählt. Ein Roadtrip quer durch die Republik, hin zu den Menschen, die uns wichtig sind. Man liest, lacht, zerfließt vor Melancholie und freut sich, dass man dabei ist, bei dieser großartigen Sache namens Leben.

„Ein richtig gutes Buch, lustig, im besten Sinne unterhaltsam, nachdenklich und zu Tränen rührend“ NDR

„Ein einzigartig wunderschönes Plädoyer für die Lust aufs Leben“ 1live, WDR

„Uhlmanns äußerst charmantes literarisches Debüt lebt von urkomischen Dialogen. Eine solche Zwiesprache mit dem Tod hat man noch nicht gelesen.“ Rolling Stone

„Eine Hymne an das Leben und die Liebe“ Christine Westermann, Frau TV

„Wäre das Buch ein Bier, es wäre mit Liebe gebraut.“ Spiegel Online


Buchkritik:

So sind also alle voll des Lobes und ganz erfüllt von der Lektüre dieses wunderschönen, nachdenklichen, melancholischen und zugleich sehr lustigen Buches. Und ich frage mich allen Ernstes, ob wir das gleiche Buch gelesen haben. Ob diese Rezensentinnen und Rezensenten denn schon einmal wirklich gute Bücher gelesen haben – denn mir scheint da der Bewertungsmaßstab etwas verrutscht. Oder ob sich alle dachten: Der Thees Uhlmann, das ist doch ein netter Kerl, dem gönnen wir eine gute Rezension. Oder ob es da irgendwelche Deals gibt, von denen ich nichts weiß. Weil es natürlich auch immer ein bisschen ums Geldmachen geht, wenn eine Person des öffentlichen Lebens, noch dazu ein einigermaßen wilder Musiker, sein Romandebüt veröffentlicht.

Bemüht, belanglos, zuweilen unterhaltsam. Das sind die Adjektive, die mir zu diesem Buch passend erscheinen. Obwohl ich ebenfalls glaube, dass Thees Uhlmann wahrscheinlich ein ganz netter Kerl ist. Aber all das, von dem in den anderen Rezensionen und Kommentaren gesprochen wird, kann ich nicht finden.

Die Grundidee: Figur Tod

Ich finde die Idee, den Tod zu personalisieren, nicht originell. Das gibt es schließlich schon in allen möglichen Varianten. Aber das ist per se erst einmal gar nicht schlimm. Eine Idee muss nicht immer neu sein, um gut zu sein. Aber die Idee muss interessant umgesetzt sein. Doch dieser Morten de Sarg in Uhlmanns Roman wirkt auf mich allzu aufgesetzt und gewollt. Gewollt ist, wenn ich das richtig verstehe, dass der Tod wie ein Kind staunend und enthusiastisch die Welt der Lebenden entdeckt und dabei, aufgrund seiner metaphysischen Beschaffenheit und Fähigkeiten, lustige und schräge Situationen hervorruft. Meiner Meinung nach ist Uhlmann dahingehend aber nichts Besonderes eingefallen.

Ohnehin gelingt es meinem Empfinden nach nur in den wenigsten Fällen, metaphysische Entitäten wie Gott oder hier den Tod in personifizierter Form angemessen literarisch auftreten zu lassen. Dem verbreiteten Stilmittel, in einem solchen Fall den Tod dann zu vermenschlichen und dadurch eine klamaukhafte Komik zu erzeugen, kann ich nur selten etwas abgewinnen. Auch bei Uhlmann ist mir das alles viel zu platt und klischeehaft geraten.

Sophia

Was mir ganz gut gefällt, ist, wie der Protagonist mit einer gewissen trotzigen Schulbuben-Verliebtheit darum bemüht ist, seiner Ex-Freundin Sophia zu gefallen, ohne sich eine zu große Blöße zu geben. Und diese Sophia, eine charakterlich sperrige und burschikose Polin mit einem ausgeprägten Hang zu vordergründiger verbaler Strenge, macht es ihm nicht gerade einfach. Das Verhältnis der beiden ist geprägt durch gegenseitige Anziehung bei gleichzeitig schwer zu überwindenden Differenzen. Das ist ganz nett und einnehmend, so dass ich nachvollziehen kann, wenn sich dadurch Rezensentinnen und Rezensenten einfangen lassen und dann zu einem überschwänglichen Gesamturteil gelangen. Und das Buch hat ja auch seine kurzweiligen und unterhaltsamen Passagen.

Gründe der Enttäuschung

Wenn aber das Buch gar nicht so ganz schlecht ist, warum bin ich dann so enttäuscht davon? Ich schätze, es ist ganz einfach wieder einmal so, dass meine Erwartungshaltung zu hoch war. Das passiert mir immer wieder, wenn ein Buch mich thematisch anspricht und ich in der Grundanordnung ein Potential zu einem wirklich guten Buch zu erkennen glaube (wie z. B. bei Wilde Reise durch die Nacht von Walter Moers oder Nachts von Mercedes Lauenstein). Aber die Umsetzung ist hier meiner Meinung nach weitestgehend misslungen. Natürlich ist das immer eine Geschmackssache; aber es gibt einige Punkte an dem Romandebüt des Popmusikers Uhlmann, die mir nicht gefallen. Und das sind überwiegend rein handwerkliche Dinge, so dass ich es dahingehend überraschend finde, dass öffentlich als Literaturexperten wahrgenommene Personen (wie z. B. Denis Scheck oder Christine Westermann) voll des Lobes sind.

Die Dialoge

Vor allem die „urkomischen Dialoge“ werden in den Rezensionen hervorgehoben. Insbesondere damit habe ich jedoch meine Probleme. Hier ein Beispiel:

Der Tod: „Hab ich dir doch gesagt, dass du die ganze Zeit Sachen denkst. Helle und dunkle. Und dann sagst du noch, dass du nicht denkst! Du bist auch ein Dummerchen.“

Ich: „Kann ich dir mal ein paar Fragen stellen?“

Der Tod: „Sehr gerne. Ich komme ja sonst fast nicht zum Reden.“

Ich: „Was ist hier eigentlich das Problem?“

Er: „Es gibt ein Problem?“

Echt schnell im Kopf war der Tod nun auch nicht gerade.

Ich: „Warum sagst du, dass das nicht geplant ist, das alles hier? Warum latsche ich mit dem Tod durch die Gegend? Warum muss Sophia mit? Wie geht das weiter? Muss ich immer noch sterben? Was soll das Ganze hier?“

Der Tod: „Deine vorletzte Frage kann ich schnell beantworten: Ja!“

Ich: „Das ist doch einfach eine riesengroße Scheiße!“

„Was soll ich denn machen? Nur weil ich die Linsensuppe von deiner Mutter gegessen habe, die übrigens wirklich vorzüglich ist, muss sich das Universum jetzt anders drehen, oder was?“, sagte der Tod fast beleidigt und überfordert.

Ich: „Ja nu!“

Er: „Was, ja nu?“

Zunächst einmal finde ich dieses häufige explizite Anzeigen, wer jetzt gerade etwas sagt, ziemlich unelegant. Eine Erklärung dafür ist vermutlich, dass Uhlmann, wie er selbst in einem Interview mit der Hamburger Morgenpost sagt, bisher nicht allzu viele Bücher gelesen hat, was man seinem Manuskript, so seine Lektorin von KiWi, auch anmerkte. Vermutlich wusste er es einfach nicht besser, und die Lektorin, die darin die Möglichkeit eines eigenen Stils, eines ´charmanten´ Alleinstellungsmerkmals, sah, ließ diese Form so stehen.

Diese Form legt eine Theaterfassung natürlich nahe. Glaubt man der Kritik der Theateraufführung unter nachtkritik.de, so zeigt sich bei der dramatischen Umsetzung der Buchvorlage jedoch deutlich ein weiteres Problem, das bei der Lektüre des Buches möglicherweise nicht unmittelbar ins Auge springt, bei einem Versuch der Inszenierung – und um eine visuelle Dimension erweitert – aber zutage tritt: Sobald die Figuren aufhören zu sprechen, hören sie auf zu existieren. Die Schauspieler auf der Bühne haben nichts zu spielen, und im Buch steht die Handlung still. Es ist ein ungemeiner Überhang an Dialogen, Monologen und gedanklichen Betrachtungen, die das Buch ausmachen. Der „Roadtrip“, von dem seitens des Verlagstextes gesprochen wird, verkommt meinem Gefühl nach zu einer bloßen Behauptung. Zwar sitzen die Figuren auch mal im Auto, aber eine wesentliche Bedeutung für den Charakter der Geschichte hat das eigentlich nicht.

Visualisierung und Figurenzeichnung

Überhaupt: Die Sache mit der Visualisierung. Die auftretenden Figuren sind ausnahmslos Stereotype. Ob die Erdbeermarmelade-einkochende Mama des Protagonisten, ob der mit einem lustigen polnischen Akzent sprechende und handfeste, kauzige Vater Sophias, ob die junge, hübsche und resolute Polin Sophia selbst, ob der Kneipier Johnny – alle entsprechen dem, was man irgendwo schonmal gesehen hat. Das hat den Vorteil, dass sich schnell ein gewisses Bild vor dem geistigen Auge der Leser einstellt, hat aber zugleich den Nachteil, dass es sich nicht um besonders originelle Charaktere handelt. Uhlmann macht es sich und uns leicht. Und auch die Darstellung der „Zwischenweltebene des Todes“ entspricht mit ihren blauen Flammen, der wabernden, pulsierenden und schwelenden Blase, die das Geschehen umfängt, dem, was man sonst aus Filmen oder meinethalben auch aus einer Comic-Serie wie den Simpsons kennt. Hierhin würde die Figur des Todes ganz gut passen. Denn diese sehr gute Serie zieht ihren Witz und zuweilen recht schwarzen Humor ja gerade daraus, dass sie gekonnt mit Stereotypen und Klischees spielt. Bei Uhlmann aber wirkt es eher etwas einfallslos. Vielleicht möchte er auch die Stereotypen und Klischees persiflieren? – Ich weiß es nicht. Falls ja, dann gelingt es nicht so richtig.

Mangelnde Tiefe

Am meisten stört mich die Eindimensionalität bzw. die Flachheit bei der Behandlung der Todesthematik. Offensichtlich gefällt es vielen, wenn der Tod als nette, zuweilen alberne Figur auftritt. Mir aber nicht. Weil ich den Tod nicht lustig finde. Und meiner Meinung nach ist es die denkbar einfachste Methode, der wirklichen Tiefe dieser Thematik aus dem Weg zu gehen, indem man kalauert. Ich würde sogar behaupten, dass eine Autorin oder ein Autor, die/der sich wirklich intensiv mit dieser Thematik auseinandersetzt, wohl kaum auf die Idee verfallen würde, den Tod derart zu verharmlosen. Dass diese Methode beim Publikum aber auf großen Anklang stößt, lässt sich leicht erklären, weil dies der allgemein vorherrschenden Tendenz der Verdrängung der wahren Tragweite dieser Thematik und dem schnellen Trost vermittels Weglachens Vorschub leistet.

Fazit

Dieses Buch ist nicht ganz schlecht, aber es lässt an Tiefe und Originalität vermissen. Es ist geeignet für alle, die sich selbst den Anschein geben möchten, sie setzten sich auf diese Weise mit der Todesproblematik auseinander, um sich dann durch die Lektüre dieses humorigen Textes und der verharmlosenden Darstellung des personifizierten Todes schnell trösten zu lassen. Mir persönlich ist das zu wenig. Und es zielt meines Erachtens in eine falsche Richtung, weil dies eine wirkliche gedankliche Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit eher verhindert.

Davon abgesehen, sind mir die eingestreuten, vermeintlich philosophischen Lebensweisheiten und -betrachtungen des Protagonisten nicht interessant genug. Zwar gibt es ein paar nette Bilder und Sätze in dem Buch, aber unterm Strich reicht es nicht. Irgendwie ist das Buch so, wie ich damals auch Tomte-Alben empfunden habe: Es fängt ganz nett an, wenn auch nicht jeder Satz und jedes Bild stimmig ist, aber nach Lied 5 oder 6 muss man spätestens die CD wechseln, weil die Unstimmigkeiten und flachen Bilder wie auch der nölige Gesang anfangen zu nerven.


Das Buch:

Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich. Roman. Köln 2015 (KiWi).

320 Seiten, 18,99 €, ISBN: 978-3-462-04793-6


Der Autor:

Mehr von und zu Thees Uhlmann findet man auf seiner Website: http://www.theesuhlmann.de/

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