So schafft man den NaNoWriMo – Teil 4

Dies ist der vierte Teil des NaNoWriMo-Leitfadens von indieautor.com, in dem es darum geht, wie Sie Ihre Geschichte abschließen können.

Mit Auslassungen arbeiten

Was ich gleich vorschlagen werde, könnte auf den ersten Blick völlig falsch erscheinen.

Die offizielle NaNoWriMo-Seite schlägt 50.000 Wörter als Ziel für November vor. Das ist ein Buch, aber es ist ein sehr kurzes Buch, und es kann bedeuten, dass Sie zwar diese Wörteranzahl innerhalb dieses Monats erreichen, aber Ihre Geschichte noch nicht zu Ende erzählt haben. Es hat aber einen besonderen (psychologischen) Wert, Ihre Geschichte während des NaNoWriMo beendet zu haben. Und das zu erreichen, kann davon abhängen, ob Sie ›Mut zur Lücke‹ haben oder nicht.

Wenn Sie merken, dass Sie es voraussichtlich nicht schaffen werden, innerhalb der 50.000 Wörter des NaNoWriMo Ihre Geschichte vollständig zu erzählen, könnte es der beste und effektivste Weg sein, einen Teil der Mitte zunächst wegzulassen und vorzuspringen zum letzten Teil Ihrer Geschichte, um diesen noch innerhalb der gesetzten Frist abzuschließen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn Sie zuvor Ihren Plot gut geplant haben, so dass Sie genau wissen, wie sich Ihre Geschichte entwickeln soll.

Der Hintergrund ist folgender: Wahrscheinlich wird es Ihnen nach dem NaNoWriMo leichter fallen, an einer Geschichte weiterzuarbeiten, die als erster Entwurf beendet ist, als an einer nicht abgeschlossenen Geschichte. Es könnte bei letzterem nämlich der Fall sein, dass Ihnen die Motivation abhandenkommt. Eine Geschichte, die kein Ende hat, ist noch nicht fertig. Ihr erster Entwurf ist nicht geschrieben, und es kann einfach sein, dass Sie nach NaNoWriMo wieder einschlafen, um irgendwann später (oder nie) an Ihr unvollendetes Projekt zurückzukehren. Eine Geschichte aber, die ein Ende hat und der ›nur noch‹ etwas von ihrer Mitte fehlt, macht einen vollständigeren Eindruck. Psychologisch fühlt es sich eher wie ein fertiger Entwurf an, und die Fertigstellung der fehlenden Abschnitte kann mehr Dringlichkeit bekommen. Es handelt sich um den Unterschied von »Ich habe meinen ersten Entwurf noch nicht fertig gestellt« und »Ich habe meinen ersten Entwurf geschrieben, aber er bedarf grundlegender Verbesserungen«.

Dieser Vorschlag ist vermutlich nicht für jeden geeignet, zumal sicher auch einige eine Geschichte erzählen werden, die in ihrem Rohentwurf mit 50.000 Wörtern auskommt. Wenn Sie aber eher zu denjenigen gehören, deren Geschichten in der Regel etwas umfangreicher ausfallen, ist die oben beschriebene Methode vielleicht einen Versuch wert.

Ganz egal, auf welchem Weg Sie Ihre Geschichte abschließen möchten, im Folgenden werden wir besprechen, was es dazu bedarf.

 

Höhepunkt vs. Ende

Der Höhepunkt Ihrer Geschichte ist der Moment, in dem der thematische Kern der Geschichte ein Crescendo erreicht, die Investition des Lesers sich auszahlt und der Hauptkonflikt Ihrer Geschichte gelöst wird. Der Bösewicht wird besiegt, die Geiseln werden gerettet, und der Kuchenverkauf läuft reibungslos. Vielleicht opfert sich Ihr Held für das Wohl der Allgemeinheit, vielleicht wischt der Bösewicht mit dem Helden den Boden auf, aber der Konflikt in Ihrer Geschichte ist beantwortet; was auch immer die Geschichte die ganze Zeit aufgebaut hat, es passiert.

Das Ende Ihrer Geschichte ist der Punkt, an dem der Text aufhört. Vielleicht verbringt der Leser am Schluss, nachdem der Bösewicht tot ist, noch ein paar Augenblicke mit den übriggebliebenen Figuren, die bereits auf kommende Abenteuer hindeuten. Vielleicht machen Sie einen Zeitsprung und spekulieren darüber, was die Protagonisten mit dem Rest ihres Lebens anstellen. Oder vielleicht gehen Sie noch weiter und blicken aus der Perspektive einer zukünftigen Gesellschaft auf sie zurück. Vielleicht endet Ihre Geschichte aber auch so nah wie möglich am Höhepunkt.

All diese Möglichkeiten sind respektable Entscheidungen, aber sie sind deshalb respektabel, weil sie Entscheidungen sind. In jedem Fall sollten Sie als Autorin oder Autor überlegen, was das Beste für Ihre Geschichte ist und wie die Beziehung zwischen Höhepunkt und Ende zu ihren Gunsten funktionieren könnte. Es ist wichtig, dass Sie sich darüber bewusst sind, dass der Höhepunkt Ihrer Geschichte nicht dasselbe ist wie ihr Ende.

Im Allgemeinen ist der Höhepunkt einer Geschichte der Moment der intensivsten Energie. Je weiter Sie sich von ihm entfernen, desto mehr von dieser Energie geht verloren. Das muss nicht schlecht sein – diese Energie kann in etwas anderes Nützliches verwandelt werden – aber es ist eine ziemlich feste Regel. Betrachten Sie die anderen Elemente Ihrer Geschichte in Bezug auf Ihren Höhepunkt. Welche Teilplots und Figurenentwicklungen müssen aufgelöst bzw. abgeschlossen werden? Wenn Sie mit Ihrer Geschichte in der Nähe des Höhepunkts enden wollen, überlegen Sie, wie Sie diese Plot-Elemente vor dem großen Finale auflösen können, oder lassen Sie das kulminierende Ereignis die Dinge für Sie abschließen.
Es ist ein Klischee, dass der Protagonist den Bösewicht tötet, seine Angebetete rettet und dann einen leidenschaftlichen Kuss mit ihr teilt, der zeigt, dass fürderhin alles in Ordnung sein wird – aber es ist das klassische Beispiel für eine Konfliktauflösung, in der das Haupthindernis auf eine Weise überwunden wird, die auch die romantische Nebenhandlung betrifft.

Wenn Sie hingegen planen, das Ende Ihrer Geschichte erst etwas weiter nach dem Höhepunkt stattfinden zu lassen, überlegen Sie, wie Sie dadurch die Geschichte verbessern können. Wenn große Ereignisse vorübergehen, blicken wir meist mit gemischten Gefühlen auf sie zurück – so geht es wahrscheinlich auch Ihren Figuren. Bereuen sie, was passiert ist, tragen sie noch die Narben und Wunden der überstandenen Kämpfe, trauern sie den Verlusten nach? Oder können Sie bereits wieder lachen und mit Zuversicht in die Zukunft schauen, vielleicht sogar neuen Abenteuern (und Fortzsetzungen) entgegen?

Empfohlene Lektüre:
Ein paar Worte zur Klimax

 

Im Allgemeinen geht es beim Höhepunkt darum, dass der Protagonist sein Kernziel erreicht. Dies kann auf verschiedene Weisen geschehen, über Kämpfen und Küssen bis hin zu Vereinbarungen und glücklichen Fügungen. Wenn immer möglich, sollten Sie aber auch die Themen und Ideen Ihres Buches auf den Punkt bringen. Der Held sollte nicht nur sein Ziel erreichen, sondern auch das ideologische Argument Ihres Buches vervollständigen (sofern es eines gibt).
Bekämpft Ihr Held den Faschismus? Dann sollte eine gegensätzliche Ideologie ihm zum Sieg verhelfen. Lehnt sich ihre Protagonistin gegen überkommene und vielleicht scheinheilige soziale Sitten auf? Dann sollte es gerade ihre unorthodoxe Art sein, die sie triumphieren lässt. Oder wenn Ihr Held eine Lektion lernt, dann sollte es die Verwirklichung dieser Lektion sein, die ihn seinen Gegner bezwingen lässt. In Geschichten geht es um Ereignisse, aber es geht auch um Ideen, und Ihre Geschichte wird vollständiger sein, wenn der Höhepunkt diese Dinge miteinander verbindet.

In der Praxis dreht sich Ihr Höhepunkt natürlich oft um ein Großereignis. Und wenn große Dinge passieren, liegen Glück und Trauer nahe beieinander, weswegen Sie sich auch mit der Darstellung dieser tiefen und existenziellen Emotionen auseinandersetzen sollten.

Empfohlene Lektüre:
Glück und Trauer in Ihrem Roman – Wie Sie tiefe Emotionen darstellen können

 

Figurenentwicklung

Als Höhepunkt und Ende Ihrer Geschichte ist es an der Zeit, über die Entwicklung Ihrer Figuren nachzudenken. In einer großen Erzählung bieten verschiedene Charaktere unterschiedliche Perspektiven auf die Themen und Ereignisse, aus denen die Geschichte besteht. Während sich diese Aspekte der Geschichte entwickeln, entwickeln sich auch die Charaktere.

Ihr Protagonist könnte sich verlieben, seine Vorurteile verlieren oder sogar seine ursprüngliche Moral völlig aufgeben. Der Protagonist des wunderbaren Films »Brügge sehen und sterben« ist ein kindlicher Killer, der gerade erst einen Job hatte, bei dem er versehentlich ein unschuldiges Kind getötet hat. Im Verlauf der Geschichte entwickelt er aufgrund seiner Schuld Selbstmordgedanken, findet aber einen Grund zu leben… kurz bevor er in eine Schießerei mit dem blutrünstigen Antagonisten gezwungen wird. In einer Lesart des Films kann sein Tod erst, als er nicht mehr sterben will, ein moralischer Ausgleich für den versehentlichen Tod eines Unschuldigen sein. Das ist eine Auflösung, die die Geschichte, die Themen und die Charakterzüge des Films zu einem sehr stimmigen Ende verbindet (das zudem noch kurz vor Schluss eine überraschende Wendung nimmt).

Überlegen Sie sich, wie Sie die Figurenentwicklung Ihrer Charaktere zu einem befriedigenden Abschluss bringen können, und wie diese Momente zur Hauptgeschichte und sogar zu der Entwicklung anderer Charaktere beitragen können.

Empfohlene Lektüre:
»Ich will so bleiben, wie ich bin«, oder: Figuren, wie in Stein gemeißelt

Wann sollte man ein Nachwort hinzufügen?

Wenn Ihre Geschichte zu Ende geht, könnten Sie versucht sein, einen Epilog in Betracht zu ziehen – einen kurzen Abschnitt, der von der Hauptgeschichte abgetrennt ist und Kontext hinzufügt oder zukünftige Ereignisse einleitet.

Epiloge können gut funktionieren, aber ich schlage vor, in Ihrem ersten Entwurf darauf zu verzichten. Das Einbeziehen zukünftiger Ereignisse (in einer weiteren Geschichte) kann Ihre Aufmerksamkeit von Ihrem aktuellen Projekt ablenken und Sie dazu verleiten, Raum für die Entwicklung zu lassen, genau zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie versuchen sollten, Ihre Geschichte in der möglichst knappsten Form zu schreiben.
Es wird später Zeit für Nachworte geben, und Sie können jederzeit Raum für neue Dinge öffnen. Das zu frühe Hinzufügen eines Nachwortes aber kann dazu führen, dass Ihre Geschichte nicht abgeschlossen ist. Das Gleiche gilt für das Einbeziehen einer neuen Geschichte in Ihr aktuelles NaNoWriMo-Schreibprojekt.

Natürlich kann es sein, dass Elemente Ihrer Geschichte absichtlich dazu da sind, um Fortsetzungen zu ermöglichen und darum angesprochen werden müssen, oder dass der Epilog etwas für die Geschichte tut, indem er sie vervollständigt. Vielleicht planen Sie Ihr NaNoWriMo-Projekt als ersten Band einer Reihe. Wenn es so ist, möchte ich Sie nicht davon abhalten. Ganz im Gegenteil.

Empfohlene Lektüre:
Wie man eine funktionierende Buchreihe schreibt

 

Abschließend

Dies war der vierte Teil dieser Beitragsreihe, die Sie bei Ihrem NaNoWriMo-Projekt unterstützen soll. Mittlerweile gibt es die komplette Reihe auch als kostenloses eBook: »Der NaNoWriMo-Assistent«.

 

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